1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Familien

Mönchengladbach: Eltern, seid wieder Leitwölfe

Ratgeber für Familien in Mönchengladbach : Eltern, seid wieder Leitwölfe!

Mütter und Väter wollen heute weder autoritär noch anti-autoritär erziehen. Diese Erfahrung hat Sozialpädagogin Anne Bleumer in ihren Kursen gemacht. Aber Kinder müssten Grenzen erleben, sagt sie.

Neulich im Supermarkt: Die Mutter fragt ihren Dreijährigen, was er am nächsten Tag gern essen möchte. „Spaghetti“, antwortet er spontan. Die Mutter seufzt, denn Papa mag keine Spaghetti und sie selbst auch nicht besonders gern. Aber sie kauft entsprechend ein. Am nächsten Tag sitzt die ganze Familie vor Tellern mit Spaghetti, auf die gar keiner Lust hat, auch der Dreijährige nicht. Er nölt: „Ich will keine Spaghetti.“ Er hatte seine Entscheidung spontan getroffen, ohne wissen zu können, was er am nächsten Tag möchte.

„Kinder können in diesem Alter ihre Bedürfnisse nicht im Voraus planen“, erklärt die bei der Familienbildungsstätte (FBS) Mönchengladbach für Erziehungsthemen zuständige Sozialpädagogin Anne Bleumer. Deshalb seien die Eltern gefordert, Verantwortung zu übernehmen.

Eltern sollen Leitwölfe sein, hatte der im vergangenen Jahr verstorbene dänische Familientherapeut Jasper Juul in seinem letzten Buch erklärt: „Kinder brauchen Erwachsene, die sie führen, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden.“ Oder um es mit dem Bild von Anne Bleumer zu beschreiben: Eltern und Kinder brauchen ein Geländer. Vor dem Geländer kann man sich sicher aufhalten, hinter dem Geländer wird’s gefährlich. Dieses Geländer, das viele Eltern-Generationen besaßen, gibt es heute oft nicht mehr.

„Wenn ich mit Eltern in unseren Kursen darüber rede, wie ihr Erziehungsstil aussieht, dann merke ich, dass die Vorbilder fehlen“, stellt sie fest. Heutige Eltern wollen nicht autoritär sein und einfach über die Köpfe der Kinder hinweg bestimmen, sie wollen aber auch nicht anti-autoritär erziehen. Wo also ist der richtige Weg? „Es ist eine herausfordernde Aufgabe, das herauszufinden“, weiß Anne Bleumer. Jasper Juuls Ansatz weist einen Mittelweg, auch wenn die These vom Leitwolf provokant klingt.

Der dänische Autor fordert liebevolle Führung von den Eltern, ein Eingehen auf die Wünsche der Kinder, aber kein Abgeben von Verantwortung. „Kleine Kinder können nicht die Verantwortung dafür übernehmen, zu entscheiden, was die ganze Familie essen soll“, erklärt Anne Bleumer. Aber man kann sie in die Entscheidung einbinden, indem man zwei Möglichkeiten zur Wahl stellt: lieber Kartoffeln oder Nudeln?

„Eltern und Kinder haben unterschiedliche Rollen“, sagt die Sozialpädagogin. „Kinder müssen ernst genommen werden, aber sie müssen viele Erfahrungen erst noch machen.“ Und diese Erfahrungen sollen sie innerhalb klarer Grenzen machen können – vor dem Geländer sozusagen.

„Wenn Kinder keine Grenzen erleben, schreien sie geradezu danach“, erklärt Anne Bleumer. Aus lauter Harmoniebedürfnis aus den Kindern kleine Prinzen und Prinzessinnen zu machen, nach deren Wünschen sich alle richten, ist also definitiv keine Lösung. Auch nicht, den Kindern jedes Hindernis aus dem Weg räumen zu wollen.

„Wenn ein kleines Kind nach einem Glas verlangt, das auf dem Tisch steht, das es aber nicht erreichen kann, muss man ihm das Glas nicht geben, sondern nur dafür sorgen, dass es in Reichweite gerückt wird“, gibt Anne Bleumer ein kleines Beispiel aus dem Alltag. Damit die Kinder ihre Erfahrungen selbst machen können.

Andererseits seien klare Entscheidungen der Eltern, zu denen sie auch stehen, meist eine gute Lösung, meint Anne Bleumer. „Dabei kann man auch mal Fehler machen, es geht nicht darum, perfekt zu sein“, erklärt die Sozialpädagogin. „Aber eine klare Entscheidung wird akzeptiert.“ Leitwolf sein eben. Eltern seien nach der Teilnahme an Elternkurse gerade zum Thema Führung oft erleichtert. Erleichtert, weil sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Und auch, weil sie Führung übernehmen dürfen und trotzdem nicht so sind wie ihre eigenen Eltern. Denn sie nehmen ihr Kind dennoch ernst.