1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Familien

Mönchengladbach: Einmal die Zeit anhalten können

Opa-Kolumne : Einmal die Zeit anhalten können

Omas und Opas würden die Zeit, in der Enkel Kinder sind, am liebsten konservieren, findet unser Autor. Das sieht der Nachwuchs allerdings ganz anders.

Beim Ranking der beliebtesten Phrasen steht diese oben: „Wie schnell doch die Zeit vergeht!“ Das ist natürlich großer Unfug. Ein Tag hat 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten, eine Minute 60 Sekunden. Doch Eltern und Großeltern, die das Aufwachsen von Kindern und Enkeln erleben, haben oft den Eindruck, als würde die „Zeit davonrennen“. Gestern noch haben wir Windeln gewechselt, morgen beziehen die einst Kleinen ihre erste Bude. Auch die Blickrichtung ist konträr. Omas und Opas würden die Zeit, in der Enkel Kinder sind, am liebsten konservieren. Der Nachwuchs dagegen sehnt sich geradezu danach, endlich „groß“ und erwachsen zu werden.

Meine Frau erinnert sich gerne an einen Besuch mit der kleinen Hannah auf der Kirmes. Nicht Autoscooter, Karussell und Zuckerwatte faszinierten die damals Vierjährige, sondern Jugendliche, die sich an der Raupenbahn sammelten, die für sie seit jeher ein begehrter Kirmes-Treffpunkt ist. Auf die „Lugendlichen“, so bezeichnete Hannah sie seinerzeit, starrte sie und beobachtete gebannt deren Balzverhalten.

  • Polizisten nehmen die Personalien der Gegendemonstranten
    Aktion gegen AfD-Kundgebung : Ermittlungen nach Demo von „Omas gegen Rechts“ in Hilden
  • Hannelore Feckler und ihr Enkel Tim
    Demenzzentrum in Neuss : Wenn Opa manchmal „anders“ ist
  • Uwe Richrath, Mark Kretkowski und Helmut
    Kinderschutzbund wirbt mit Plakataktion um Ehrenamtler : Engel und Großeltern dringend gesucht

Inzwischen steht die heute Elfjährige selbst vor der Ausgangstür ihrer Kindheit. Wenn ich ihr sage, dass sie schon wie eine Jugendliche wirkt, zeigt sie ein Mona-Lisa-Lächeln und genießt still die Bemerkung, als würde ich ihr ein besonders schönes Kompliment machen. Ihre Schwester Matilda, eher Pragmatikerin als Philosophin, schwimmt mit auf der Jugendlichen-Welle ihrer Schwester, weil sie offenbar das Gefühl hat, damit selbst älter zu erscheinen.

Deshalb weiß die Siebenjährige, wie sich Jugendliche verändern – zumindest äußerlich. „Hannah hat schon Pickel“, erwähnte Matilda jüngst und wies mich auf eine winzige Erhebung an Hannahs Hals hin. Als mein Sohn und ich über diese Erkenntnis ins Grübeln kamen und uns ausmalten, wie wir in einigen Jahren Hannahs erste Bude einrichten und mein Sohn darin auf ein eigenes Bett beharrt, weil er seine flügge gewordene Erstgeborene beschützen will, verdrehte Matilda die Augen: „Papa, das ist voll peinlich. Dann kommt Hannah mit ihrem Freund – und du bist in ihrer Wohnung.“

Matilda genießt die Rolle im Blickfeld der großen Schwester, weil sie von Vorteilen profitiert. Feiert Hannah mit Freundinnen, ist Matilda oft dabei. Kinobesuch, Borussia-Spiel, ein TV-Film am Samstagabend – Matilda sitzt an Hannahs Seite. Matilda ist sich sicher, dass auch bei ihr der Abschied aus der Kindheit ansteht. Und sie erschließt sich selbst neue Welten und Darstellungsmöglichkeiten: Denn Matilda kann jetzt lesen und schreibt eigene Geschichten.

Diese präsentiert sie mir. Matildas Erstlingswerk hat einen Ehrenplatz bei mir: Es erzählt von einem Pferd, das „Loken und ein waeisches Fel“ hat. Diese sprachliche Unbekümmertheit ist kostbar, da sie fernab aller Einflüsse widerspiegelt, dass sie trotz ihrer Koketterie mit einer frühen Jugendlichkeit zum Glück noch „klein“ ist. Als sie jetzt im Religionsunterricht auf einem Übungsblatt den Weg ihres Lebens beschrieb, formulierte sie über ihre Geburt: „Ich bin als erstes mit den Füsen geborn und das had Spas gemacht.“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (11), Matilda (7) und Elisa (4). . Foto: Ilgner