Mönchengladbach: Der Schnullerbaum im Bunten Garten

Mönchengladbachs Fundstücke : Der Schnullerbaum im Bunten Garten

Kleine Trinkflaschen, kleine Handschuhe, kleine Stirnbänder – in den Ästen findet man Erinnerungsstücke von Kindern, hinter denen eine Geschichte steckt.

Fährt man die untere Beethovenstraße entlang des Bunten Gartens, brechen bei Sonnenschein kurze Lichtreflexionen durch die Autoscheiben. Man kann in der Kurve nicht sonderlich schnell fahren, und so ist ein Blick in den Park erlaubt. An dem schmaleren Pfad, der sich oberhalb des von der Straße aus sichtbaren Hauptwegs schlängelt, zucken bunte Teilchen an einem Strauch im Wind. Zeit für einen Ortstermin:

Die Rosa Hamamelis blüht im Januar und Februar. Man sagt ihr nach, dass ihre Blätter und Rinden eine heilsame und lindernde Wirkung bei Wunden und Entzündungen haben. Der Strauch trägt vielleicht wegen all dem auch den Namen Zaubernuss.

Die Zaubernuss im Bunten Garten ist mit einem Meer von Schnullern geschmückt. Auf den ersten Blick ein Schnullerbaum also, wie es ihn auch etwa im Tierpark Odenkirchen gibt. Eltern, die ihren Kindern den Schnuller abgewöhnen wollen, suchen mitunter solche Bäume auf, um dem Nachwuchs das Loslassen zu erleichtern. Die Kinder hängen ihren Schnuller am Baum auf; damit ist er nicht einfach weg, sondern lediglich woanders. Die Idee kommt aus Dänemark, dort gibt es die Schnullerbäume schon seit den 1920er Jahren.

Der Schnullerbaum im Bunten Garten ist aber anders; er ist mehr, denn er behütet noch andere Dinge. Wie einen Kinderhandschuh, ein ganz kleines Milchfläschchen für die ersten Lebensmonate, ein Stirnband aus Frottee – oder ist es ein winziger Schal, der einst den Hals einer Puppe wärmte? Was hat das Kind, das seinen Handschuh der Zaubernuss anvertraut hat, gedacht, oder hat es den Handschuh einfach nur verloren, und ein aufmerksamer Spaziergänger hat das Textil dort bereit zum Abholen hindrapiert? Hinter allen Dingen, die dort hängen, verbirgt sich eine Geschichte eines Kindes.

„Deswegen bleibt alles, was der Zaubernuss anvertraut wurde, auch hängen“, sagt Dieter Mellin von der Mags. Er und seine Kollegen pflanzen gerade Hornveilchen in das benachbarte Beet ein. Seit zwei bis drei Jahren geht das Bestücken des Strauches schon so, sagt Mellin, und dass es von Jahr zu Jahr mehr Dinge werden, die die Zaubernuss beherbergt.

Monia Cremer fährt wie beinahe täglich das Kleinkind eines Freundes im Bunten Garten spazieren. Sie lächelt auf die Frage, ob sie heute schon bei der Zaubernuss vorbeigeschaut hat, und sagt dann: „Aber natürlich, das ist doch unser Zauberbaum, bei dem die Erinnerungen der Kinder in diesem Garten bleiben. Die Kinder können öfters vorbeischauen, um sich zu vergewissern, dass ihre Vergangenheit lebendig bleibt.“

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