Mönchengladbach: Der Kinderrettungsanker ist zurück in Odenkirchen

Jugendprojekt in Odenkirchen : Ein Anker für Kinder in Not

Wenn Kinder auf der Straße von Jugendlichen angepöbelt oder bedroht werden, finden sie in 20 Odenkirchener Geschäften Hilfe. Als sichtbares Zeichen klebt ein „Rettungsanker-Sticker“ im Schaufenster.

Solche Situationen kennt Lisa (17) nur zu gut: Man möchte zur Schule, zum Kiosk oder zur Eisdiele, und auf dem Weg begegnet man einem Jugendliche, die einen anpöbeln, beleidigen oder sogar verfolgen. Ein unangenehmer, verunsichernder Moment für Kinder. Seit einigen Monaten haben Kinder in solchen Situationen aber wieder Ansprechpartner in Odenkirchen: durch die Wiederauflage des Odenkirchener Kinderrettungsankers – ein Projekt des Katholischen Vereins für Soziale Dienste Rheydt (SKM).

Ein roter, runder Aufkleber ist das Erkennungszeichen für einen Ansprechpartner. Bei diesen handelt es sich um die Inhaber und Mitarbeiter der verschiedenen Einzelhandelsgeschäfte. Wer den Sticker hat, weiß, was zu tun ist, wenn ein Kind Hilfe sucht. Das kann eine Pöbelei sein, aber auch, wenn ein Kind sich verletzt. Dafür wurden die Rettungsanker-Partnergeschäfte mit einem Hilfepaket ausgestattet, das Handlungsanweisungen enthält: Neben Beruhigung, Betreuung und räumlichem Schutz sollen die Eltern der Kinder kontaktiert werden – oder, falls diese nicht erreichbar sind, der professionelle Hintergrunddienst des Rettungsankers. Dahinter stehen das Familienzentrum an der Hoemenstraße und das Kinder- und Jugendzentrum Villa.

Der Rettungsanker-Sticker klebt mittlerweile an den Schaufenstern von rund 20 Läden in der Odenkirchener Innenstadt rund um den Marktplatz. Auf die Zahl ist Lisa stolz. „Kinder sollen sich nicht davor scheuen, sich selbst Hilfe zu holen“, sagt die 17-Jährige, die das Projekt gemeinsam mit ihrer Schwester Chiara (14) wieder auf den Plan gerufen hat.

Den Kinderrettungsanker gibt es in Odenkirchen eigentlich schon seit Jahren. Ursprünglich hatte die Initiative „Hey!Rheydt“ das Projekt ins Leben gerufen. Rheydt war 2015 der erste Stadtteil, in dem die Rettungsanker-Sticker an den Laden-Schaufenstern klebten, bevor das Projekt auch in Odenkirchen aufgenommen wurde. In Rheydt machen laut Markus Offermann, Quartiersmanager der SKM, mittlerweile etwa 80 Läden mit.

In Odenkirchen hingegen war das Projekt lange Zeit eingeschlafen. Bei den Odenkirchener Gesprächen Ende Mai haben Lisa und Chiara schließlich die Gelegenheit genutzt, und den Rettungsanker wieder aufleben lassen – und bekamen sofort Unterstützung. Judith Schürholz und Sven Büsdorf studieren Soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein und haben sich bereit erklärt, im Rahmen eines Projektseminars den Kinderrettungsanker zu unterstützen. Gemeinsam mit Projektleiterin Heike Kox koordinieren sie alle Maßnahmen und begleiten die Jugendlichen bei Vor-Ort-Terminen in den Geschäften und Informations-Vorträgen in Schulen, Kindergärten und Altersheimen. Dort erklären die Jugendlichen, wann und warum Kinder sich Hilfe holen sollten.

„Ich war total überrascht, dass die Jugendlichen so motiviert waren“, sagt Schürholz. Die meiste Arbeit hätten die zehn Jugendlichen um Lisa und Chiara laut Schürholz gänzlich selbstständig in die Hand genommen. Schulbesuche, Organisation, die Gespräche mit den Laden-Inhabern: Alles sei von den Jugendlichen ausgegangen. Dass der Rettungsanker mit einem Jugendprojekt verbunden ist, sei etwas ganz Besonderes und ein Unterschied zum Rettungsanker in Rheydt, der ausschließlich vom SKM betreut werde, erklärt Heike Kox.

Für Lisa und Chiara ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. „Mir persönlich ist das sehr wichtig. Wenn ich irgendwann einmal selber Kinder habe, möchte ich ja auch wissen, dass sie geschützt zur Schule oder ähnlichem gehen können“, erklärt Lisa. Umso enttäuschender war es für sie, als einige wenige Läden dem Rettungsanker eine Absage erteilten. Das Argument, zu wenig Zeit für so etwas zu haben, kann Lisa nicht verstehen. „In einem großen Geschäft hat man uns sogar gesagt, die Kundschaft sei wichtiger, und man wolle keine kleinen Kinder im Laden haben. Unglaublich“, sagt Lisa. Glücklicherweise sei dieser Fall aber eine Ausnahme. Bisher habe es viel positives Feedback von Seiten der Geschäfteinhaber gegeben.

Lisa und Chiara wollen aber mehr: Schon bald wollen sie gemeinsam mit den Studierenden und den anderen Jugendlichen noch einmal durch die Odenkirchener Innenstadt ziehen und die übrigen Ladeninhabern vom Projekt überzeugen. Sie hoffen zudem, dass das Projekt künftig auch in anderen Stadtteilen etabliert wird. „Odenkirchen ist nicht der einzige Stadtteil, der Probleme hat“, sagt Lisa.

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