Leukämiekranker Junge: So geht es Finn aus Mönchengladbach heute

Finn aus Mönchengladbach : Der Junge, der lebt

Als Finn zum zweiten Mal Blutkrebs bekommt, ist er sechs Jahre alt. Heute kann der Achtjährige aus Odenkirchen endlich wieder tun, was er liebt.

Als der Krebs zum zweiten Mal in sein Leben tritt, verdammt er den kleinen Jungen auf die Tribüne. Es ist ein Januartag im Jahr 2017, das Finale eines Kinder-Fußballturniers in Mönchengladbach-Odenkirchen, als der sechsjährige Finn plötzlich einen Schmerz im Bein spürt. Den Sieg seiner Mannschaft kann er sich nur noch vom Spielfeldrand anschauen, erzählt er. Da weiß Finn noch nicht, dass er nun etwas ganz anderes gewinnen muss: seinen zweiten Kampf gegen den Krebs.

Als er am Abend seiner Mutter von dem Bein erzählt, ist sie sofort alarmiert. Nicht wegen des Beins, sondern weil ihr Junge so blass aussieht. Und vor allem, weil der Blutkrebs die Familie schon einmal heimgesucht hatte – da wird eine Mutter selbst bei Kleinigkeiten hellhörig. Anne Lorenz zögert nicht wie beim ersten Mal im Jahr 2012, als Finn mit großen blauen Flecken vom Turnen kam, und sie fürchtete, dass man sie im Krankenhaus auslachen wird, als sie wegen ein paar blauer Flecken hinfuhr. Dieses Mal geht es noch am Abend ins Krankenhaus, und als auch beim zweiten Blutbild schlechte Werte rauskommen, ist klar: Die Leukämie ist zurück im Leben der Familie Lorenz. So plötzlich, wie manchmal auf dem Fußballplatz genau in dem Moment zwei Gegentore fallen, in dem der Sieg schon sicher scheint.

Wie reagiert man, wenn der Gegner zurückkommt? Mutter Anne fährt mit Finn nach Hause, packt ein paar Dinge ein und bringt ihren Jungen in die Kinder-Onkologie nach Düsseldorf. „Man funktioniert“, sagt sie. Was soll man auch sonst tun?

An seinem siebten Geburtstag ist Finn wieder zu Hause. Foto: Anne Lorenz

Fortan verbringt Finn monatelang den Großteil seiner Zeit im Krankenhaus. Chemo, schlafen, Blutabnahme, schlafen, Nintendo spielen, schlafen. Weil ihm das Essen im Krankenhaus nicht schmeckt, bringen seine Mutter und sein Stiefvater ihm Brot und Schinkenwurst von zu Hause mit. Und kaufen ihm fast täglich Döner oder Pizza, weil Eltern in solchen Situationen eben alles für ihr Kind tun. Und weil niemand weiß, wie oft das Kind sein Lieblingsessen noch essen wird.

Einen Katheter für die Chemo und für Blutabnahmen, den die Ärzte durch Finns Brust legen, wird er gut acht Monate tragen. Als Anne Lorenz erzählt, wie tapfer Finn das alles durchgestanden hat, sagt der Achtjährige: „Wie Erwachsene.“ Doch man muss sich fragen, ob Erwachsene nicht längst zerbrochen wären an dem, was der kleine Junge erlebt hat: Nicht nur, dass der Krebs ihn zum zweiten Mal erwischt. Auch sieht er im Krankenhaus auf seiner Station Kinder sterben, die gerade erst zu Freunden geworden waren. Und dann, ein Jahr nach dem Fußballturnier, stirbt auch noch der acht Monate alte Hundewelpe, der im Frühjahr erst zur Familie gestoßen war, um ihr eine flauschige Stütze zu sein. Nur Finn, der lebt weiter.

Doch die Chemo setzt ihm zu, er verliert die Haare, ist erschöpft und manchmal sogar aggressiv. „Kortison verändert die Seele“, sagt Anne Lorenz über ein Medikament, das ihr Sohn nehmen muss. „Mama, du Schinkenwurst“, blafft Finn einmal seine Mutter an. Mit sechs Jahren kannte er kaum eine andere Beleidigung, sagt sie und muss lachen.

Finn ist wieder fit, spielt Fußball und klettert auf Bäume. Foto: Anne Lorenz

Was der Familie Kraft gibt, ist der Fußball. Finn spielt, seit er vier ist, sein Stiefvater ist im Verein aktiv. Anne Lorenz sagt, sie habe früher nie verstanden, warum „harte Kerle“ dabei so emotional werden. „Aber jetzt weiß ich: Fußball bedeutet Zusammenhalt.“ Als Finns Verein, der Odenkirchen 05/07, von der Leukämie-Erkrankung des Jungen erfährt, steht die Mannschaft schon wenige Tage später auf dem Fußballplatz und berät, wie sie Finn helfen kann. Sie drucken T-Shirts mit der Aufschrift „Fight for Finn“, organisieren ein Benefizturnier und eine Typisierungsaktion, um einen möglichen Stammzellspender für Finn zu finden. Im Krankenhaus besuchen die Ex-Borussia-Spieler Thorben Marx und Marc-André ter Stegen den damals Sechsjährigen.

Wenige Monate nach dem Tod des Hundewelpen stehen einige Vereinsmitglieder auf der Straße vor Finns Wohnhaus, zwischen alten Bauernhäusern und Feldwegen. Sie haben ein Schild dabei, darauf das Foto eines Hundewelpen: „Hallo Finn, ich bin Fibi. Willst du mein Freund sein?“ Und dann springt die kleine Hündin aus dem Kofferraum und läuft zum kleinen Finn. „Sie hat auch zu mir ja gesagt“, erzählt Finn.

Es kommt der Tag, an dem Finn seine Mutter und seinen Stiefvater im Krankenhaus mit in die Kirche nimmt. „Lieber Gott, gib mir die Kraft, dass ich bald wieder ganz gesund bin“, schreibt er in ein Gästebuch. 2018 wird Finn getauft, „weil er es so wollte“, sagt seine Mutter.

Finns Fußballmannschaft Odenkirchen 05/07 hat die Familie während der Krankheit immer unterstützt. „Fußball ist Zusammenhalt“, sagt Finns Mutter. Foto: Jana Bauch

Im September 2017, einen Tag vor seinem siebten Geburtstag, wird der Katheter aus Finns Brust entfernt. Und weil die Ärztin ihm sagt, dass er wieder zur Schule gehen darf, findet er es nur logisch, auch wieder Fußballspielen zu gehen. Also steht er am Wochenende wieder auf dem Platz. Langsam kommen nun auch seine Haare zurück, und obwohl er sich laut seiner Mutter nie unwohl mit der Glatze gefühlt hat, bedeuten ihm die wiedergewonnenen Haare viel: Endlich kann er sich beim Friseur den hippen Undercut-Schnitt machen lassen, den seine Fußballidole Cristiano Ronaldo und Lionel Messi so oft im Fernsehen tragen.

Bis zu seinem neunten Geburtstag im September muss Finn Tabletten nehmen, alle zwei Wochen untersuchen sie sein Blut. Doch schon jetzt ist er längst wieder ein normaler, gesunder Achtjähriger. Er turnt mit den zwei Katzen übers Sofa. Er geht zum Kommunionsunterricht und zum Fußballtraining. In der Schule kommt er gut mit, obwohl er monatelang gefehlt hat – nur die Englisch-Hausaufgaben, auf die hat er keine Lust. „Ich würde mir wünschen, dass uns das Leben jetzt einfacher gemacht wird“, sagt seine Mutter. Und Finn sagt über seine Krankheit: „Man kann daran sterben, aber ich hab’s zweimal geschafft.“ Und nun hoffen sie, dass Finn kein drittes Mal gegen den Krebs antreten muss.

Denn da ist noch sein großer Plan: Finn will Fußballprofi werden. Dass er ein Siegertyp ist, hat er nicht nur dem Krebs gezeigt. Es ist ein Dezembertag im Jahr 2018, das Finale eines Kinder-Fußballturniers, und Finn steht dieses Mal als Kapitän auf dem Platz. „Wir sind wieder Erster geworden“, erzählt er, der zwei Tore geschossen hat. Und dieses Mal war er bis zum Schlusspfiff mit dabei.

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