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Lehrer aus Mönchengladbach: Schulen bereiten nicht auf digitale Jobs vor

Lehrer aus Mönchengladbach alarmiert : „Wir bereiten Schüler auf Jobs vor, die es bald nicht mehr gibt“

Lehrer und Autor Felix Nattermann ist alarmiert: Mit dem heutigen Schulsystem werden die Kinder nicht mehr auf die Zukunft vorbereitet, sagt er. Denn der Arbeitsmarkt wandelt sich – und die Schule kommt nicht hinterher.

Herr Nattermann, Sie unterrichten am Gymnasium am Geroweiher und leiten dort die größte Computer-AG in der Stadt. Außerdem beraten Sie Unternehmen bei der Digitalisierung und sind bei nextMG aktiv – dem Verein, der die digitale Transformation in Gladbach vorantreiben will. Meinen Sie, dass Schule die Schüler heute auf die digitale Welt vorbereitet?

Nattermann Nein, ich halte unser Schulsystem für komplett veraltet. Das, was Schüler für ihre Zukunft brauchen, und das, was wir ihnen in der Schule beibringen, ist widersprüchlich und passt an vielen Stellen einfach nicht mehr zusammen. Mit Blick auf den künftigen Beruf bereiten wir Schüler auf Branchen vor, die wegbrechen werden, während sie das, was sie brauchen werden – nämlich digitales Denken – nicht lernen. Es wird in Zukunft nicht mehr darum gehen, nach standardisierten Verfahren etwas abzuarbeiten, sondern nachzudenken, querzudenken, sich selber neue Sachen anzueignen, im Team zu arbeiten und kreative Wege zu finden. Es geht ums Knobeln und Austüfteln. Der Mensch muss das können, was der Computer nicht kann.

Die Politik hat erkannt, dass die Digitalisierung die Schulen erreichen muss. Der Bund will Geld bereitstellen. Reicht es, alle Schüler mit Tablets auszustatten?

Nattermann Ganz und gar nicht. Wenn die Schüler Tablets haben, ist das gut, aber das gehört nur in den Bereich, in dem der Computer als Werkzeug dient. Tablets und der Computereinsatz im Unterricht helfen beim Erarbeiten von Inhalten in den unterschiedlichsten Fächern, nicht aber direkt beim Thema Medienkompetenz. Ziehen und Klicken können die Schüler auch so schon. In der Schule müssen wir uns aber um drei Bereiche kümmern. Wir müssen auch für eine informationstechnische Grundbildung (ITG) sorgen. Ein Stichwort ist hier Medienkompetenz. Die Schüler müssen begreifen, was mit Daten passiert, wo sie gespeichert werden, wie auf sie zugegriffen wird. Zum Beispiel, warum man bei Youtube immer nur Videos mit einer bestimmten Ausrichtung angezeigt bekommt. Dazu gehört auch der Datenschutz. Außerdem gibt es die Informatik – den Bereich, wo der Mensch als Entwickler auftritt, wo Daten gesammelt werden, Programme geschrieben, Algorithmen eingesetzt. Diese drei Bereiche muss man unterscheiden, und man muss sie in der Schule alle bedienen.

Das heißt, wir brauchen jede Menge Informatiklehrer. Oder kann Medienkompetenz auch in anderen Fächern vermittelt werden?

Nattermann Tatsächlich wird heute versucht, ITG in anderen Fächern unterzubringen. Meiner Meinung nach ist das aber Blödsinn. Ein guter Politiklehrer kennt sich noch lange nicht in den digitalen Medien aus, wo die Trends sich rasend schnell verändern. Kein Schüler ist heute mehr auf Facebook aktiv, sie sind bei Instagram und Whatsapp. ITG benötigt daher ein eigenes Fach, gute Konzepte und Lehrer, die beim Thema Digitalisierung ständig am Ball bleiben.

Ist das System Schule flexibel genug, um auf die hohe Geschwindigkeit, mit der sich Veränderungen vollziehen, zu reagieren?

Nattermann Wir haben das Problem, dass sich das große Schiff Schule sehr, sehr langsam bewegt. Wir müssen aber mit der Geschwindigkeit der Gesellschaft Schritt halten. Selbst wenn wir mit Abstand hinterherhinken, darf sich der Abstand nicht noch vergrößern. Es wird allerdings sehr schwierig werden, für das dringend in allen Schulen benötigte Fach Informatik genügend Lehrer zu finden, denn Informatiker werden auch von der Wirtschaft sehr umworben und dort sehr viel besser bezahlt.

Wie wird Ihrer Meinung nach die Berufswelt von morgen aussehen? Was bricht weg? Was entsteht neu?

Nattermann Die Hälfte unserer Schüler wird Berufe ergreifen, die es heute noch gar nicht gibt. Es werden außerdem Spezialisten für Suchmaschinen gebraucht, Leute für Cyber-Sicherheit, Influencer. Gleichzeitig werden zum Beispiel in der Verwaltung Berufe verschwinden. Aber auch Dolmetscher werden nicht mehr so stark gebraucht, wenn künstliche Intelligenz sich weiter so entwickelt. Im Einzelhandel wird es weniger Stellen geben genauso wie in Reisebüros. Handwerker werden wohl erst mal nicht betroffen sein. Aber das alles muss keine Angst machen, denn es entstehen ja auch neue Jobs. Für die braucht man aber andere Kompetenzen.

Was bedeutet das für die Schulen?

Nattermann Wir müssen den Schülern weniger das Reproduzieren und Anwenden als das Problemlösen beibringen. Ein Beispiel aus der Mathematik: Gleichungen lösen kann ein Computer besser und schneller – die Schüler müssen vor allem Textaufgaben lösen können. Die Zeit des konsumierenden Belehrtwerdens ist vorbei. Es geht darum, Vernetzungen und Verbindungen herzustellen. Dafür ist unser Schulsystem aber nicht ausgelegt. Wir schreiben Klausuren und fragen Wissen ab. Die Schüler müssten eigentlich lernen, Konzepte zu erarbeiten, Sachen zu reflektieren und zu hinterfragen, Projekte auf die Beine zu stellen und gute Vorträge zu halten.

Wie weit sind die Mönchengladbacher Schulen dabei?

Nattermann Die Informatiklehrer, die es gibt, sind sehr motiviert. Mit der Umstellung auf G9 gibt es die Möglichkeit, Informatik in der Unterstufe im Stundenplan unterzubringen. Das haben wir zum Beispiel im Gymnasium am Geroweiher getan, wo jetzt in der 5. und 6. Klasse Informatikunterricht stattfindet. Daneben gibt es in der 5. bis 8. Klasse einen ITG-Unterricht. Auch das Vorgehen der Stadt finde ich richtig. Es gibt einen Medienentwicklungsplan, der sicherstellt, dass das Geld, das der Bund zur Verfügung stellt, auch sinnvoll eingesetzt werden kann. Gleichzeitig wartet man aber nicht auf die versprochenen Bundesmittel, sondern geht in Vorleistung und erprobt an Testschulen das Vorgehen.

Sind denn die Lehrer auf das Thema Digitalisierung vorbereitet? Nutzen zum Beispiel auch Nicht-Informatik-Lehrer die digitalen Medien im Unterricht?

Nattermann Auf die Digitalisierung vorbereitet sind Lehrer eher nicht – wir leben in einer Schulblase. Für die meisten Lehrer ist es außerdem Stress pur, zum Beispiel mit einer 5. Klasse in den Computerraum zu gehen. Ich kann das gut verstehen. Die Kinder sind in der Regel recht aufgedreht, teure Geräte, fehlende Passwörter, die Rechner müssen erst hochfahren, es gibt Hard- und Softwareprobleme. Deswegen ist es für die Digitalisierung nötig, einen Support aufzubauen, der per Fernwartung Probleme schnell beheben kann. Auch Lehrer müssen positive Erfahrungen machen, um mit dem Thema Digitalisierung richtig umzugehen.

Stichwort Smartphone: Die Schüler lieben sie, die Lehrer verbieten sie im Unterricht, die Eltern wissen oft nicht, was sie erlauben und was sie verbieten sollen.

Nattermann Zunächst einmal sind Smartphones ein tolles Tool, sie sind nichts Böses, sondern cool. Ich bin allerdings dafür, Kindern erst ab der 4. oder 5. Klasse ein Smartphone zu geben. Die Kinder lernen viel mehr, wenn sie ohne unterwegs sind. Und die Eltern lernen das Loslassen. Im Unterricht können diese kleinen Minicomputer richtig eingesetzt an vielen Stellen tolle Sachen leisten.