Kolumne in Mönchengladbach: Opa spielt und wird zum Homo ludens

Opa-Kolumne zum Spielen : Wie Opa zum Homo ludens wird

Heute zitiere ich Friedrich Schiller. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Wer Kinder spielen sieht, findet diese These des Dichterfürsten schnell bestätigt.

Und wer mit Kindern spielt, muss bereit sein, sich von üblichen Begrifflichkeiten zu lösen, sich mit ihnen auf Fantasiereisen zu begeben, sich von ordnenden Elementen des Alltagslebens zu befreien.

Jetzt macht der Weber aber auf dicke Hose, werden Sie sagen. Macht er. Und er setzt noch einen drauf. „Der Form nach betrachtet, kann man das Spiel also zusammenfassend eine freie Handlung nennen, die als und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem den Spieler völlig in Beschlag nehmen kann ...“ Puh! Dieser Bandwurmsatz, der im Übrigen deutlich länger ist, findet sich bei Johan Huizinga, der das Modell des Homo ludens beschreibt, des spielenden Menschen.

Dass ich Sie in die Spielpädagogik entführe, hat einen Grund. Denn ein Opa ist oft Spielpartner und dies kann er nur sein, wenn er bereit ist, Schillers und Huizingas Thesen zu folgen. Ansonsten scheitert er. Opa wird als Spielpartner auch nur akzeptiert, wenn er das Spielmaterial so nutzt, wie es das Kind tut. Also es nicht abwertet. Und nicht erhöht.

Mein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht hatte ich als Vater. Meiner Tochter hatten wir Anfang der 1980er Jahre in einem Spielzeugladen am Wasserturm sündhaft teure Holztiere gekauft. Dieses Geschäft war eine Besonderheit für Mönchengladbach, weil es nur pädagogisch wertvolles Spielzeug verkaufte. Also etwa diese wunderschön gedrechselten und bemalten Holztiere. Schon bald schob meine dreijährige Tochter sie mit der Bemerkung „Ihr macht nicht mehr mit!“ beiseite und ersetzte sie durch hässliche Plastikenten, die damals neuen Kinderstrümpfen beigelegt waren. Warum ich Ihnen das schildere?

Meine Enkelin Matilda (5) hat mich dieser Tage angerufen. „Darf ich zu euch? Kannst du mit mir spielen?“ Welche Oma, welcher Opa kann sich dieser Bitte entziehen, zumal dann, wenn sie leicht weinerlich vorgetragen wird und von Leid zu künden scheint? Also bin ich mehrere Kilometer gefahren, um Matilda zu holen. Sie hielt mir strahlend zwei Taschen entgegen, als ich kam. „Ich habe was zum Spielen eingepackt“, rief sie. Es waren sechs Barbies und drei Kens.

Kolumnist Dieter Weber. Foto: Ilgner

Wenig später habe ich mit einer Mini-Bürste den Puppen die Haare gebürstet. Den Barbies ihre Mähnen, die trotz intensiven Striegelns immer wieder in ihre Ursprungsform zurückfielen, als wenn Tonnen von Haarspray auf ihnen lasten würden. Den Kens habe ich die Scheitel ihrer Frisuren so exakt gezogen, dass sie für jeden Herrensalon Modell stehen könnten. Mit ungelenken Fingern habe ich die eng gefassten pompösen Kleider gewechselt und mich gewundert, warum eine Barbie Meerjungfrau ist. Und ich habe den von Matilda vorgegebenen Dialog zwischen den Barbies und Kens mitgemacht – etwa, wer in wen verliebt ist. Beiläufig habe ich Matilda gefragt, ob sie einen Kindergarten-Verehrer habe. „Ben ist in mich verliebt. Aber er will Marie heiraten“, antwortete sie. Offenbar neigt Ben zur Polygamie.

Als ich Matilda nach Hause brachte, fragte sie: „Wann spielen wir wieder mit Barbies?“ Ich habe mich um eine Antwort gewunden. Stattdessen beschäftigt mich die Frage: Ob Schiller und Huizinga ihre Lehrsätze auch so formuliert hätten, wenn sie Barbie und Ken kennengelernt hätten?

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (8), Matilda (5) und Elisa (2). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig vom aufregenden Opa-Leben. Foto: Ilgner

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