KipE in Mönchengladbach: Wo psychisch kranke Eltern Hilfe bekommen

Familie in Mönchengladbach : Wenn Eltern psychisch krank sind

Pryscilla Jencik und Sebastian Heinrichs leben beide mit einer psychischen Erkrankung – und haben einen dreijährigen Sohn. Wie sie als Eltern mit ihren Krankheiten umgehen, und warum sie es ihrem Sohn sagen wollen.

Ein Monster kauert unter einem Teppich, nur die Augen lugen – weit aufgerissen vor Angst – hervor. Ein anderes fuchtelt wild mit den Armen und liegt mit dem Gesicht in einer Pfütze aus Tränen. Wieder ein anderes ist perfekt gestylt und schaut draufgängerisch über den Rand einer Sonnenbrille. Eine psychische Erkrankung hat viele Gesichter.

Annika Kretschmann nutzt deshalb die Karten mit den bunten Monstern, um herauszufinden wie Kinder und Eltern einander sehen. Sie ist Projektkoordinatorin der „Koordinationsstelle – Hilfen für Kinder psychisch erkrankter Eltern“, kurz KipE, und unterstützt Familien dabei, über psychische Erkrankungen und Belastungen zu sprechen.

„Das Thema ist oft mit Scham besetzt, und wir wollen den Eltern einen geschützten Raum bieten“, sagt sie. Denn gerade psychisch erkrankte Eltern würden dazu neigen, das Thema von ihren Kindern fernzuhalten. „Offene Karten sind ab einem gewissen Alter wichtig“, sagt Kretschmann. Pryscilla Jencik und Sebastian Heinrichs haben einen dreijährigen Sohn und eine psychische Erkrankung. Sie gehörten zu den ersten Eltern, die das Beratungsangebot von KipE in Anspruch genommen haben. Dieses gibt es seit 2010 und seither wurden Hunderte Eltern beraten. „Wöchentlich gehen bei uns drei bis fünf Anfragen ein“, sagt Kretschmann. Und trotzdem bleibt das Thema ein Tabu, denn der gesellschaftliche Druck ist hoch.

Sebastian Heinrichs und Pryscilla Jencik wollen gerade deshalb offen darüber sprechen, sind auf dem Foto zu sehen und lassen sich mit ihren vollen Namen zitieren. Das ist ihre Geschichte:

Sebastian Heinrichs und Pryscilla Jencik (r.) haben sich bei einem Aufenthalt in der LVR-Klinik kennengelernt. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn und werden unterstützt von Annika Kretschmann vom Projekt KipE. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Pryscilla Jencik war 23 Jahre alt und gerade auf dem Weg zur Berufsschule als die Angst kam. „Ich dachte, ich würde verfolgt“, sagt sie. Dass sie an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt war, also Wahnvorstellungen und Halluzinationen hat, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Im Sommer 2011 dann der traurige Höhepunkt: „Ich dachte, das LKA steht vor dem Haus und will mich abholen.“ Nachdem die Halluzination langsam abflaute, wies sich Jencik freiwillig in die LVR-Klinik ein, um sich behandeln zu lassen. Im Gemeinschaftsraum saß Sebastian Heinrichs. Er beobachtete wie der „Angsthasenblick“ von Tag zu Tag weniger wurde. Irgendwann kamen die beiden ins Gespräch.

„Wenn man es so nimmt, hat unsere Erkrankung zu etwas Gutem geführt“, sagt Jencik und beide müssen darüber ein bisschen lachen. Wieder ernst fügt Heinrichs hinzu: „Man begleitet sich einfach auf eine andere Art durch eine Krankheitsphase.“

Sebastian Heinrichs war damals, als er Jencik kennenlernte, ebenso krank: Er hatte eine bipolare Störung, war manisch depressiv. Auf Monate der Manie – einer Phase, in der er sich in andere Persönlichkeiten und Lebensumstände phantasierte – folgte immer die Depression. Den „Abgleich mit der Realität“ empfand er dann so schmerzhaft, dass nach der Depression meistens schnell eine neue Manie begann. Mit dieser Erkrankung lebt der 37-Jährige bereits sein halbes Leben. „Allerdings weiß ich erst seit elf Jahren, dass es eine Krankheit ist.“ Man habe immer gesagt, er neige ein wenig zur Übertreibung. „In meinen Spitzenzeiten glaubte ich, ein Schwarzgeldmillionär aus der Schweiz zu sein“, sagt Heinrichs.

Die erste Gesprächstherapie habe er abgebrochen. Nach einer weiteren Manie habe er sich selbst in eine Klinik in Düsseldorf eingewiesen. „Dort hatte ich aber nur das Gefühl, mit Medikamenten vollgepumpt und ruhiggestellt zu werden“, sagt er. Nach acht Tagen habe er sich deshalb wieder selbst entlassen. Bis der nächste Schub kam: Im Sommer 2011 randalierte er in Mönchengladbach vor der Wohnung seiner Ex-Partnerin. Es folgte die Zwangseinweisung. Heute sagt Heinrichs: „Das war gut für mich und meine Umwelt.“

Er ist ein kreativer Kopf, wandelt seine Erlebnisse inzwischen in Rap-Texte und Bilder um und möchte irgendwann anderen psychisch Erkrankten als Genesungsbegleiter zur Seite stehen. „Man muss lernen, diese Krankheit anzunehmen und zu akzeptieren.“ Eines Tages wollen sie es auch ihrem Sohn erzählen. „Ein Diabetiker braucht Insulin. Jemand, der einen Beinbruch erlitten hat, eine Krücke“, sagt Heinrichs. Er brauche Medikamente, um gesund zu sein. Inzwischen ist er seit vier Jahren ohne Symptome, „auf dem Genesungsweg“. Jencik konnte ihre Medikamente reduzieren, und es geht ihr gut damit. Im Alltag mit Kindergarten, Kochen und Spielen tritt die Krankheit in den Hintergrund.

So gering sind die Auswirkungen der Krankheit nicht bei allen Familien, dennoch sind Kretschmanns Erfahrungen überwiegend positiv. „Psychisch erkrankte Eltern stellen sich wesentlich häufiger die Frage: ‚Mach ich das alles richtig?‘“, sagt sie. Die Vereinsarbeit ersetze zwar nie eine Therapie, aber sie könne eine Hilfe sein. Lediglich einmal in drei Jahren musste sie eingreifen und eine psychisch erkrankte Mutter beim Jugendamt melden, weil sie nicht mehr für ihr Kind sorgen konnte.

Damit Jencik und Heinrichs so etwas nie passiert, holen sie sich Unterstützung durch den Reha-Verein und KipE. Die beiden können zwar noch nicht arbeiten, aber sie haben auch durch andere Projekte im Reha-Verein eine Tagesstruktur, die ihnen Halt gibt, um so für ihr Kind da sein zu können. Und mit einem Wunsch unterscheiden sie sich wohl kaum von anderen Familien: dass alle Familienmitglieder gesund bleiben.

Info Anika Kretschmann ist beim Reha-Verein Projektkoordination für KipE, Dahlener Straße 116, 41239 Mönchengladbach. Sie ist per Mail unter a.kretschmann@rehaverein-mg.de und telefonisch unter 02166 970 47 73 erreichbar.

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