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Großfamilien-Kolumne: Kinder, wie die Zeit vergeht

Großfamilien-Kolumne : Kinder, wie die Zeit vergeht!

Je nach Lebensphase scheint die Zeit ganz langsam oder rasend schnell zu vergehen als für gestresste Eltern, schreibt unsere Kolumnistin. Über die verschiedenen Geschwindigkeiten in Familien.

War es nicht gerade erst, dass ich den Briefkasten leeren wollte und mir zwei liebevoll verzierte Briefe an den Weihnachtsmann in die Hände gefallen waren? Ich dachte damals, noch ein bisschen früh, aber meine Enkel glaubten sicher, lieber zu früh als zu spät. Sie kommen halt mehr auf den Opa. Ich bin ja eher der Typ „Letzter Drücker“. Aber wie gesagt, das war vor ein paar Wochen! Jetzt hat das Jahr 2019 begonnen und ich frage mich, ob die Zeit nicht irgendwie schneller vergeht. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, dass die Zeit meiner Kindheit und Teenagerjahre viel länger gedauert hat. Wie sehr habe ich die große Freiheit herbeigesehnt! Endlich 18, alles tun und lassen dürfen. Als es nach einer Ewigkeit soweit war, hatte sich nicht viel geändert. Nur das Autofahren wurde mir erlaubt.

Im Laufe der Jahre veränderte sich mein Zeitgefühl immer wieder aufs Neue. Es gab eine Zeit, da vergingen Stunden wie Sekunden. Zum Beispiel als wir eine Familie wurden und unsere fünf Rabauken in unser Leben traten. Wir vergeudeten die Nachtstunden nicht mehr mit unnützem Schlaf. Alles was tagsüber nicht geschafft wurde, wurde in die Nacht verlegt. Schließlich mussten wir für Klausuren lernen, Diplomarbeiten schreiben, die Nebenjobs und die liegen gebliebene Haushaltsarbeit machten sich leider nicht von allein – und da gab’s ja auch noch die Hobbys. Außerdem haben Babys auch nachts Hunger.

Nachdem die Studien abgeschlossen und aus Babys Kleinkinder geworden waren, musste ein Tag gut geplant werden. Meine Berufstätigkeit und die Meetings meines Mannes, die in Europa und in Übersee stattfanden, wurden so getimt, dass genügend Zeit für die familiären Aktivitäten blieb. So spielten wir an verregneten Wochenenden gerne mit der gesamten Familie „Verstecken im Dunklen“. Im ganzen Haus gab es kein Licht und die Suche begann. Ich habe oft zum Scherz gesagt: „Wenn wir Eltern mal von der Polizei nach unseren Alibis gefragt werden, haben wir ein Problem. Wer glaubt schon, dass man am Sonntag um 22 Uhr unter einem Küchentisch gesessen oder auf einem Schrank gelegen hat!“ Das Lieblingsspiel meines Mannes und mir blieb übrigens das „Restaurant-Spiel“. Wir mussten „bedauerlicherweise“ bis 10 Uhr im Bett bleiben, damit unsere Kinder kunstvolle Speisekarten gestalten und kochen konnten. Wir setzten uns nur an den Tisch und bestellten. Einziger Nachteil: Es kostete manchmal einen ganzen Wochenendeinkauf.

Auch das Reisen machte uns allen immer großen Spaß. Jedes Jahr wurden die Koffer gepackt, mal nach Frankreich, mal nach Italien, aber am häufigsten nach Spanien. Wir verbrachten drei bis vier Wochen der Sommerferien mit befreundeten Familien auf dem Campingplatz. Abends begleitete ein Freund mit der Gitarre unsere Gesangseinlagen. Im Winter fuhren wir Ski in Österreich.

Kolumnistin Samira Rippegather. Foto: Raupold, Isabella (ikr)

Als unsere Kinder älter wurden, nahmen wir sie mit in die Verantwortung. Eine Familie bedeutet schließlich nichts anderes als das Leben in einer Gemeinschaft. Also gibt es nicht nur eine Zeit des Vergnügens, sondern auch eine Zeit der Pflichterfüllung. Über Letzteres wurde häufig gemeutert, denn „Kinderarbeit“ ist ja bekanntlich verboten. Aber dafür gab es den Familienrat, indem so manches geklärt werden musste. Die Zeit, die durch die Mitarbeit der Kinder gewonnen wurde, stand uns keinesfalls zur freien Verfügung. Sie wurde für Elterntaxifahrten benötigt. Wir hatten nämlich festgestellt, dass wenn unsere Brut abends allein unterwegs war, die nächtliche Zeit wieder eine Eigendynamik entwickelte. Fehlten uns früher oft die Stunden, so schienen die Nächte nun über endlose Stunden zu verfügen. Wir fanden einfach nicht in den Schlaf, wenn nicht alle wieder zu Hause waren. Also war es besser alle abzuholen.

Ruhiger wurde es erst, als alle das Nest verlassen hatten. Wir reisen immer noch gerne – allein, mit Freunden, der ganzen Familie oder auch nur mit den Enkelkindern. Und egal wie die Zeit vergeht, ob schnell oder langsam, wir genießen jeden Augenblick. Wir verschieben nichts, um auf bessere Zeiten zu warten. Wir leben jetzt und heute und das in vollen Zügen.

Samira Rippegather ist Mutter von fünf Kinder, Oma von vier Enkelkinder und Leiterin des Kinder- und Familienzentrums „Pfiffikus“. Hier berichtete sie regelmäßig vom Leben in ihrer Großfamilie. Foto: Raupold