Großfamilien-Kolumne: Eine Stunde 45 Zeit zu zweit

Großfamilien-Kolumne : Eine Stunde 45 Zeit zu zweit

Endlich mal wieder einen entspannten Freitagabend mit ihrem Mann verbringen, das ist der Wunsch unserer Großfamilien-Kolumnistin. Doch im Restaurant herrscht Hektik. Warum nur?

Es ist ein Freitagabend, 17.30 Uhr, und es ist endlich ruhig geworden im Familienzentrum. Ich blicke auf meine „To-do-Liste“. Trotz aller neu initiieren Projekte, jeder Menge Telefonate, vieler Tür- und Angelgesprächen und tröstender Worte für traurige Kinderseelen habe ich über die Hälfte erledigt – ich bin zufrieden. Da klingelt das Telefon: mein Mann. „Hast Du mich vergessen?“, fragt er? Wir wollen das Wochenende mit einem entspannten Abendessen einläuten, endlich mal wieder Zeit zu zweit. „Ich beeile mich!“, erwidere ich und setze noch schnell hinterher: „Ich freue mich schon den ganzen Tag!“ Zu meiner Freude höre ich: „Ich auch, deshalb mein Anruf!“ Schön dass man sich nach 40 Jahren aufeinander freuen kann, denke ich. Doch der Anruf meines Mannes hatte noch einen anderen Grund.

Zuhause beginnt das Wochenende eher unentspannt: „Wir müssen uns beeilen“, sagt mein Mann. DerTisch werde nur bis maximal 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit freigehalten. Irgendwie verständlich, andererseits wollte ich mich ja heute nicht mehr hetzen. Gerade noch rechtzeitig, empfängt uns der Maître des Restaurants. Alles wirkt edel, die Ausstattung liegt im Trend, ein bisschen Nostalgie liegt in der Luft. Mein Mann will mich heute verwöhnen und hat ein exklusives Restaurant ausgewählt. Doch bevor wir die Jacken ausgezogen und die Plätze eingenommen haben, bekommen wir schon die Getränkekarten in die Hand gedrückt. Wir schauen uns an, blättern, überlegen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt der Kellner. „Irgendwie verspüre ich eine leichte Ungeduld bei dem jungen Herrn“, raune ich meinem Mann zu. Wir wählen also schnell aus. Während sich unsere etwas hektische Bedienung auf dem Weg macht, ziehen wir uns erst einmal die Jacken aus.

Da wir uns den ganzen Tag nicht gesehen haben, haben wir Redebedarf. Wir kommen „von Höcksken auf Stöcksken“ wie man am Niederrhein sagt. Wie war der Tag, was liegt am Wochenende an, was planen wir für den Urlaub? Immer wieder werden wir gefragt, ob wir schon gewählt haben. „Nein, wir haben es auch nicht eilig“, sage ich. Wir bekommen ein etwas verkrampftes Lächeln zurück – und nach wenigen Minuten ist der Kellner wieder da. „Nun?“ Wir tun ihm den Gefallen und bestellen. Eigentlich wollten wir ja ein entspanntes Abendessen, aber inzwischen fühle ich mich doch etwas bedrängt. Mein Mann sagt, vielleicht liegt es an der Tischzeitreglung. „Tischzeitreglung?“ Ich verstehe kein Wort. Mein Mann erklärt: Für zwei Personen kann ein Tisch nur für eine Stunde 45 Minuten gebucht werden. Ich kann es nicht glauben und frage den Kellner. Natürlich hätte keiner etwas dagegen, wenn die Zeit ein wenig überschritten würde, aber einige Gäste hätten es übertrieben, sagt er. Sie wären einfach zu lange am Tisch sitzengeblieben. Man müsse ja auch den anderen Gästen die Chance bieten hier zu speisen.

Ärgern wollte ich mich nicht, aber entspannt ist anders. Ich dachte an unseren Griechen, der immer ein Plätzchen findet. Man darf so lange verweilen wie man möchte und die Einrichtung lässt eher Urlaubsfeeling als Hektik aufkommen. Nach welchen Maßstäben sollte man ein Restaurant auswählen? Natürlich, das Essen soll schmackhaft sein, aber brauchen wir wirklich einen Maître oder ein teures Interieur? Macht das tatsächlich ein gutes Restaurant für einen Abend zu zweit aus? Nach einer Stunde und 15 Minuten haben wir die Rechnung verlangt. Entspannt ein Glas Wein getrunken und geredet haben wir erst zu Hause.

Samira Rippegather ist Mutter von fünf Kinder, Oma von vier Enkelkinder und Leiterin des Kinder- und Familienzentrums „Pfiffikus“. Hier berichtete sie vom Leben in ihrer Großfamilie.