Mönchengladbach - Was macht eigentlich ...: Erwin Spinnler: Fußballprofi und Malermeister

Mönchengladbach - Was macht eigentlich ...: Erwin Spinnler: Fußballprofi und Malermeister

Erwin Spinnler ist und bleibt waschechter Untereickener. Er spielte als Kind für Borussia, wurde nach dem Bundesliga-Aufstieg Vertragsspieler, war im 1970er-Meisterkader, wurde aber dann für Berti Vogts "geopfert". Nach einem doppelten Kreuzbandriss ging er 1971 ins Malergeschäft des Vaters.

Vergessen kann er die Geschichte nie. "Ich musste zur Bundeswehr, damit ein anderer bleiben durfte", sagt Erwin Spinnler. "Das hat mich schon sehr gefuchst." Der andere: Das war Berti Vogts, 1969 schon zwei Jahre Nationalspieler. Und Borussia wollte eher auf Erwin Spinnler verzichten, wenn sie sich denn für einen von beiden entscheiden musste.

20 seiner insgesamt 45 Bundesligaspiele für Borussia hatte Erwin Spinnler in der Saison 1968/69 gemacht, in der die Gladbacher Dritter hinter Bayern München und Alemannia Aachen wurden. Ein Jahr später, 1970, war Borussia erstmals Deutscher Meister. Doch der kampfstarke und schnelle Erwin Spinnler, den Trainer Hennes Weisweiler vom Stürmer zum Defensivmann umgeschult hatte, war nur zweimal eingewechselt worden. "Auch wenn ich nachher als Sanitäter hier in Gladbach an der Mozartstraße stationiert war und dann gewisse Privilegien hatte, durch den Grundwehrdienst war ich zunächst mal weg bei Borussia", schildert der 64-Jährige die damalige Situation. Und er kam nicht mehr rein in eine Mannschaft, die in dieser Meistersaison praktisch mit einem Dutzend Leuten durchspielte. "Wir haben ja meist gewonnen (23 Mal, bei nur fünf Niederlagen, die Red.). Da gab es keinen Grund zu wechseln", so Erwin Spinnler. "Und wir waren wirklich ein echtes Team. Natürlich wollte jeder spielen. Aber es gab keine Grüppchenbildung zwischen Stammspielern und Reservisten. Auch mit Berti Vogts habe ich mich weiter gut verstanden. Ich war ja nicht sauer auf ihn persönlich."

Borussia und "wir": Das ist nicht anders vorstellbar für einen, der in Untereicken aufgewachsen ist, der als Straßenfußballer zum Bökelberg in die D-Jugend und nach dem Bundesliga-Aufstieg 1965 aus der A-Jugend kam und gleich Vertragsspieler wurde: "Anfangs gab es im Monat 480 Mark, weniger, als ein Arbeiter verdiente." Doch trotz aller Liebe zu Borussia ist Erwin Spinnler 1970, nach dem ersten Meistertitel, gegangen: "Ich wollte spielen, und da hatte ich hier in diesem mit Nationalspielern gespickten Kader wenig Chancen."

Die sah er in Offenbach, wo die Kickers gerade in die Bundesliga aufgestiegen waren und den DFB-Pokal gewonnen hatten. Und wo er sich als Niederrheiner gar nicht fremd fühlen musste: Mit Winfried Schäfer, Erwin und Helmut Kremers, "Jonny" Winkler und Spinnler spielten fünf Ex-Borussen am Bieberer Berg – bis auf Schäfer lauter Eickener.

Doch das Kapitel Offenbach wurde alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Für ihn und den Verein. Aufstiegstrainer Zlatko "Tschik" Cajkovski, der den FC Bayern in die Bundesliga geführt, Spinnler schon 1968 zu Hannover 96 holen gewollt und nun den Wechsel zu den Kickers in die Wege geleitet hatte, war auf einmal weg, zum 1. FC Köln. "Und dann hatten wir in der einen Saison fünf Trainer: Kurt Schreiner, Akki Schmidt, Rudi Gutendorf, dazwischen für ein Spiel ZDF-Mann Holger Obermann und, leider zu spät, Kuno Klötzer", erzählt Spinnler. "Kurt Schreiner war Jugendtrainer der Kickers gewesen und setzte auf seine Hessen. Wir Niederrheiner und Bayern im Kader waren eine isolierte Gruppe." So kam Spinnler erst unter Rudi Gutendorf Mitte September 70 zu seinem ersten von zwölf Bundesliga-Einsätzen bei den Kickers.

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Anfang März dann der Schock: Bei einem Freundschaftsspiel in Portugal blieb er mit dem Fuß im Rasen hängen. Die niederschmetternde Diagnose: doppelter Kreuzbandriss. Eine Verletzung, die damals niemand operieren wollte. Erwin Spinnler gab zwar nicht auf, stabilisierte das Knie durch Aufbau einer gewaltigen Muskulatur. Doch für die Bundesliga reichte es nicht mehr.

Zumal in Offenbach dieses Kapitel beendet war: sportlicher Abstieg, später noch Entzug der Bundesligalizenz als passiv Beteiligter in einem großen Bundesliga-Skandal wegen eines manipulierten Punktespiels. Das hatte Kickers-Präsident Canellas am 6. Juni 1971 aufgedeckt – einen Tag, nachdem Borussia nebenan im Frankfurter Waldstadion zum zweiten Mal Deutscher Meister geworden war.

Erwin Spinnler kehrte heim nach Eicken, stieg ins Malergeschäft des Vaters ein: "Ein Glück, dass ich diese Möglichkeit hatte. Sonst wäre ich ganz schön dumm dagestanden." Doch vom Fußball mochte er auch mit seinem Wackelknie nicht lassen. Er spielte nun in den hohen Amateurklassen: zuerst beim VfL Benrath, (zusammen mit seinem jüngeren Bruder Rainer), fünf Jahre beim VfR Neuss, danach beim 1. FC Viersen. Und wurde schließlich Trainer.

Vielleicht hätte es doch ein Comeback in der Bundesliga gegeben. Als Spinnler in Benrath überragend spielte, wollte Trainer Horst Buhtz ihn zum Wuppertaler SV holen, der als Aufsteiger auf Anhieb Bundesliga-Dritter geworden war. "Doch ich hatte ja erlebt, wie es im Fußball gehen kann. Darum wollte ich die Garantie, in den ersten fünf Spielen dabei zu sein. Die aber wollte Horst Buhtz mir nicht geben." Auch nach Saarbrücken oder gar nach Frankreich zum Erstligisten FC Metz wollte der mehr denn je überzeugte Untereickener nicht gehen. Er entschied sich für das Sichere, Heimatverbundene: die eigene Malerfirma, das Leben mit den vielen Freunden in Untereicken.

(RP)
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