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Emrah Bektas, Vorsitzender des DGB-Stadtverbands Mönchengladbach im RP-Interview über Kurzarbeit und Solidarität

Gladbacher DGB-Chef im Interview : „Wir kommen nur gemeinsam durch die Krise“

Die Zahl der Arbeitslosen ist in der Corona-Krise gestiegen. Der Vorsitzende des DGB-Stadtverbandes Mönchengladbach spricht über Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust, Fachkräftemangel und Solidarität.

Was haben Sie gedacht, als die neuen Arbeitsmarktzahlen für Mönchengladbach erschienen sind mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um rund 12 Prozent?

Bektas Der Anstieg ist erschreckend, kommt aber nicht unerwartet. Jeder, der in den letzten Wochen auch nur  auf den Straßen unterwegs war, hat den Rückgang im Verkehr beobachten können. Das war schon ein starker Indikator. Nicht alle können schließlich im Homeoffice sein.

Wir hatten in Mönchengladbach ein Jobwunder mit einem Anstieg auf jetzt mehr als 100.000 sozialversicherungspflichtige Stellen. Ist das vorbei durch Corona?

Bektas Fürs erste wird die Stellenzahl sicherlich rückläufig sein. Aber die hohen Kurzarbeiterzahlen zeigen, dass es den Unternehmen eher um Beschäftigungssicherung als um Stellenabbau geht. Deshalb bin ich optimistisch, es wird sich wieder einpendeln.

Was glauben Sie, wie viele Jobs die Krise kosten wird? In welchen Branchen?

Bektas Dazu kann ich wirklich keine Prognose abgeben, aber jeder, der den Job verliert, ist einer zu viel. Stärker  werden es Handel, Gastronomie und die Freelancer zu spüren bekommen. Und eher kleine Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. Wir müssen dafür sorgen, dass nicht zu viele Menschen ihre Arbeit verlieren. In Deutschland gibt es zum Glück das Instrument der Kurzarbeit, um Arbeitsplätze zu sichern.

Was kann und was muss die Stadt tun, um den Standort zu stärken und Arbeitsplätze zu sichern?

Bektas Wenn ich ein Patentrezept wüsste, säße ich in jeder Talkshow. Insgesamt kann man sagen, dass Menschen mit einem Einkommen von 1700 oder 1800 Euro stark von Arbeitslosigkeit betroffen sein werden. Geringqualifizierte Menschen werden Schwierigkeiten haben, wieder einen Job zu finden. Die Stadt kann für eine vernünftige Infrastruktur sorgen und als Auftraggeber Aufträge nur an tarifgebundene Unternehmen vergeben.

Also wird Mönchengladbach ein Problem bekommen?  Hier gibt es  einen vergleichsweise hohen Anteil an geringqualifiziertem Personal.

Bektas Ja, ich befürchte, dass uns ein großes Problem droht. Deshalb müssen wir viel mehr in Bildung und in die Qualifizierung der Menschen investieren. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen mit dem Arbeitsmarkt Schritt halten können.

Für rund 28.000 Mönchengladbacher wurde Kurzarbeit zumindest angemeldet, noch ist nicht klar, wie viele auch tatsächlich in Kurzarbeit sind oder gehen werden. Wie gehen die Betriebe aus Ihrer Sicht mit dem Instrument Kurzarbeit um?

Bektas Als DGB bekommen wir die Informationen von den Einzelgewerkschaften. Es zeigt sich die ganze Bandbreite: Es gibt Unternehmen, die stocken das Kurzarbeitergeld für ihre Beschäftigten auf, andere tun sich schwer damit. Eine andere Gruppe meldet keine Kurzarbeit an, sondern reduziert die Zahl der Mitarbeiter. Das passiert unserer Beobachtung nach vor allem im Bereich der prekären Beschäftigungsverhältnisse, bei befristeten Verträgen, Mini-Jobs und Ähnlichem. Hier wird zum Teil versucht, die Mitarbeiter schnell loszuwerden. Aber viele Betriebe haben verstanden, dass sie ihre Mitarbeiter halten sollten. Wir kommen nur gemeinsam durch die Krise.

Kennen Sie Unternehmen, die aufstocken? In welchen Branchen passiert das am ehesten?

Bektas Vor Ort kenne ich keine konkreten Beispiele, obwohl es sie sicher gibt. Grundsätzlich kann man sagen, dass in den tarifgebundenen Betrieben mit Betriebsräten am ehesten Betriebsvereinbarungen ausgehandelt werden. Auf Druck der Gewerkschaften hat die Bundesregierung jetzt auch eine Gesetzesänderung veranlasst, wonach ab dem 7. Monat das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent steigt. Und beim Kurzarbeitergeld zählt wirklich jeder Euro.

Sie haben davor gewarnt, dass Betriebe die Situation nutzen könnten, um Strukturen zu Lasten der Arbeitnehmer zu verändern. Was konkret meinen Sie damit?

Bektas Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen Sanierungsprogramme fahren und die Situation nutzen, um Mitarbeiterzahlen zu reduzieren. Durch die Flexibilisierung und das Homeoffice können außerdem Arbeitnehmerrechte ausgehöhlt werden. Da geht es um Arbeitszeiten, Ruhezeiten, auch um den konkreten Platz zum Arbeiten. Das muss alles gesetzlich neu geregelt werden. Das existierende Telearbeitsgesetz ist ein bisschen verstaubt.

Worauf sollten denn Arbeitnehmer in Heimarbeit achten?

Bektas Sie sollten sich zumindest eine Bescheinigung für die Steuererklärung geben lassen, damit sie die Kosten, die der Arbeitgeber nicht übernimmt, absetzen können. Was der Arbeitgeber stellt, ist oft abhängig davon, wie stark der Betriebsrat ist und was er dem Arbeitgeber abringen kann.

Wie gut ist die Zusammenarbeit der Betriebsräte und der Unternehmensführung?

Bektas  Es gibt Ausnahmen, aber im Allgemeinen wird in den Unternehmen partnerschaftlich und lösungsorientiert zusammengearbeitet.

Zeigt sich die Krise in Ihren Mitgliedszahlen?

Bektas Das werden wir erst im Sommer sehen. Die Einzelgewerkschaften erheben ihre Mitgliedszahlen zweimal im Jahr. Wir merken aber sehr deutlich, dass sich mehr Menschen an uns wenden, weil die Probleme wachsen.

Wie hoch ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder? Welche Branchen sind besonders stark vertreten?

Bektas  Die Zahlen bewegen sich konstant um die sechs Millionen Mitglieder. Besonders stark vertreten sind dabei die Einzelgewerkschaften IG Metall und  Verdi.

Der Handel ist massiv bedroht, ebenso die Gastronomie. Die Sorge um die Innenstädte ist groß. Werden die Warenhäuser überleben, die ja schon vorher besonders unter Druck standen?

Bektas Wir müssen uns um alle Sorgen machen – von den kleinen Geschäften und Solo-Selbstständigen bis hin zu den Warenhäusern. Selbst wenn sie jetzt wieder öffnen dürfen, sind die Lieferketten teilweise nicht funktionsfähig. Das bekommt der Handel, aber auch die Fertigung zu spüren. Ich kenne den Fall eines Betriebs, der in Kurzarbeit gehen musste, weil der Zulieferer ausfiel.

Besonders wertvolle, weil gut bezahlte Arbeitsplätze sind ja solche in der industriellen Fertigung. Wie bedroht sind sie?

Bektas  Die Risiken sind da, doch mit Kurzarbeit werden die Unternehmen wohl durch die Krise kommen.

Ist der Fachkräftemangel durch Corona mit einem Schlag vorbei, weil jetzt viele arbeitslos geworden sind?

Bektas Nein, mit Sicherheit nicht. Der Fachkräftemangel bleibt bestehen. Wichtig ist es, Menschen, die jetzt ihre Arbeit verloren haben, durch Qualifizierung oder Weiterbildung Möglichkeiten auch in Mangelberufen zu eröffnen.

Wie sieht es mit den Auszubildenden aus? Gehen sie auch in Kurzarbeit?

Bektas Nein, aber unter Umständen ihre Ausbildungsverantwortlichen. Dabei ist es wichtig, jetzt darauf zu achten, dass die Auszubildenden ihre Ausbildung qualifiziert abschließen können.

Die Logistikbranche boomt gerade. Wie krisensicher sind Arbeitsplätze, die jetzt neu entstehen?

Bektas  In der jetzigen Krise werden Ressourcen gebraucht, hinterher werden sie vermutlich wieder abgebaut. Viele Menschen freuen sich schon wieder darauf, vor Ort einkaufen und bummeln zu gehen. Vermutlich wird dann wieder weniger bestellt werden.

Der Handel fordert verkaufsoffene Sonntage. Weil die aber mit Veranstaltungen verknüpft werden müssen, sind Sonntagsöffnungen bis August eigentlich nicht möglich. Wie stehen Sie dazu?

Bektas Als Gewerkschaft waren wir schon immer gegen Sonntagsöffnungen. Man braucht einen Ruhetag in der Woche. Und gerade jetzt, wo die Mitarbeiter der Supermärkte, aber auch die Pflege- und Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten überlastet sind, sollten wir nicht von diesem Ruhetag abrücken.

Hoffen Sie, dass, wenn die Krise vorbei ist, alles wieder so wird wie vorher?

Bektas Wir sollten daraus lernen, dass wir mehr in Schulen investieren, die Bereich Pflege und Gesundheit endlich besser bezahlen und im Bereich der Digitalisierung vorankommen. Ich hoffe außerdem, dass wir das Positive nicht wieder vergessen: die Nachbarschaftshilfen, die Einkaufsgemeinschaften, die digitalen Angebote von Lehre und Kunst. Ich hoffe, dass die Solidarität ansteckend ist und bleibt.