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Mönchengladbach: Eine Weihnachtshasser-Geschichte

Mönchengladbach : Eine Weihnachtshasser-Geschichte

Das Fest der Liebe bereitet Ihnen Unbehagen statt Freude? Dann sind Sie hier richtig. Blicken Sie mit uns in die Abgründe des alljährlichen Spektakels. Und reisen Sie mit Charles Dickens´ Geistern in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Weihnacht in Gladbach.

Wenn Sie Weihnachten lieben, sollten Sie nicht weiterlesen. Diese Geschichte wendet sich ausschließlich an Menschen, die die Feiertage und alles, was damit zu tun hat, verabscheuen. Und es kann sein, dass wir wirklich böse Sachen über das Fest der Liebe schreiben werden. So, sind wir unter uns? Dann können wir ja loslegen.

Zuerst einmal: Es gibt mehr Weihnachtshasser als man denken mag. Würden sie eine Partei gründen, erreichten sie locker das Wahlergebnis der SPD. Denn laut einer Umfrage der Apotheken-Umschau will jeder Fünfte Weihnachten abschaffen. Und wer bei der Internet-Suchmaschine Google das Stichwort "Weihnachtshasser" eingibt, erhält immerhin 54 200 Einträge.

Aber was macht Weihnachten für Weihnachtshasser so hassenswert? Wir tippen mal auf traumatische Kindheitserlebnisse. Und zur Erforschung dieser These rufen wir den Geist der vergangenen Weihnacht herbei. Jetzt bitte gut festhalten, und schon geht's zurück in die siebziger Jahre.

Es ist Heiligabend in Mönchengladbach. Der Tisch ist festlich gedeckt. Das Blitzlicht mehrerer Kameras fängt die Dekoration für die Ewigkeit ein. Oma, Opa, Tante, Onkel, Vater, Mutter, Kind essen, machen Bescherung, gehen in die Kirche, kommen wieder zurück. Das Fernsehen-Programm ist ebenso besinnlich wie die Konversation der Verwandten. Am nächsten (ersten) Weihnachtstag geht es nach der Messe zu Oma und Opa. Festlich gedeckter Tisch. Blitzlichtgewitter. Oma, Opa, Tante, Onkel, Vater, Mutter, Kind essen. Noch eine Bescherung. Besinnliche Konversation der Verwandten. Und im Fernsehen läuft immer noch nichts.

Am nächsten (zweiten) Weihnachtstag ist wieder Messe. Dann werden Tante und Onkel besucht. Festlich gedeckter Tisch. Blitzlichtgewitter. Oma, Opa, Tante, Onkel, Vater, Mutter, Kind essen. Noch eine Bescherung. Besinnliche Konversation der Verwandten. Fernseher an. Immer noch nichts. Oh weh, Sie zittern ja. Beruhigen Sie sich, wir schicken den Geist der vergangenen Weihnacht ja weg.

Na, geht's wieder? Zugegeben, das war ganz schön gruselig. Aber jetzt lassen wir die Vergangenheit ruhen. Versprochen. Wir blicken in die Gegenwart. Allerdings mit den Augen des Geistes der diesjährigen Weihnacht. Lassen Sie sich vom ersten Eindruck nicht täuschen. Die Weihnachtshasser haben noch nicht die Macht übernommen, auch wenn dieser erbärmliche Weihnachtsmarkt, auf den wir gerade blicken, aussieht, als sei er von ihnen organisiert worden.

Der Geist verlässt die Hindenburgstraße in Richtung des nächstgelegenen Discounters. Dort kämpft eine aufgebrachte Menge um die letzten drei Pakete Gourmet-Pastete. Weihnachten ist schließlich nur einmal im Jahr, und da muss was Anständiges auf den Tisch. Koste es, was es wolle. Während der Notarzt jene versorgt, bei denen es in diesem Jahr keine Pastete geben wird, zieht der Geist weiter. Wir nähern uns einem Haus irgendwo in der Stadt. An der Fassade versucht eine rotgewandete Figur mit einem Sack auf dem Rücken vergebens, das Dach zu erreichen.

Durch ein verregnetes Fenster blicken wir in ein Wohnzimmer. Obwohl uns der blinkende Weihnachtsstern beinahe das Augenlicht raubt, erkennen wir einen dramatisch überladenen Weihnachtsbaum. Der Boden ist übersät mit Geschenken. Dann geht alles sehr schnell. Zwei Kinder stürmen herein. Ihnen folgen Eltern und Verwandte. Alle stürzen auf die Geschenke. Papier fliegt, Kartons reißen. Ein Kind schreit. Irgendjemand hat vergessen, Batterien für das neue Elektrospielzeug zu kaufen. Der Vater schreit zurück. Die Verwandten schreien auch. Und bevor wir das vor lauter Verzweiflung tun, lassen wir uns vom Geist der diesjährigen Weihnacht zurückbringen.

Damit Sie ein wenig durchatmen können, beschäftigen wir uns mit Statistik. Vielleicht hilft diese auch, das eben Gesehene zu begreifen. 36 Prozent unserer Mitbürger geben laut einer Emnid-Umfrage an, dass sie durch die Feiertage gestresst sind, da man sich um so vieles kümmern müsse. 17 Prozent (Apotheken-Umschau) wagen es sogar zuzugeben, dass an Weihnachten bei ihnen gereizte Stimmung herrscht. Werden sich die Menschen das weiterhin gefallen lassen?

Zur Beantwortung dieser Frage ziehen wir einen Experten zu Rate: den Geist der zukünftigen Weihnacht. Schon sausen wir wieder los, und nur einen Augenblick später stehen wir auf der Regentenstraße des Jahres 2029. Dort wo einst die CDU ihre Geschäftsstelle hatte, prangt nun das Schild der PwdwW: Die "Partei wider den weihnachtlichen Wahnsinn" hat bei der Kommunalwahl 2024 die absolute Mehrheit errungen. Der Geist führt uns über die ungeschmückte Hindenburgstraße.

Auf dem Platz vor dem erst vor einem Jahr eröffneten Handels- und Dienstleistungszentrum (HDZ), dort, wo das alte Theater so lange vor sich hinrottete, bescheint eine künstliche Sonne eine künstliche Strandlandschaft. Die Temperatur liegt bei konstant 25 Grad. Die Menschen sind froh, der Dezember-Finsternis zu entkommen, und die Stadt kann es sich leisten, seit vor vier Jahren ein nahezu unerschöpfliches Erdgasvorkommen im Regiopark entdeckt wurde.

Auf dem Weg Richtung Bahnhof begegnen uns Passanten, die entspannt ihre Einkäufe erledigen. Kurz vor dem Europaplatz bleibt der Geist stehen und deutet auf ein Schild. "Ende der weihnachtsfreien Zone" steht darauf. Der gesamte Bereich um das Haus Westland ist mit Stacheldraht abgesperrt. An der Fassade des Gebäudes hängt eine Armee von Kletternikoläusen.

In jedem Fenster blinkt ein Weihnachtsstern, und über allem tönt eine Kakophonie unterschiedlicher Weihnachtslieder: Jingle...oh du...stille Nacht...grünst nicht nur...es ist ein Ros...schlaf in himmlischer...all the way...Tannenbaum...in der Weihnachtsbäckerei...last christmas I gave you... Aaaaaaaaaaahhh. Geist, bitte, bring uns ganz schnell zurück zum HDZ, bitteeeeeeee...

Tja, sieht so aus, als hätte uns der Geist der zukünftigen Weihnacht diesen Wunsch nicht erfüllt. Jetzt sitzen wir hier am heiligen Morgen und lesen Zeitung. Dennoch, ein Trost bleibt: In drei Tagen ist das Schlimmste vorbei.

(RP)