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Mönchengladbach: Eine neue Perspektive dank der Fahrräder

Mönchengladbach : Eine neue Perspektive dank der Fahrräder

In der Radstation am Rheydter Hauptbahnhof werden arbeitslose Jugendliche seit 2006 auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.

Für Sebastian war es anfangs nicht einfach in der Radstation: "Das frühe Aufstehen war erst sehr schlimm", sagt der 21-Jährige und lächelt. Die Frühschicht beginnt zu einer Zeit, zu der viele Menschen noch selig schlummern: um 5.45 Uhr. Ein Härtetest. Sebastian hat das mittlerweile im Griff. Wie so manches in der Parkstation. Denn Koordinator Erwin Konvalinka vertraut ihm mittlerweile auch die Schichtführung an. Wenn das Telefon klingelt, geht Sebastian dran und bearbeitet Kundenwünsche.

"Sebastian kann gut organisieren und auch Kundengespräche fallen ihm leicht", sagt Konvalinka. Der 57-Jährige betreut die Koordination in der Radstation seit ihrer Eröffnung 2006 für das Diakonische Werk. Anfangs waren es acht Jugendliche, heute sind es meistens 15 junge Männer, die über das Jobcenter vermittelt und im Schichtdienst eingesetzt werden.

In der Regel sind sie neun Monate in der Radstation. Dort sollen sie auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Das heißt vor allem: pünktlich, zuverlässig und strukturiert sein, sich im Team eingliedern können. "Viele kennen ein Leben außerhalb der Jobcenter-Maßnahmen gar nicht", sagt Konvalinka. "Es geht daher auch darum, für sich selbst verantwortlich zu sein, daran zu denken, dass man nicht bis um ein oder zwei Uhr zocken kann, wenn man um vier Uhr aufstehen muss."

Die handwerklichen Fertigkeiten, wie kleinere Reparaturen an den Fahrrädern, vermitteln zwei Schichtführer, eine Sozialpädagogin hilft bei den Bewerbungen. Konvalinka spricht gerne von den "Jungs". Die sind meist schon Anfang 20. "Nach außen sind sie oft knallhart, aber innen wie kleine Kinder", sagt Konvalinka.

Oft geht es bei seiner Arbeit ums Aufrichten, um Anerkennung. "Ich hatte mal einen jungen Mann hier, dem die Tränen in den Augen standen, als ich ihm sagte 'Das hast du richtig gut gemacht'", sagt Konvalinka. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist für viele die Initialzündung. So trägt täglich einer der Mitarbeiter einer älteren Dame das Fahrrad auf den Bahnsteig. Und auch den Platten an einem Rollstuhl haben die Jungs schon einmal gewechselt.

Gerne erzählt Konvalinka auch die Geschichte von Dennis, der keinen Schulabschluss hatte und durch Zufall den Spaß am Fensterputzen der vielen Glasflächen am Gebäude der Radstation entdeckte. "Wir haben ihm dann ein Praktikum bei einer Reinigungsfirma besorgt, wo er sich so gut angestellt hat, dass man ihm eine Ausbildung angeboten hat. Er hat sie als Jahrgangsbester abgeschlossen." Es schwingt immer noch Stolz mit, wenn der 57-Jährige das erzählt. Er selbst hat seine Erfahrungen mit der Langzeitarbeitslosigkeit gemacht und sich durch die Stelle bei der Radstation wieder herausmanövriert. "Das wissen die Jungs auch", sagt er.

Oguzhan (19) hat seine Zeit in der Radstation schon absolviert und holt zurzeit seinen Schulabschluss nach. Dennoch kommt er gerne in der Radstation vorbei, wenn er Zeit hat. "Die Teamarbeit hat mit gefallen und ich habe gelernt, disziplinierter zu sein", sagt er. Um seine Zeit in der Radstation ist er froh.

(RP)