1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Serie Gladbacher Lesebuch (18): Eine Krefelderin lernt Gladbach kennen

Serie Gladbacher Lesebuch (18) : Eine Krefelderin lernt Gladbach kennen

Hildegard Kremer berichtet davon, wie sie eine fremde Stadt entdeckte. Ihr späterer Mann Albert erklärte ihr das Schützenwesen.

Stadtmitte Frotzeleien zwischen Nachbarstädten sind besonders zur Karnevalszeit beliebt. Zwischen Krefeld und Mönchengladbach gab es in meiner Kindheit ein Thema, das auch außerhalb der Fastnachtszeit immer wieder hochkochte. Zur Erklärung: Ich bin gebürtige Krefelderin. Es war 1954, als ich in Krefeld mein Studium an der Textilingenieurschule begann. Unser Semester bestand aus vier Mädchen und 28 Jungen. Einer davon schenkte mir seine besondere Aufmerksamkeit. Er kam aus Gladbach. Das erste Wort, das ich über die mir fremde Stadt von ihm lernte, war "Bruderschaft." Sind das Männerorden? "Unsinn, es sind katholische Schützenvereine mit religiöser Anbindung zum Beispiel an die Windberger, Westender, Holter, Waldhausener Kirche."

An was? Wie lauten denn die Patronatsnamen der Gotteshäuer? "Sie sind nach Ortsteilen benannt, dann weiß man sofort, wo sie stehen", erklärte Albert. Dann kam er nach einigem Nachdenken darauf, dass die im Volksmund "Päpperdos" genannte Waldhausener Kirche eigentlich St. Peter hieß und das Münster mit seinen Reliquien von Vitus und Laurentius "St. Vitus". So, wie die gleichnamige Stadtmitte-Bruderschaft, deren eifriges Mitglied mein Kommilitone war. Er lud mich zur "Prunk", dem im Stadtzentrum stattfindenden großen Schützenfest ein. Das war 1955, und ich war beeindruckt. Parade auf dem Alten Markt, Königsball im Kolpinghaus. Aber um 22 Uhr war für mich Kehraus, denn ich musste den kurz nach zehn Uhr terminierten letzten Zug nach Krefeld erreichen. Elternwort: "Das Kind hat bitteschön nachts zu Hause und allein im eigenen Bett zu sein." Dass dieser Einmalausflug in eine für mich unbekannte und etwas suspekte Schützenwelt der Beginn einer bis heute andauernden "Bruderschaftskarriere" sein sollte, hätte ich damals vehement zurückgewiesen.

Ein Professor der Krefelder Hochschule 1954. Die Fläschchen im Hintergrund sind heute im Textiltechnikum. Foto: Hildegard Kremer

Mönchengladbachs Schmuckstücke, die beiden Schlösser in Rheydt und Wickrath, waren mir unbekannt. Das Gladbacher Münster kannte ich nur dem Namen nach. Als ich es das erste Mal betrat, waren die Kriegsschäden noch nicht beseitigt. Es gab weder das Triumphkreuz, noch Ambo, die Leuchter neben dem Altar oder die Meistermann-Fenster in der Krypta. Aber das Gotteshaus war in seiner baulichen Schlichtheit auch ohne die heutigen Kunstwerke pure Faszination für mich. Ob musikalisch erfüllt von sich bis zum Himmelsgewölbe ausbreitenden Orgelklängen, ob Versunkensein in die atmende Stille oder beim Gottesdienst - das Münster ist eines meiner Lieblingsorte und zu einem Stück Heimat geworden.

Wenn zwei junge Hitzköpfe aus Städten mit unterschiedlicher Vergangenheit kommen und stolz auf ihre Heimat sind, dann passiert das im Kleinen, was Lokalpolitiker im Großen tun: Sie verteidigen Stadt und Standpunkt. Ich war stolz auf das elegante Krefeld. Mein Studienfreund punktete mit Gladbach als Stadt des Sozialkatholizismus, mit dem (alten) Volksverein und der Fabrikordnung von 1885 des Textilfabrikanten Franz Brandts. Mit was? Soviel Unkenntnis musste behoben werden. Mein Freund fütterte mich mit einschlägiger Literatur. Ich lernte, dass der auf das Wohl seiner Arbeiter bedachte Firmenpatriarch eine Krankenkasse gründete, die Arbeitszeit auf zwölf Stunden täglich begrenzte, einen Arbeitervorstand berief, sich um die Bildung seiner Arbeiterschaft kümmerte und eine Bibliothek sowie einen "Gesang-und Instrumentalverein" gründete. Auch ein Mittagstisch, eine Kinderbewahr- und eine Nähschule gehörten zu den sozialen Einrichtungen, die damals als revolutionär galten. Allerdings bestand Brandts auch darauf, dass "die Frau ins Haus gehört" und deshalb Arbeiterinnen, die sich verheirateten, aus der Fabrik ausscheiden mussten und "der Verdienst der Frau durch die damit unvermeidlich schlechte Führung des Haushalts aufgehoben werde".

1969 gründete Hildegard Kremer in der St. Vitus-Laurentius-Bruderschaft eine Frauengruppe - für diese Zeit eine kleine Revolution. Foto: Hildegard Kremer

Wir spazierten durch den "Brandts-Park" und besuchten das Brandts-Kapellchen, das eigentlich Aloysius heißt. Das war damals, als es noch keinen neu gegründeten Volksverein gegen Arbeitslosigkeit und kein TAK gab. Das war damals, als in den beiden Städten noch die Webereien und Färbereien Hochkonjunktur hatten und Ingenieurschulabsolventen gefragt waren. Aber dann, wir wohnten, jung verheiratet und gerade Eltern geworden, an der Rheydter Straße, als in beiden Städten das langsame, stille Sterben der Textilindustrie begann. Der Pleitegeier ging bei den Unternehmen um. Vergessene Firmennamen, um nur einige ins Gedächtnis zurückzurufen: Carl Nießen, Busch & Hoffmann, Bresges, Dilthey, Feintuch, Gladbacher Wolle, Herling, Paul Kempken, Pferdmenges, Mülforter Zeug.

Damals war es wie ein Geschenk des Himmels, dass mein Mann 1974 als Lehrender dorthin zurückkehrten konnte, wo er als Studierender begonnen hatte: an die Textilingenieurschule in Krefeld, seit 2001 Hochschule Niederrhein genannt. 1971 fusionierten die beiden bis dahin selbstständigen Schulen in Krefeld und Gladbach und betonten damit die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Städten. Wenn mein Mann jetzt im Textiltechnikum Monforts vor den Schränken mit den vielen bunten Farbstofffläschchen steht, die zum Teil noch seine Handschrift tragen, geht sein Blick zurück. In die Zeit, als es im Fachbereich Chemie noch genug Studierende gab, die praktisch und theoretisch lernten, mit welchem Farbstoff was und wie gefärbt werden musste.

1955 erlebte Hildegard Kremer zum ersten Mal die Parade der Schützenbruderschaft aus Stadtmitte auf dem Alten Markt mit. Für die Krefelderin war das damals ein Erlebnis, denn so etwas kannte bis dahin nicht. Foto: Kremer

Dem Wort Bruderschaft blieb ich, was ich damals strikt verneint hätte, verbunden. 1969 machte ich ungewollt aber medienwirksam Furore als "Vitusgirl". Unter diesem Namen hatte sich in der Vitus-Laurentius-Bruderschaft eine Frauengruppe gegründet, was den Zorn vieler Bruderschaftsmannen auf sich zog. Als feuerspeiender Drache verteidigte Bezirksbundespräses Wilhelm Ruland, Pfarrer an Heilig Kreuz im Westend, die Domäne der Männervereine. Der heilige Vitus drehe sich im Grab herum, weil leicht bekleidete Mädchen und Frauen, es war die Zeit der Miniröcke, mit diesem Namen die Ehre des Heiligen besudelten, so der Tenor.

(RP)