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Mönchengladbach: Eine jüdische Familie prägte ganz Wickrath

Mönchengladbach : Eine jüdische Familie prägte ganz Wickrath

Die Lederfabrik Spier war der größte Arbeitgeber im Stadtteil. Die Nazis haben viele Mitglieder der Familie Spiers ermordet.

Es sind rund 300 Fotos, auf denen die Geschichte der ehemaligen Lederfabrik Spier in Wickrath dokumentiert ist. Ulrike Krüner hat die Sammlung von ihrem Vater geerbt. Und er hat ihr noch etwas vermacht: das Interesse für Industriegeschichte. Als engagiertes Mitglied im Geschichtskreis des Wickrather Heimat- und Verkehrsvereins forscht sie zusammen mit ihrem Ehemann Klaus Krüner immer wieder an der Wickrather Vergangenheit. Angetan hat es dem Ehepaar vor allem die Lederfabrik. Inzwischen wissen sie nicht nur viele Details über den Betrieb, sondern haben auch Kontakt zu einigen Nachfahren von Firmengründer Zacharias Spier. So zum Beispiel zu Rolf Spier Donati, dem in Paris lebenden Urenkel von Levy Spier, der 1860 die finanzielle Grundlage für die Firmengründung seines Bruders legte. Und auch zu Irene Spier, einer Nachfahrin des Firmengründers, die in Toronto lebt und bald ihren Vater in der Schweiz besuchen wird. Zuvor jedoch wird sie zusammen mit ihrem französischen Verwandten am Wochenende einen Abstecher nach Wickrath machen.

 Treffen der Familie Spier 1922 auf der Wiese neben dem Gut Spiersfelde. Nach dem Krieg erhielt die Familie das Haus vom deutschen Staat nicht zurück. Stattdessen gab es eine finanzielle Entschädigung.
Treffen der Familie Spier 1922 auf der Wiese neben dem Gut Spiersfelde. Nach dem Krieg erhielt die Familie das Haus vom deutschen Staat nicht zurück. Stattdessen gab es eine finanzielle Entschädigung. Foto: Sammlung Krüner

Levy Spier war ein jüdischer Kaufmann, der in der Stadt bestens vernetzt war. Durch Kontakte zur Familie von Moses Stern gelang es ihm, so viel Geld zu beschaffen, dass sein Bruder Zacharias 1860 in Wickrath die Lederfabrik Spier gründen konnte. Schon drei Jahre später starb Levy Spier. Sein Bruder führte das Unternehmen fort, das schnell florierte. Mit rund 500 Angestellten war die Lederfabrik der wichtigste Arbeitgeber in Wickrath. Das Firmengelände umfasste rund 20 Hektar und prägte damit den Stadtteil. Hinzu kamen Häuser, in denen die Arbeiter lebten. Die Belegschaft wurde von der Familie Spier stets mit viel Respekt behandelt und man tat alles, damit es den Arbeitern gut ging. Zacharias Spier hatte erkannt, dass zufriedene Angestellte bessere Leistung bringen. Ihren Höhepunkt erreichte die Lederfabrik in den 30er-Jahren. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Die Spiers waren Juden. Sie wurden von den Nazis verfolgt und drangsaliert.

Probleme gab es aber schon zuvor. 1880 sorgten die Bürgermeister von Wickrath und Odenkirchen dafür, dass Zacharias Spier die Konzession für seine Fabrik neu beantragen musste. "Wahrscheinlich lag es daran, dass er Jude war", vermutet Ulrike Krüner. Die neue Konzession sah vor, dass die Fabrik ihre giftigen Abwässer nicht mehr einfach so in die Niers leiten durfte. Viele Jahre beschäftigte der Streit zwischen dem Fabrikanten und der Verwaltung die Gerichte. Schließlich setzte sich Spier über die Entscheidungen hinweg und leitete weiter ungefiltertes Wasser in die Niers ein. Das taten auch viele andere Betriebe entlang des Flusses. Giftige Reste der Fabrik lagern noch heute im Boden hinter dem Kunstwerk. 1889 wurde die Lederfabrik umbenannt in "Niederrheinische Aktiengesellschaft für Lederfabrikation". Nach dem Tod des Firmengründers 1901 führten zwei seiner Söhne und ein Schwiegersohn den Betrieb fort. Die Erfolgsgeschichte endete 1933. Damals wurde der Betrieb "arisiert", wie es die Nazis nannten.

 Im Hochbau an der Beckrather Straße ist die original Vertäfelung erhalten.
Im Hochbau an der Beckrather Straße ist die original Vertäfelung erhalten. Foto: Sammlung Krüner

Die Familie Spier war durch die beiden Zweige, den von Levy und den von Zacharias Spier, auf eine große Personenzahl angewachsen. Viele Familienmitglieder starben in den unterschiedlichsten Konzentrationslagern. Anderen gelang die Flucht nach England, in die USA oder die Schweiz. Andere brachten sich vor ihrer Deportation selber um, und zwei von ihnen starben während ihrer Flucht durch Schiffsunglücke. Besonders tragisch ist die Geschichte von Rolf Spier Donati und seiner Schwester Marianne. Die Urenkel von Levy Spier kamen mit ihren Eltern nach Nizza. Dort übergaben die Eltern die Kinder einem Diplomaten aus San Marino. Er versteckte die Kinder in einem italienischen Bergdorf. Die Eltern starben durch die Nazis. Nach dem Krieg kehrten einige Überlebende der Familie zurück nach Wickrath. 1948 konnte man die Fabrik, die nur noch 200 Angestellte beschäftigte und runter gewirtschaftet worden war, wieder übernehmen. Wie für viele andere Textilunternehmen in Mönchengladbach begann auch für das Unternehmen der Familie Spier der Abstieg. Schließlich kam es zum Verkauf, dann zur Aufspaltung und zu einem weiteren Verkauf. 1990 meldete die Fabrik Insolvenz an. Das Werk 1 auf der Alleeseite der Wickrathberger Straße wurde abgerissen. Dort sind heute ein Parkplatz, ein Textilhändler und Büros. Das 1905 errichtete Werk 2 ist in Teilen noch erhalten. Dort befinden sich heute ein Supermarkt, ein Bürokomplex und das Kunstwerk. Im Hochbau an der Beckrather Straße entstanden Wohnungen. Im Erdgeschoss sind in den Büros die originalen Holzvertäfelungen und Türen erhalten geblieben.

Zu ihrem Recht konnte die Familie Spier nach dem Krieg nie wieder gelangen. Durch den wirtschaftlichen Erfolg der Vorkriegsjahre konnte sich die Familie einen großen Grund mit einem prächtigen Haus, dem sogenannten Gut Spiersfelde, an der Wickrathberger Straße leisten. Von den Nazis wurde die Familie Spier enteignet. Das Gut erhielt man vom deutschen Staat nie zurück. Stattdessen zahlte man eine Entschädigung finanzieller Art. Was mit den Kunstschätzen, die im Hause vorhanden waren, geschah, ist ungewiss. Inzwischen befinden sich in dem Gut Wohnungen, was eine Besichtigung für die Angehörigen der Familie, wenn sie in Mönchengladbach zu Besuch sind, unmöglich macht.

 1889 wurde die Lederfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
1889 wurde die Lederfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Foto: Sammlung Krüner

Das ist gar nicht mal so selten der Fall. "Die vierte Generation forscht intensiv an der Geschichte der Familie", erzählt Klaus Krüner. Im Oktober waren Ruth Fishman, die Urenkelin von Zacharias Spier, und ihre Tochter Heidi zu Gast in Wickrath. Im vergangenen Jahr besuchte Rolf Spier Donati zusammen mit seiner Frau die Familie Krüner. "Das war für uns der Anstoß, erstmals eine Ausstellung über die Firmen- und Familiengeschichte der Spiers auf die Beine zu stellen", erzählt Ulrike Krüner.

 Die Halle, in der die Rohhäute für die Lederfabrik lagerten. Heute ist die Halle als Kunstwerk einer der größten Veranstaltungsräume der Stadt.
Die Halle, in der die Rohhäute für die Lederfabrik lagerten. Heute ist die Halle als Kunstwerk einer der größten Veranstaltungsräume der Stadt. Foto: Sammlung Krüner

Am Wochenende ist es soweit. Samstag und Sonntag hat der Nassauer Stall jeweils von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Zu sehen gibt es Fotos und Texte über die Spiers. "Vor einigen Tagen klingelte abends das Telefon. Am Apparat war Irene Spier aus Toronto. Sie hatte von der Ausstellung erfahren. Weil sie zu Weihnachten ihren Vater in der Schweiz besuchen wird, hat sie ihr Kommen angekündigt", verrät Ulrike Krüner. Rolf Spier Donati, der extra aus Paris anreisen wird, hat angekündigt, weitere Familienmitglieder mitzubringen. Wer genau es sein wird, das hat er den Wickrathern nicht verraten.

(cli)