Mönchengladbach: Eine Geschichte der Fortpflanzung

Mönchengladbach: Eine Geschichte der Fortpflanzung

Kabarettist Jürgen Becker warf einen besonderen Blick auf die Begehren des Volkes.

"Dann woll'n wir uns mal einen schönen Abend machen" - mit diesem für Jürgen Becker klassischen Satz eröffnete der Kölner Kabarettist am Freitagabend in der Kaiser-Friedrich-Halle sein "Volksbegehren" - so der Titel seines aktuellen Programms. Volksbegehren? Nein, um das wichtige Instrument der Demokratie in Deutschland ging es nicht. Politisch war es dennoch, und nicht nur das, auch erotisch, kunsthistorisch, trivial, subtil, kritisch, biologisch, theologisch und vieles mehr.

In gut zwei Stunden feuerte Becker ein Wort- und Gedankenfeuerwerk ab, bei dem man sich wirklich konzentrieren sollte, wenn man nichts verpassen wollte. Die klassische Frage, wie man sich das alles merken kann - als Zuhörer, aber vor allem als Kabarettist auf der Bühne - stellten sich wohl viele der Zuhörer. "Volksbegehren" also. Das muss wörtlich verstanden werden: Es ging um die Kulturgeschichte der Fortpflanzung. Flankiert von etwa 100 Bildern, auf denen erotische Gemälde aus Barock und Neuzeit, aber auch Abbildungen aus dem Biologiebuch wie das von Blattläusen und solchen aus der Werbung zu sehen waren, dozierte Becker seine gut recherchierte Fortpflanzungsgeschichte.

Was Becker unnachahmlich gelingt, ist die Beschreibung und Interpretation von Bildern, ist die Verknüpfung zwischen den Welten: Ein Gemälde wie das von Edward Hopper "Summer in the City", das eine nachdenklich-frustrierte Frau auf einem Bett neben einem schlafenden nackten Mann sitzend zeigt, führt bei Becker gedanklich zu Überlegungen, wie langjährige Ehepaare mit dem "Alltag", der die "Leidenschaft vernichtet", wohl umgehen könnten. Becker kommt geschmeidig von der Jungfrauengeburt auf die hebräische Erklärung des Wortes "erkennen" als "Sex mit jemandem haben" hin zu Picassos Alterswerk, in dem es im Wesentlichen nur noch um die Sexualität ging.

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Ebenso geschmeidig bewegt sich Becker von Satyr und Venus zur Internetpornografie, von der eingeschlechtlichen Vermehrung der Blattlaus zu Joschka Fischer, von den jeweils gängigen Schönheitsidealen zu Kohls Bauch (der "ein eigenes Überhangmandat hatte"), von Freuds "Ich-Es-ÜberIch"-Theorie (auf Kölsch klingt das viel verständlicher: "Dat mich", "Dat dat", "Daaat Övver Mich") zum Kuppeleiparagraf. Dass Birken Sex haben, war zu erfahren und dass, wenn man die Entwicklung der Erde in 365 Tagen betrachtet, der Homo Sapiens genau am 31.

12. um 21 Uhr auftrat. Beeindruckend! Lehrreich, gleichzeitig amüsant und unterhaltsam, so sollten Kunst-, Welt- und überhaupt alle Erklärungen stets sein. Beim fast schon obligatorischen Kölsch am Ende der Veranstaltung konnten die Zuhörer ihr erworbenes Wissen gemeinsam Revue passieren lassen.

(b-r)
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