Serie Was Macht Eigentlich?: Ein Urgestein vom Bökelberg

Serie Was Macht Eigentlich? : Ein Urgestein vom Bökelberg

Günter Hirnstein hat ein Vierteljahrhundert lang Borussias Jugendabteilung geführt - ehrenamtlich mit bis zu 20 Wochenstunden.

Er war ein Mittelstürmer, wie ihn Borussia in der gerade beendeten Spielzeit schmerzlich vermisst hat: "Bullig, kampf- und kopfballstark, mit einem guten Torschuss. Nur ein guter Techniker, das war ich nicht", sagt Günter Hirnstein. Doch daran lag es nicht, dass er in der Statistik der Bökelberg-Zeit keine besondere Rolle spielt. Er hatte wichtigeres im Sinn. Der heute 79-Jährige hatte alle Jugend-Mannschaften Borussias durchlaufen ("viel mehr als Titel auf Kreisebene wurden damals aber nicht vergeben"), dann noch zwei Jahre in der ersten und zweiten Amateurmannschaft gespielt und danach seine "Karriere" beendet - die als aktiver Fußballer: "Mein Fortkommen im Beruf war mir wichtiger." Und es war der richtige Weg: Mit gerade mal 19 Jahren war Hirnstein bereits Einkaufsleiter des renommierten Gladbacher Unternehmens Effertz Tore. Daneben aber begann er seine zweite Fußballlaufbahn am Bökelberg: als Jugendtrainer, Betreuer und schließlich Obmann der kompletten Jugendabteilung. Sie sollte unter seiner Führung die ersten Schritte in die Richtung tun, die heute Voraussetzung für ein Bestehen in der Bundesliga ist.

Die Raute auf dem Herzen: Günther Hirnstein als junger Spieler. Foto: GH

Fast ein volles Vierteljahrhundert war Günter Hirnstein Borussias Jugendobmann, von 1968 bis 1992. "Er hat den Grundstein für unsere heutige Jugendarbeit gelegt", sagte Andreas Heinen, Vorsitzender des Ehrenrats, als Günter Hirnstein 2008 die Goldene Ehrennadel für 60 Jahre Mitgliedschaft im Verein bekam. Zehn Jahre später, im April bei der Hauptversammlung 2018, zeigte sich Borussias Präsident Rolf Königs fasziniert von der Geschichte des 79-Jährigen, der für 70 Jahre Mitgliedschaft geehrt wurde.

Anerkennung vor vollen Rängen im Borussia-Park für Ex-Jugendobmann Günter Hirnstein. Vizepräsident Rainer Bonhof überreichte den Blumenstrauß im August 2010, 18 Jahre nach dem Rücktritt. Foto: GH

Die bei Borussia hat im Frühjahr 1948 begonnen: Der Neunjährige hatte im Krieg erlebt, wie das Haus seiner Eltern an der Fliethstraße zerbombt wurde und die Familie nach Eicken umziehen musste. Er spielte Fußball ("anfangs noch mit Lappenbällen") auf der Kaiserstraße und war eifriger Messdiener der Eickener Pfarre St. Maria Rosenkranz. "Und dann tauchten eines Tages beim Kommunion-Unterricht zwei Herren auf: Paul Schlesiger und Hermann Jülicher. Die beiden waren die Jugendobleute Borussias und fragten, ob ich Lust hätte, richtig Fußball zu spielen", erzählt Günter Hirnstein. "Und da Herr Schlesiger der Kirche nahestand, erlaubten meine Eltern mir dies."

Deutscher Meister 1981: Borussias B-Jugend feiert mit Obmann Günter Hirnstein (rechts) und Trainer Gerd Schommen den 1:0-Sieg im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Foto: Herbert Berger

Es war der Beginn einer Funktionärslaufbahn (im absolut positiven Sinn), die Jahre später eine nicht geplante Wendung nehmen sollte - und damit das Leben Günter Hirnsteins und seiner jungen Familie tiefgreifend und nachhaltig prägte. "Es wurde immer mehr. Jeden Tag war ich in der Geschäftsstelle, und unser Wohnzimmer wurde zeitweise auch noch zum Büro für Borussia", erzählt Hirnstein. Der gelernte Kaufmann managte den Betrieb der Jugendabteilung, organisierte neben dem Liga-Spielbetrieb Turniere und Reisen für alle Jugendmannschaften Borussias quer durch ganz Europa bis hin nach Israel: "1973 waren wir die erste deutsche Jugendmannschaft, die dieses Land besuchte, dank der Kontakte, die unser Trainer Hennes Weisweiler und Vizepräsident Helmut Grashoff zum dortigen Nationaltrainer Eddy Schaffer hatten."

Willi Wicken, auch ein Urgestein Borussias, war Hirnsteins Schwager. Foto: Herbert Berger

Erfolgreich, aber nicht von langer Dauer war die Idee, die Hirnstein 1981 und 82 gemeinsam mit Reiner Calmund, seinem Kollegen bei Bayer Leverkusen, umsetzte: eine Pokalrunde aller westdeutschen A-Jugend-Mannschaften aus der Ersten und Zweiten Bundesliga: Sie wurde vom Westdeutschen Fußballverband bald verboten.

Spitzentrio der Jugend-Abteilung 1981 (von links): Günter Hirnstein, Volker Klüttermann und Hartmut Vogt. Foto: Herbert Berger

"Ohne die Unterstützung meiner Frau, meines Schwagers Willi Wicken, der leider schon mit 57 Jahren gestorben ist, und später auch meiner Kinder hätte ich niemals das leisten können, was ich für Borussia getan habe", sagt Hirnstein. Christa Hirnsteins Verständnis lag aber auch in der Familie. Sie war die Schwester eines anderen Borussen-Urgesteins: Willi Wicken, geboren 1928 und mit nur 57 Jahren verstorben, war wirbeliger Rechtsaußen, Vertragsspieler und später Trainer am Bökelberg, unter anderem der B-Jugend Borussias, die 1969 Niederrhein-Meister wurde.

Elisabeth Hirnstein mit ihren Söhnen Klaus (links) und Günter. Foto: GH

Dies ist nur einer in der sehr langen Liste von Titeln und Erfolgen, die in der Amtszeit des Jugendobmanns Günter Hirnstein erreicht wurden. Die Deutsche Meisterschaft, die die B-Jugend 1981 unter den Trainern Wilfried Schmitz und Gerd Schommen an den Bökelberg holte, war der größte Erfolg in der Ära Hirnstein, in der fast Jahr für Jahr Titel von der Niederrheinebene bis zum DFB gefeiert wurden.

70 Jahre Mitglied bei Borussia: Präsident Rolf Königs und Vize Rainer Bonhof ehrten Günter Hirnstein (von rechts) bei der Hauptversammlung im April. Foto: Dieter Wiechmann

Der Bundesliga-Aufstieg der Ersten Mannschaft 1965, der Weg der "Fohlen" aus der deutschen in die europäische Spitzenklasse machte auch den Nachwuchs vom Bökelberg attraktiver. "Auch aus unserer Jugend kam dann Nachschub für die Bundesliga", sagt Hirnstein. Prominent wurden die Kremers-Zwillinge Erwin und Helmut, Rainer Bonhof, Michael Frontzeck und Kalle Pflipsen oder Jörg Albers, die alle Nationalspieler wurden.

Eins allerdings wurmt Günter Hirnstein noch heute: "Hennes Weisweiler, der legendäre Trainer der Fohlenelf, hat sich kaum einmal bei den Spielen unserer Jugend sehen lassen. Ich erinnere mich daran, dass er einmal gekommen ist. Und dann bekam 1965 auch Erwin Spinnler gleich einen Profivertrag."

Günter Hirnstein, der Sohn eines Textil-Facharbeiters, machte neben seinem Engagement bei Borussia aber auch Karriere in seinem Wunschberuf: "Ich hatte nie Lokführer werden wollen wie damals andere Jungs, sondern immer nur Kaufmann." Auf die schon mit 19 Jahren erreichte Position als Einkaufsleiter bei Gebrüder Effertz folgten Stellen als Handlungsbevollmächtigter und Prokurist in verschiedenen Unternehmen in und um Mönchengladbach - und schließlich von 1987 bis 2002 die Aufgabe als Geschäftsführer beim neu gegründeten Technologiezentrum Glehn (TZG) des Rhein-Kreises Neuss: Es macht bis heute als zertifizierter Bildungsträger Unternehmen und Arbeitnehmer fit für die sich ständig wandelnden Anforderungen des Arbeitsmarktes.

(RP)