Rasseln: Ein rassiges Dörfchen

Rasseln: Ein rassiges Dörfchen

Ein Briefkasten, ein Kaugummiautomat und zwei Autobahnen: Das 90-Seelen-Dorf Rasseln an der Stadtgrenze zu Viersen ist kein gewöhnlicher Ort. Die ländliche Honschaft ist eine der ältesten in Gladbach, und die Einwohner wissen mit eigenwilligen Traditionen Gäste zu überraschen.

Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, an denen es länger dauert, sich ein frohes, neues Jahr zu wünschen. In Rasseln, einem kleinen Dorf an der Stadtgrenze zu Viersen, ist das gelebter Brauch, eine mehrwöchige Zeremonie. Sie wurde jahrhundertelang stets nach dem gleichen Muster zelebriert: Jeder Dorfbewohner besuchte jeden anderen Dorfbewohner, aber an nur einem Tag, dem 2. Januar, dem Namenstag des Heiligen Makarius. Und weil es überall auch ein kleines Schnäpschen gab, wurde die verflixte Besucherei nach dem dritten Haus zu einer ganz heiteren Sache, nach dem fünften zu einem Kraftakt, spätestens nach dem achten Haus aber wurde es unerträglich, noch weiter zu gehen. "Wir haben uns dann auf einen gelungenen Kompromiss geeinigt", erzählt Hans-Egon Dülks. Man hat jetzt einen Monat Zeit, jeden Dorfbewohner zu besuchen. Ein Monat lang "frohes, neues Jahr".

Das Fachwerkhaus von Hans Egon Dülks ist das älteste in Rasseln und steht unter Denkmalschutz. Foto: Detlef Ilgner

Dieser Brauch erzählt viel über das Dorf Rasseln mit seinen 90 Einwohnern, von denen 18 mit Nachnamen Stops heißen. Es gibt zwei Bauernhöfe, zwei Unternehmen, ein Geschäft für alte Möbel, eine Hundeschule, jede Menge Künstler, einen Briefkasten, eine Telefonzelle, einen Kaugummiautomat - und zwei Autobahnen (A61 und A52). Die Bewohner zelebrieren das Zusammensein, die Nachbarschaft, auf eine Weise, die es Außenstehenden leicht macht, das Dorf und seine Bewohner zu mögen. Wenn einer das Dorfkreuz saniert, wie kürzlich erst geschehen, dann schmeißt er kurzerhand ein Fest an dem Mal. "Immer wenn man meint: Hier schläft etwas ein, dann macht irgendjemand etwas Neues", sagt Bewohnerin Jutta Stops, die vor zehn Jahren nach Rasseln zog. "Wir haben uns hier auf Anhieb wohlgefühlt. Man wird hier sehr schnell ins Dorf integriert."

Die Dorfgemeinschaft - ein loser Zusammenschluss der Dorfbewohner - organisiert fast alle Feste: Im August den "Rasselner Bäu" als Erinnerung an frühere Erntedank-Feste, im September eine gemeinsame Fahrrad-Tour, und im November das Sankt-Martins-Fest. In Rasseln kennt nicht nur Jeder Jeden, hier kann Jeder Jeden auch ganz gut leiden. Keine Frage: Rasseln ist ein rassiges Dörfchen.

Dabei gehört Rasseln zu den ältesten Orten Mönchengladbachs überhaupt. Im Jahr 1135 hielt die Gladbacher Abtei schriftlich von Einkünften aus der "Racsleide" fest. In einem Schriftstück von 1170 ist von der "Rakhesheide" zu lesen. 1929 wurden Hardt und Rasseln schließlich nach Mönchengladbach eingemeindet.

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An der einen kleinen Straße gab es früher acht Bauernhöfe. Heute sind es noch der Obsthof Danwitz und der Gemüsehof Stops. Die anderen Bauernhäuser verfallen jedoch nicht etwa, die Bewohner hatten stets Ideen, was sie mit den alten Bauten anstellen konnten: Hans-Egon Dülks baute seinen alten Wohnstall zu einem prächtigen, denkmalgeschützten Wohnhaus um. Ein anderer installierte eine Möbelscheune, in der er gebrauchte Möbel verkauft. Und der Künstler Wolfgang Hahn baute die Kunstscheune auf, in der sich die Dorfgemeinschaft zu Versammlungen trifft - und das ist bei der Rasselner Dorfgemeinschaft nicht gerade selten.

Das führt mitunter zu obskuren Begebenheiten, die heute noch in Rasseln die Runde machen. Im 18. Jahrhundert zeichnete ein Landvermesser eine Karte von Hardt, Rasseln und der "Länderreÿ". Auf der Windrose in der Legende trug er die Himmelsrichtungen jedoch verkehrt ein: Norden gegenüber dem Westen, Osten gegenüber dem Süden.

Er hatte seinen Nachbarn vermutlich ausgiebig ein frohes, neues Jahr gewünscht.

(RP)
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