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Mönchengladbach: Ein Ödipus auf dem Lande

Mönchengladbach : Ein Ödipus auf dem Lande

Hüseyin Michael Cirpici inszeniert Heinrich von Kleists Drama "Der zerbrochne Krug".

"Zum Straucheln braucht's doch nichts als Füße": Diese Auskunft gibt der Dorfrichter Adam im niederländischen Städtchen Huisum dem jovialen Gerichtsrat Walter, der den krass lädierten Adam nach der Herkunft seiner Kopfverletzungen befragt. Es bleibt nicht die einzige Lüge des Vertreters der gern als ehrenhaft angesehenen Gerichtsbarkeit in dem Stück "Der zerbrochne Krug", das Heinrich von Kleist 1806 schrieb.

Ein freundliches Vorurteil, das wusste nicht nur der im preußischen Staatsdienst beschäftigte Dichter. Sein Dorfrichter hat es faustdick hinter den Ohren, er stellt nachts der Jungfer Eve nach. Dabei wird er von deren Verlobten Ruprecht gestört, flüchtet unerkannt durchs Fenster und schlägt sich beim Sturz den Kopf schmerzhaft auf. Dennoch muss er am nächsten Vormittag wieder Recht sprechen. Scheinbar geht es nur um einen zerdepperten Krug, dessen Verlust Eves Mutter Marthe Rull wortreich beklagt. Doch in Wahrheit sitzt der Richter über sich selbst zu Gericht. "Dieser Adam ist ein Seiltänzer der Worte über einem Abgrund der Lügen", urteilt Martin Vöhringer.

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Bei einer Matinee stellten der Schauspieldramaturg und die Schauspieler Anna Pircher (Eve), Henning Kallweit (Ruprecht), Christoph von und zu Lerchenfeld (Gerichtsrat) und Bruno Winzen (Adam) das bizarre "Lustspiel" im Theatercafé vor.

Für Vöhringer "eine verhinderte Tragödie". Daher habe der Regisseur, der Krefelder Hüseyin Michael Cirpici versucht, die ernste, ja albtraumhafte Seite der Geschichte herauszuarbeiten. Vöhringer erinnert die Handlung an eine Gestalt der griechischen Sagenwelt: Ödipus, König von Theben, erfuhr vom delphischen Orakel die Weissagung, dass eine Seuche in der Stadt erst dann zu besiegen sei, wenn der Mörder des früheren Königs Laios überführt sei. Ödipus forscht nach dem Täter. "Und findet heraus, dass er selbst der Vatermörder ist", berichtete Vöhringer.

Bruno Winzen spielte seinerzeit in der Ödipus-Tragödie des Sophokles im Theaterstudio die Titelrolle. Nun hat er die Rolle des Dorfrichters Adam. Im Dialog mit Christoph v.u.z. Lerchenfeld als Justiz-Supervisor gab Winzen Einblicke in das Wesen eines korrupten Beamten, der den Kontrolleur zu bestechen versucht und selbst im Gerichtssaal nicht davor zurückschreckt, das Opfer, die junge Eve, zu erpressen. "Angesichts der #Mee Too-Debatte ist das wirklich nicht lustig", befand Vöhringer und fuhr fort: "Im Zerbrochnen Krug überlagert die tragische Dimension die Komik." Jedenfalls habe das Stück im Zeitalter "alternativer Fakten, zunehmender Bestechlichkeit und des Niedergangs des Anstands" (Vöhringer) überraschende Aktualität bewahrt.

Die Premiere ist am Sonntag, 25. Februar, 19.30 Uhr, im Theater Mönchengladbach.

(ri-)