Serie Was macht eigentlich?: Ein Kämpfer für den Frieden in der Welt

Serie Was macht eigentlich?: Ein Kämpfer für den Frieden in der Welt

Willy Wimmer, in Mönchengladbach aufgewachsen und Ratsherr, saß 33 Jahre lang im Bundestag. Er war einer der einflussreichsten deutschen Außenpolitiker mit Beziehungen in der ganzen Welt. Auch bei der deutschen Wiedervereinigung mischte der Jüchener mit.

Es gibt nur wenige gebürtige Mönchengladbacher, die in der nationalen und internationalen Politik eine maßgebende Rolle gespielt haben. Da war zunächst Adolf Hitlers Propaganda-Chef Dr. Joseph Goebbels, mitverantwortlich für die Gräuel der Nazi-Zeit. Dann kam der beliebte und geschätzte Dr. Franz Meyers, von 1958 bis 66 Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, der mit Peter Erkens und Joseph Paul Franken zwei gebürtige Mönchengladbacher als Minister für Landesplanung im Kabinett hatte. Und schließlich Willy Wimmer, von 1976 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags, zwischen 1985 und 1992 erst verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU und dann Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium.

Der Jurist, in Rheydt aufgewachsen, von 1969 bis 1980 Mitglied des Rheydter beziehungsweise Mönchengladbacher Stadtrates, ist 1984 wegen seines neuen Wahlkreises (nach Rheydt-Grevenbroich II nun Neuss II) nach Jüchen gezogen. Er war in Bonn und Berlin alles andere als ein Hinterbänkler. Willy Wimmer war gefragt, wenn in der Welt Interessen aufeinanderprallten — ob in den USA, in Russland, Südamerika, Korea, China, Afghanistan oder auch zwischen Israel und dem Iran, mit denen er 1998 im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Kohl einen Austausch gefallener und gefangener Soldaten aushandelte.

"Ich war für Helmut Kohl an den neuralgischen Punkten der Welt tätig, zwischen Buenos Aires und Pjöngjang", sagt der 70-Jährige. Er war von 1994 bis 2000 Vizepräsident der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Willy Wimmer gilt bis heute als der Bundestagsabgeordnete mit der größten globalpolitischen Kenntnis. Ein Mann, der Sachlagen präzise analysiert, sein Urteil unabhängig von bloßen Parteiinteressen fällt und vertritt — was am Ende seiner Laufbahn zu deutlichen Dissonanzen mit der CDU führte.

Der Parlamentarische Staatssekretär war auch mittendrin im Geschehen, als 1989 und 1990 die deutsche Wiedervereinigung vorbereitet wurde. Wimmer erfuhr am 1. Oktober 1989 bei einem Besuch im Moskauer Kreml vom Sicherheitsberater des Präsidenten der Sowjetunion, worauf sich Michail Gorbatschow bereits beim Staatsbesuch im Juni in Bonn mit Bundeskanzler Kohl unter strengster Geheimhaltung verständigt hatte: Deutschland sollte wiedervereinigt werden. "Nach meiner Rückkehr durfte ich davon nichts verlauten lassen", erzählt Willy Wimmer. Am 9. November 1989 fiel in Berlin die Mauer, am 10. Februar 1990 wurde bei einem Treffen zwischen Kohl und Gorbatschow in Moskau offiziell zugesichert, dass die UdSSR einer Wiedervereinigung Deutschlands nicht im Weg stehe.

Die CDU der Bundesrepublik tat sich schwer bei einem Zusammengehen mit der der DDR unter Lothar de Maizière. "Keiner hier wollte zunächst mit dem Blockflötenspieler, wie er abfällig genannt wurde, sprechen. Generalsekretär Volker Rühe war gegen eine Zusammenarbeit", erzählt Willy Wimmer. Über den Verlagsleiter der Neuss-Grevenbroicher Zeitung (NGZ), Alfons Kranz, der de Maizière in Ostberlin kennengelernt hatte, kam am 27. Januar 1990 ein Gespräch Wimmers mit de Maizière im NGZ-Verlagshaus zustande — während Rühe auf einer Versammlung in Wesel zur gleichen Zeit vehement gegen eine Zusammenarbeit sprach. Wimmer: "Ich hatte Helmut Kohl vorab informiert. Wir standen während des Gesprächs telefonisch ständig in Kontakt. Er war am Ende mit dem Vorschlag, den Lothar de Maizière und ich ausgehandelt hatten, einverstanden." Noch am selben Abend gingen die beiden damit in Neuss an die Öffentlichkeit — und die CDU-"Allianz für Deutschland" gewann am 18. März 1990 die Volkskammer-Wahlen. Lothar de Maizière wurde der erste und zugleich letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR.

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Der Weg zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 war beim Gespräch Wimmers mit de Maizière ein weiteres Stück freigeräumt worden. Der Verteidigungs-Staatssekretär vom Niederrhein ebnete dann den Weg für die Zusammenführung von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee.

Willy Wimmer war in den 1990er und frühen 2000er Jahren einer der einflussreichsten deutschen Außenpolitiker mit guten Verbindungen in die wichtigen Staaten der Welt. Doch mit der Jahrtausendwende gab es zunehmend Dissonanzen mit seiner Fraktion. Wimmer hatte schon 1989 für den Auszug der Bundeswehr beim NATO-Manöver WINTEX gesorgt: "Ich konnte selbst im Planspiel eines eskalierenden Ost-West-Konflikts in der Rolle des Verteidigungsministers nicht vertreten, dass die NATO in einem atomaren Erstschlag Dresden und Potsdam angriff. Mir war klar, dass bei einem wirklichen, auch nur konventionellen Krieg von Deutschland nichts übrig bliebe." Bundeskanzler Kohl schloss sich Wimmer an, Deutschland stieg drei Tage vor Ende der Winterübung aus.

"Ich gehöre gewissermaßen noch zur Kriegsgeneration. Mein Vater ist im Oktober 1945 bei der Heimkehr aus Russland in Polen gestorben. Dass Deutschland leichtfertig der Führungsmacht USA folgen soll, kann ich bis heute nicht verstehen", sagt Wimmer. Er musste als einziger Sohn eines infolge des Krieges gestorbenen Soldaten nicht in der Bundeswehr dienen. Und sah seine Aufgabe als Verteidigungspolitiker in der Verhinderung von Kriegen ohne völkerrechtliche Grundlage.

Das galt auch für die Probleme der NATO. Wimmer sprach sich 1999 gegen den Jugoslawien-Krieg aus, zog 2003 beim zweiten Irakkrieg zusammen mit dem CSU-Kollegen Peter Gauweiler in einem offenen Brief an die Fraktion Parallelen. "Beides waren ganz ordinäre Angriffskriege, ohne jede völkerrechtliche Legitimation", sagt er. 2007 klagte er (erfolglos, weil "unzulässig") vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Beschluss des Bundestages, die NATO-Truppen in Afghanistan durch Tornado-Flugzeuge zu unterstützen.

Auch Wimmers Reise 2003 nach Bagdad, zusammen mit Gauweiler im Auftrag von Papst Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger (des späteren Papstes Benedikt XVI.) acht Tage vor dem Irak-Krieg, zu Gesprächen mit den christlichen Bischöfen und dem päpstlichen Nuntius, war auf Ablehnung in der Fraktion gestoßen. 2008 beschloss Willy Wimmer, der für die CDU in Rheydt, im Rhein-Kreis Neuss und in Krefeld seinen Wahlkreis stets per Direktmandat gewonnen hatte, bei der Bundestagswahl 2009 nicht mehr zu kandidieren.

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(RP)
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