Herdt : Ein heißes Pflaster

83 Einwohner und ein Totempfahl: Vor Jahrhunderten war das Dorf Herdt ein Schmugglernest, deren Bewohner bei der Polizei einen üblen Ruf hatten. Heute führen die Bewohner ein beschauliches Leben und kämpfen höchstens für ihre 150 Jahre alte Stieleiche oder die noch ältere Kapelle.

Man könnte diesen vier Meter hohen Totempfahl an der Dorfstraße schwer missverstehen. Als subtile Warnung für Besucher im Stil eines Schildes wie: "Vorsicht! Bissiger Hund." Man könnte es aber auch einfach als Kunstwerk ansehen, das man so nicht häufig findet in Mönchengladbach. Die zweite Variante gefällt den gemütlichen Herdtern wesentlich besser. Denn dass in diesem etwa 900 Jahre alten Dorf im Rheindahlener Land, gegenüber dem Hauptquartier, raue Sitten herrschen, das ist schon ein paar Jahrhunderte her. Dafür ging es aber wirklich zur Sache.

Herdt, das wusste man in den Polizeistuben im Grenzgebiet, Herdt ist ein heißes Pflaster. "Schmuggler", sagt Walter Geißler nur, der sich um die Geschichte der Honschaft bemüht. Weil es der Landbevölkerung nicht immer blendend ging, wenn die Ernte einmal nicht gut ausgefallen war, verdienten sie sich ein Zubrot mit dem Schmuggeln von Waren über die grüne Grenze. In den Niederlanden, so erzählt die Dorfgeschichte, packten sie sich den Rucksack voll mit wertvollen Waren und schleppten ihn nach Herdt. Immer schwer bewaffnet mit einem Eichenknüppel. "Von den Herdter Grenzgängern wird berichtet,dass sie besondere Raufbolde waren und sich die Ware nicht so leicht abnehmen ließen", heißt es in der Dorfchronik. "Mit ihren derben Eichenknüppeln wussten sie sich gegen die Konkurrenz und gegen den Zoll zu wehren."

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Aus dem einstigen Schmugglernest ist heute ein beschauliches Dörfchen geworden, in dem noch zwei von früher sieben Bauernhöfen bewirtschaftet werden. Heinz Clever, der Besitzer des Ludwighofes, sitzt auf seiner Terrasse und atmet tief ein. "Wenn ich hier sitze, die Vögel zwitschern höre, mal eine Runde durch das Feld marschiere und dann daran denke, dass meine Familie bald nach Wangeroge in den Urlaub fährt — da bleib ich doch lieber hier", sagt er und lächelt gutmütig. Er ist ein Ur-Herdter. Mit 15 Jahren hat er schon die Felder seines Vater gepflügt. Das erledigen heute natürlich Maschinen. Aber die Urigkeit des ländlichen Lebens hat sich das Dorf bis heute erhalten. "Wir haben keine Kneipe, kein Geschäft und keinen Briefkasten", sagt Walter Geißler und man könnte glauben, dass das auch gut so ist. Es ist ruhig geworden in Herdt.

Einmal im Jahr wird es dann aber doch mal laut. Wenn nämlich das Dorf sich selbst feiert mit "Grill, Tanz, Gesang und Bier", wie Geißler verrät. "Wir machen alles selbst. Das ist immer was Besonderes." Keine Frage: Die Herdter lieben ihre Heimat, mit der sie schon öfter bei dem Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" die Jury überzeugten. "Nie würde ich hier wegziehen", sagt Heinz Clever.

Diese Heimatliebe äußert sich auch in dem kleinen Kapellchen, das seit 1750 an der gleichen Stelle im Dorf steht. Dort setzen die Herdter jedes Jahr den Maibaum, treffen sich zu Maiandachten und im Oktober zu Rosenkranzandachten. Nur finden die wenigsten Dorfbewohner in der Kapelle Platz. "Die meisten bleiben davor stehen", sagt Geißler. Wer aber einen Stuhl hat, der sitzt nicht auf irgendwas. Denn Geißler organisierte für die Kapelle ein Dutzend Stühle aus dem Aachener Dom. Gemietet vom Bischof für 99 Jahre.

(RP)