1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Mönchengladbach: Ein Buch gegen das Schubladen-Denken

Mönchengladbach : Ein Buch gegen das Schubladen-Denken

Behindert zu sein, ist normal: Das ist das Thema der Fotografin Meike Hahnraths. 152 Porträtfotos hat sie in einem Buch vereint. Ihre Models, mit und ohne Handicap, zeigt sie von ihrer Schokoladenseite. Bald stellt sie in der Citykirche aus.

Sie fotografiert junge Menschen, alte Menschen, Behinderte und Nichtbehinderte: Indem sie sie von einer Stylistin schminken und zurechtmachen lässt, zeigt die Fotografin Meike Hahnraths immer die Schokoladenseiten ihrer Models. Die Bilder verraten nichts über deren Profession oder den gesundheitlichen Zustand. "Als Fotografin zeige ich Facetten, die für mich interessant sind und von denen so viele glauben, sie seien bei bestimmten Menschen nicht oder nicht mehr vorhanden - Unversehrtheit und Stärke", sagt sie. "Der Betrachter wird also keinen Unterschied machen können zwischen den Fotografierten, die häufig nur über ihr Leben in einem Frauenhaus oder ihre Behinderung wahrgenommen werden und solchen, die als ,normal' gelten." Sie will mit dem Schubladen-Denken aufräumen.

Ist sie Landwirtin? Oder Musikerin? Behindert, nicht behindert? Foto: Meike Hanraths

2015 hat Meike Hahnraths ihr Schubladen-Projekt gestartet. Ist in Frauenhäuser gegangen, in Behinderteneinrichtungen, hat Menschen fotografiert, die sich auf ihren Aufruf gemeldet hatten. Sie hat Frauen und Männer unterschiedlichster Art vor ihre Kamera geholt. Und jetzt sind 152 Porträts in einem Buch erschienen, das sie selbst gestaltet hat. Eine Erfolgsgeschichte. Eine, die weite Kreise gezogen hat. Bereits kurz nach dem Start ihres Projekts hatte sie die erste Ausstellung mit ihren Fotos - damals im Landeshaus des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) in Köln. Es folgten ein Jahr später Präsentationen in den LVR-Kliniken Köln, Mönchengladbach, Langenfeld und Essen. Und in diesem Jahr war sie mit ihren Bildern im Schlossmuseum Jever - ganz hoch oben im Norden. "Das waren sehr schöne Räume."

Ist er ein schottischer Highlander? Oder bei der Verwaltung beschäftigt? Foto: Meike Hanraths

Nächste Stationen sind das Stadtmuseum in Euskirchen und die Citykirche am Alten Markt. "Auf die Citykirche freue ich mich besonders", sagt Meike Hahnraths. Jeweils zwei riesengroße Fotoabzüge werden links und rechts vom Altar hängen. Und auf oktogonalen Stellwänden, die um die Säulen herum aufgebaut werden, wird die Fotografin insgesamt 40 kleinere Formate zeigen. Eröffnet wird die Ausstellung am 4. September, sie wird bis zum 30. Oktober zu sehen sein. "In dieser Zeit wird es einige kulturelle Veranstaltungen im Zusammenhang mit meinen Fotos in der Citykirche geben", sagt sie.

Ist sie Ergotherapeutin? Lebt sie vielleicht im Frauenhaus? Foto: Hahnraths

Ihre Fotos lösen in der Regel kontroverse Diskussionen aus. Beispielsweise wurde sie schon gefragt: "Wieso sehen die Behinderten hier nicht behindert aus? Dürfen sie Ihrer Meinung nach nicht behindert aussehen?" Die Antwort der Fotografin: "Doch, aber sie müssen nicht." Oder folgender Dialog: "Ich kann einfach nicht glauben, dass hier eine Hälfte behindert sein soll." Dazu Meike Hahnraths: "Behindert zu sein, ist normal."

Inzwischen hat sich das Projekt weiterentwickelt. Unter dem Titel "Inklusion macht schön" bietet die Fotografin Workshops, an denen jeweils drei Behinderte und drei Nichtbehinderte teilnehmen. Die Teilnehmer bekommen eine Typberatung, ein Friseur aus Köln gibt Tipps für die Frisur, und die Optikerin Klara Ermeding bietet eine Brillenberatung an. Dann fotografiert Meike Hahnraths das Ergebnis. "Die behinderten Menschen sind so glücklich, wenn sie sich auf dem Foto sehen", sagt sie. "Sie gewinnen eine große Portion Selbstachtung."

www.schubladen.online

(isch)