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Literarischer Sommer in Mönchengladbach: Ein Aktenordner voller Geschichten

Literarischer Sommer in Mönchengladbach : Ein Aktenordner voller Geschichten

Fiktion und reale Begebenheiten hat die Journalistin Anne Gesthuysen für ihren Roman "Wir sind doch Schwestern" miteinander verknüpft. Eindrucksvolle Passagen daraus las sie zum Auftakt des Literarischen Sommers in Rheydt.

"Wir werden zusammen alt", stellt Maren Jungclaus, Referentin im Literaturbüro NRW, mit einem durchs Publikum wandernden Blick fest. Mit der anschließenden Beobachtung "Ich sehe hier seit Jahren die gleichen Gesichter" eröffnet die Moderatorin nicht nur den Literarischen Sommer in der Stadtbibliothek Rheydt, sondern holt das Publikum, das bis zum letzten Platz die Stuhlreihen füllt, mitten ins Geschehen. Und schafft eine Verknüpfung zu Anne Gesthuysens Roman "Wir sind doch Schwestern".

Der Roman erzählt auf 400 Seiten eindrucksvoll die Lebens- und Liebesgeschichten von Katty, Paula und Gertrud, den Großtanten der Autorin. Er verbindet eine Chronik privaten Lebens mit ausschmückenden, fiktiven Elementen. "Die Personen sind alle real", betont Anne Gesthuysen. Katty, Paula und Gertrud treffen sich zu Gertruds 100. Geburtstag. Sie wollen ihre Zukunft planen, doch vorher gilt es, die Vergangenheit zu klären. Viele alte Geschichten werden bei Kaffee und Schnaps wieder erzählt, und manches bisher gehütete Geheimnis kommt ans Tageslicht. Dazu gehört ein alter Aktenordner, der schon im Prolog des Buchs auftaucht. Katty findet ihn in einem Schrank.

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Anne Gesthuysen, Journalistin und Moderatorin des ARD-Morgenmagazins, hält diesen ominösen Ordner in Händen. "Das hier ist nur mehr ein Faksimile. Das Original wird demnächst im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt, als Dokument der Zeitgeschichte", verrät sie. Denn dieser Ordner erhält hochbrisante Dokumente um die Scheidungsschlacht zwischen Heinrich Hegmann, einem späteren CDU-Landtagsabgeordneten, und seiner Frau Ende der 1940er-Jahre. Katty lebt zu dieser Zeit mit Heinrich auf dem Tellemannshof zusammen, seine Frau ist eine Schulfreundin von Katty.

Anne Gesthuysen wechselt in ihrer Lesung zwischen langen Erzählpassagen und Lese-Vortrag aus dem Buch. Lange hat sie dafür in ihrer Heimat am Niederrhein recherchiert und Erstaunliches aufgedeckt. In ihrer charmanten und natürlichen Art ist die Autorin "ganz in der Geschichte" und sprudelt nur so vor Erzählfreude. Denn das, was sich dort im gesamten 20. Jahrhundert abgespielt hat, scheint für ein katholisches Dorf am Niederrhein unfassbar. Paula entdeckt nach 30 Jahren Ehe, dass ihr Mann homosexuell ist, und lässt sich wenige Jahre später scheiden. Am Rande dieser Geschichte geschieht ein Selbstmord. Gertrud ist zu Beginn des Ersten Weltkriegs bereits im heiratsfähigen Alter und verlobt sich mit Franz Hegmann, den sie wenige Jahre später an den Krieg verliert, sie bleibt zeitlebens unverheiratet. Sie macht ihren Schwager in spe, Heinrich Hegmann dafür verantwortlich.

Katty, die Lieblingstante von Anne Gesthuysen, ist Nesthäkchen und Strippenzieherin. "Wie eng ihre Beziehung zu Heinrich war, weiß niemand, gemunkelt wird viel", mutmaßt Gesthuysen. Das Buch zeigt Mut und Leidenschaft dreier eigenwilliger Schwestern. Als Katty den Aktenordner damals fand, trug er die Aufschrift: "Bitte nicht lesen, bitte sofort verbrennen!"

(apo)