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Ehepaar aus Mönchengladbach erlebt wegen Corona Odyssee statt Weltreise

Ehepaar aus Mönchengladbach : Odyssee auf dem Meer

Die Mönchengladbacher Rosmarie und Manfred Lünzner haben Erfahrung mit Weltreisen. Ihre dritte Tour sollte sie von Venedig nach Asien führen. Es wurde eine Odyssee – weil während ihrer Reise die Corona-Pandemie ausbrach. Das Paar kehrte zu Hause in eine andere Welt zurück.

Das Jahr 2020 ist gerade einmal fünf Tage alt, als das Mönchengladbacher Ehepaar Rosmarie und Manfred Lünzner in Venedig an Bord des Kreuzfahrtschiffes Costa Deliziosa geht. Beide sind voller Vorfreude, denn auf ihrer dritten Weltreise steht endlich Asien im Mittelpunkt der insgesamt viermonatigen Erlebnistour: Japan, Taiwan, Singapur, Hongkong und Malaysia sind im Programm, natürlich immer mit Landgängen, den Highlights solcher Reisen zu Schiff.

„Am 17. Februar teilte man uns an Bord mit, dass wir Asien nicht anfahren können. Der Grund sei das neuartige Coronavirus. Man plane nun neue Ziele zum Anlegen“, sagt Manfred Lünzner. Als die Durchsage kommt, hat das Ehepaar gerade Traumaufenthalte an Land erlebt. Herrliche Strandtage auf Bora-Bora, der kleinen Insel im Südpazifik nordwestlich von Tahiti, umspült von türkisfarbenem Meer. Ein Abendausflug in Lima, Peru, mit stilvollem Essen in einer alten Privatvilla. Eine kleine Bergwanderung in Arica, Chile, am Fuß der Christusstatue. „Es sind diese Eindrücke, die wir von dieser Reise bewahren möchten“, sagt Rosmarie Lünzner.

Für die beiden geht es zunächst wie geplant weiter um die Welt: Von der chilenischen Hafenstadt Valparaíso aus stechen sie in die Südsee, besuchen die Osterinsel und die Pitcairninseln. Von Neuseeland kommend legen sie am 14. März im Hafen von Perth, Australien, an. Der neue Reiseplan sieht nun vor, von dort in den Indischen Ozean zu fahren, dort locken La Réunion, Madagaskar, Mauritius, die Seychellen und die Malediven. Statt Asien die Paradiese vor den Küsten Afrikas und Indien zu erkunden, klingt nach einer guten Alternative. Die sich allerdings mit einer erneuten Durchsage des Schiffsmanagements um 7.45 Uhr am selben Tag erledigt hat: Jetzt sind nicht nur sämtliche australischen Häfen dicht, sondern auch die der Inseln im Indischen Ozean. Anlegen kann die Costa Deliziosa nirgendwo mehr entlang ihrer Route nach Hause. Perth setzt den Corona-Schlussstrich.

Es sollen 40 Tage werden, bis Passagiere und Besatzung wieder festen Boden unter den Füßen haben. „Panik ist an Bord nicht ausgebrochen, dafür hat das professionelle Verhalten des Kapitäns und der gesamten Crew gesorgt. Aber besorgt waren wir schon. Plötzlich standen wir vor dem Ungewissen: „Wo sollen wir hin und wann kommen wir dort an, wo wir wieder Boden unter den Füßen haben können“, schildert Manfred Lünzner die Lage kurz vor Frühlingsanfang in Deutschland. Versorgt werden das Schiff und die Reisenden auf Reede, also kilometerweit von der Hafeneinfahrt von Perth entfernt. Ein Tankschiff beliefert die Costa Deliziosa mit Treibstoff, kleinere Versorgungsschiffe bringen Lebensmittel – und massenweise Toilettenpapier. „Unser Sohn informierte uns zu dem Zeitpunkt schon von der Heimat aus mit täglichen Textnachrichten über die Corona-bedingte Situation dort: Lockdown, Homeoffice, Kita-Verbot und die Mangelware Toilettenpapier. Für uns war das alles so weit weg“, sagt Rosmarie Lünzner.

Sie fahren weiter, mit dem Fernglas erblicken sie sprachlos die menschenleeren Strände von La Réunion, Madagaskar, Mauritius, den Seychellen. Der Sohn textet, dass sich in Norditalien Szenen unvorstellbaren Ausmaßes abspielen und die Eltern froh sein könnten, sicher auf dem Schiff fernab von Europa zu sein. Rosmarie und Manfred Lünzner intensivieren an Bord die Kontakte zu einigen deutschen, schweizerischen und österreichischen Pärchen. Man tauscht sich vermehrt aus, verbringt mehr Zeit miteinander, redet viel, auch um die nagende Ungewissheit zu überstehen: „Die Situation hat uns insgesamt zusammengeschweißt“, sagen beide.

Am 15. April wird die Costa Deliziosa vor Malta betankt. Es ist nicht mehr weit bis zum eigentlichen Start- und Endpunkt der Weltreise, Venedig. Dort legt das Schiff nie an. Es fährt weiter nach Masale auf Sardinien. Es geht darum, einen Passagier mit Verdacht auf Corona-Infektion von Bord zu bringen. Er soll in der Stadt getestet werden. Während der zähen zweitätigen Wartezeit auf das Ergebnis sind sämtliche 1800 Passagiere unter Quarantäne gestellt, dürfen ihre Kabinen nicht mehr verlassen. Das Essen stellt man ihnen zum Selbstabholen vor die Kabinentür. „Mundschutz und zwei Meter Abstand – alles genauso surreal, wie wir es schon von unserem Sohn aus dem Alltag in Deutschland erfahren hatten“, sagt Rosmarie Lünzner. Am 17. April dann die erlösende Nachricht: Der Test des Passagiers auf Corona ist negativ.

Glück im Unglück, und Leinen los mit Kurs auf Genua: Am 23. April betreten die Lünzners nach 40 Tagen an Bord um 6.30 Uhr in der Früh endlich wieder Land. Nach sechs Wochen mit nur dem Plätschern der Wellen und entferntem Maschinensurren als Geräuschkulisse nun die Erlösung, wie sie diesen Moment trotz der einschränkenden Auflagen empfinden: „Bewaffnet mit Einmalhandschuhen und Mundschutz wurden wir mit jeweils 20 Personen pro Bus zum Flughafen gefahren. Von dort ging es dann nonstop nach München. Jeder durfte nur einen Koffer mitnehmen, das restliche Gepäck wurde uns Wochen später per Spedition zugestellt“, erinnert sich Manfred Lünzner.

In München ereilt das Ehepaar der eigentliche Schock. „Unser Sohn hatte uns schon oft genug gebrieft, wie es in Deutschland aussieht, aber so richtig glauben konnten wir es nicht. Alle Läden am menschenleeren Flughafen waren geschlossen. Ähnlich gestaltete sich dann auch die Szene am Düsseldorfer Airport als finale Destination einer Weltreise, die wir nie vergessen werden“, resümiert Rosmarie Lünzner.

Nach ihrer zweiwöchigen, nun überstandenen freiwilligen Quarantäne in ihrem Mönchengladbacher Zuhause will das Prinzenpaar der Stadt aus der Session 1999/2000 erst einmal nicht mehr in Urlaub fahren. Dass die diesjährige Weltreise ihre letzte sein würde, hatten sie aber schon im vergangenen Jahr beschlossen. Wenn irgendwann ihre nächsten Ferien anstehen, fassen sie hierfür Deutschland ins Auge: „Es ist schon erschreckend, was alles passieren kann, mit dem man nie gerechnet hätte. Wir haben die ganze Welt bereist. Jetzt ist unsere Heimat dran“, sind sich die beiden einig.

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