Mönchengladbach Ehemann lebte neben toter Frau

Mönchengladbach · Rund drei Wochen lang blieb der Tod einer 85-Jährigen in der Nachbarschaft unbemerkt. Der Ehemann, der mit der Situation völlig überfordert war, deckte den Körper seiner Frau ab und lebte mit der Leiche in der Wohnung weiter.

 Der tragische Vorfall ereignete sich in einer Wohnung an der Albertusstraße.

Der tragische Vorfall ereignete sich in einer Wohnung an der Albertusstraße.

Foto: Isabella Raupold

Die Polizei spricht von einer "tragischen Geschichte". In einer Wohnung an der Albertusstraße starb vor zwei bis drei Wochen eine 85-jährige Frau. Ihr gleichaltriger Ehemann, selbst sehr krank, war mit dem Tod seiner Frau völlig überfordert. Er deckte die Leiche, die in der Küche lag, mit einem Tuch ab und führte sein Leben wie zuvor fort. Er ging jeden Morgen zum Arzt, fuhr ab und zu mit dem Auto weg. Am vergangenen Montag verließ der Mann erneut die Wohnung. Unabsichtlich drehte er den Schlüssel in der Wohnungstür, bevor er sie zugezogen hatte. So stand der Zylinder heraus, und die Tür fiel nicht zu.

Die Nachbarn hatten schon längerer Zeit einen seltsamen intensiven Geruch verspürt. Als an diesem Tag der Hausverwalter kam und durch die nicht verschlossene Tür ging, entdeckte er die Tote.

Die Polizei geht nicht von einem Gewaltverbrechen aus. "Trotzdem lassen wir die Frau obduzieren", sagt Klaus Irrgang, Leiter des Kriminalkommissariats KK 11, der Abteilung, die tätig wird bei Kapitaldelikten wie Mord oder Kindesentführungen. Man wolle ganz sicher gehen, dass kein Fremdverschulden vorliegt. Der Witwer, offensichtlich geistig verwirrt, wurde zunächst in eine Landesklinik eingewiesen. Für ihn soll nun ein Betreuer bestellt werden. Angehörige hat das Ehepaar offenbar keine.

Dass Tote mehrere Tage oder Wochen unentdeckt in einer Wohnung liegen, ist für Klaus Irrgang nichts Ungewöhnliches. "Das passiert durchaus häufiger", sagt der Erste Kriminalhauptkommissar. "Die vergessenen Toten" seien ein gesellschaftliches Phänomen. "Viele Menschen leben zurückgezogen in der Anonymität. Sie besuchen große Supermärkte statt den Bäcker um die Ecke. Miete und Nebenkosten werden automatisch jeden Monat überwiesen. Da fällt keinem etwas auf", berichtet Irrgang.

Selbst wenn der Briefkasten überquillt, die Rollläden wochenlang verschlossen bleiben, werde das von den Nachbarn häufig anders gedeutet: Besuch bei der Tochter in Norddeutschland, Langzeiturlaub in südlichen Gefilden, längerer Krankenhaus- oder Kuraufenthalt. "Ich wollte mich da nicht einmischen" ist ein Satz, den die Kollegen vom KK 11 in solchen Fällen häufig hören. "Heute fehlen oft soziale Kontakte", sagt Irrgang.

Leichen, die nach Wochen, manchmal sogar erst nach Monaten gefunden werden, sind kein schöner Anblick: Fäulnis, Madenbefall und dann der Leichengeruch. Die Polizisten vom KK 11 wissen, was sie erwartet, und können damit umgehen. Aber auch für sie ist es eine Horrorvorstellung "zu sterben, und keiner ist da, der einen vermisst", sagt Irrgang.

So war es auch bei der Frau, die im April an Unterkühlung starb und erst drei Wochen später in einer leerstehenden Wohnung in Rheydt gefunden wurde. "Sie ist immer noch nicht identifiziert. Bis heute hat sie niemand vermisst", sagt der Erste Kriminalhauptkommissar.

(RP/jco)
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