Mönchengladbach: Ehemalige Heimkinder bekamen Psychopharmaka

Mönchengladbach : Ehemalige Heimkinder bekamen Psychopharmaka

NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz besuchte den Mönchengladbacher Verein.

Es ist schmerzhaft, von den Erlebnissen zu erzählen. Von Gewalt, Missbrauch, Demütigung. Und von den Folgen: von Krankheiten, einem Mangel an Bildung und Ausbildung, Armut, Traumatisierung. Aber der Raum ist dennoch voll. Viele ehemalige Heimkinder, Mitglieder des Vereins 1. Community, sind gekommen, um die Opferschutzbeauftragte des Landes NRW Elisabeth Auchter-Mainz zu treffen und ihr Erlebnisse, Erfahrungen und Wünsche mitzuteilen. Sie wiederum ist gekommen, um zuzuhören. Elisabeth Auchter-Mainz ist die erste Opferschutzbeauftragte Nordrhein-Westfalens. Die frühere Staatsanwältin weiß um das Ungleichgewicht zwischen Opfer und Täter. "Der Täter bekommt einen Pflichtverteidiger, das Opfer muss selbst aktiv werden", stellt sie fest. Diejenigen, die ihr gegenübersitzen, waren als Kind Opfer und sind selbst aktiv geworden. Anders ging es gar nicht, denn: "Es gibt in diesem Land für alles Ansprechpartner, aber die ehemaligen Heimkinder waren immer außen vor", stellt Uwe Werner, der Vorsitzende der 1. Community, fest. Und auch jetzt würden sie nicht in dem Maße angehört und unterstützt, wie es nötig wäre, meint Werner. Noch immer werden ehemalige Heimkinder, die Gelder aus dem Heimfonds beantragen, gezwungen, mehrfach detailliert von ihren Erlebnissen zu berichten. "Ich war vorher so nervös", erzählt ein Teilnehmer stockend. "Es kam alles wieder hoch. Und hinterher kamen die Träume wieder."

Durch das Verfahren finde eine Re-Traumatisierung statt, sagt Werner. Schlimm ist für alle, die in Heimen unter Gewalt und Missbrauch gelitten haben, dass die Täter kaum belangt, von Strukturen geschützt werden und einfach weiter arbeiten durften und dürfen. Die Fälle liegen auch nicht alle weit in der Vergangenheit. Ein Teilnehmer berichtet von massivem Missbrauch in einem Heim noch in den 1980er Jahren. Viele der Menschen, die in den 1950er und 1960er Jahren in einem Heim aufgewachsen sind, können nicht richtig lesen und schreiben, haben zwar gearbeitet, aber nie einen Beruf gelernt. "Hätten wir eine Ausbildung bekommen, wären wir jetzt nicht in dieser Abhängigkeit und Armut", sagt einer der Teilnehmer. "Es wäre richtig, wenn alle Heimkinder eine Aufstockung der Rente bekämen." So wird es zum Beispiel in Österreich gemacht.

Dass Heimkinder mit Medikamenten ruhig gestellt wurden, aber auch zu Studienzwecken Psychopharmaka verabreicht bekamen, ist prinzipiell bekannt. Die vorherige Landesregierung hatte eine Studie in Auftrag gegeben, die das Thema beleuchten soll. "Ich habe angefragt, was nach dem Regierungswechsel daraus geworden ist, aber keine Antwort bekommen", sagt Werner. Für drei Einrichtungen in Mönchengladbach seien Medikamententests bewiesen. Werner: "In fast jeder wurden Psychopharmaka verabreicht." Bisher warten die Heimkinder vergeblich auf Anerkennung und Entschädigung für diese Tests. Dabei sind viele in einem Alter, in dem sie nicht mehr allzu lange warten können. Gerade sind wieder zwei Vereinsmitglieder verstorben. Die Opferschutzbeauftragte hörte den ehemaligen Heimkindern aufmerksam zu und versprach, in Kontakt zu bleiben.

(arie)