Heinz Schmidt: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei

Heinz Schmidt : Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei

Der scheidende Präsident der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein spricht über den Nutzen von Netzwerken, die Folgen der Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Donald Trump auf die Region sowie die Vorteile einer Metropolregion. Und er nennt die Höhepunkte seiner Amtszeit.

Herr Schmidt, wir führen dieses Gespräch an einem Montagmorgen, und es sind gerade wieder 200 Kilometer Stau in NRW. Was halten Sie von der Infrastruktur im Land?

Heinz Schmidt Bei 200 Kilometern Stau haben wir doch einen guten Montag erwischt, sonst sind es schon mal bis zu 450 Kilometer. Da muss schon etwas passieren. Wir waren als Wirtschaftsdelegation in Berlin und haben unsere Probleme dargestellt. Es ist wichtig, ein Netzwerk zu haben. Verhandlungen werden schließlich zwischen Menschen geführt. Wir hatten uns vom neuen Bundesverkehrswegeplan mehr versprochen. Immerhin kommt der sechsspurige Ausbau der A 52. Unter anderem dafür hatten wir uns stark gemacht.

Sie haben in Ihren acht Jahren als IHK-Präsident viel bewegt. Welche Dinge sind für Sie die besonderen Highlights Ihrer Amtszeit?

Schmidt Grundlegend für die erfolgreiche Arbeit war das exzellente Verhältnis innerhalb des Präsidiums und zwischen Präsidium und Hauptamt. Der Masterplan zum Beispiel ist nicht nur fertig, sondern wird an einigen Stellen in Mönchengladbach bereits umgesetzt. Wir haben mit dem Bau des IHK-Prüfungs- und Weiterbildungszentrums in Krefeld dafür gesorgt, dass die Mitarbeiter unserer Mitgliedsunternehmen bestmögliche Weiterbildungsvoraussetzungen haben. Außerdem haben wir gut gewirtschaftet. So konnten wir den Mitgliedsunternehmen in den vergangenen Jahren Beiträge erstatten. Natürlich gibt es Bereiche, die weiterhin tatkräftig und zum Teil kritisch begleitet werden müssen. Das Thema Verkehrsinfrastruktur ist ein solches Beispiel oder der Fachkräftemangel. Es war viel Arbeit, aber wir haben auch viel bewegt.

Zum Beispiel die Metropolregion Rheinland, deren besonderer Verfechter Sie stets waren?

Schmidt Ja, die Metropolregion war mir ein großes Anliegen, und hier sind wir jetzt auf dem richtigen Weg. Die Metropolregion Rheinland ist ein Bündnis von europäischem Rang. Mit 8,5 Millionen Menschen ist sie die bevölkerungsstärkste Region in Deutschland. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei, die gesamte Region muss an einem Strang ziehen, damit große Infrastrukturprojekte umgesetzt werden oder Großansiedlungen gelingen. Die einzelnen Kommunen alleine haben nicht mehr das Potenzial, sie werden von der Metropolregion in hohem Maße profitieren.

Sie propagieren die Zusammenarbeit, in der Weltpolitik läuft es gerade umgekehrt. Beim Generalappell der Prinzengarde waren Sie als "Donald Trumpel, die Honiglocke" unterwegs. Was glauben Sie, wie wird sich die Politik des neuen US-Präsidenten auf die Wirtschaft am Mittleren Niederrhein auswirken?

Schmidt Die Trump-Administration ist derzeit eine Unbekannte in der Weltwirtschaft. Welche Auswirkungen das auf den Handel mit den USA hat, ist zurzeit nicht abzuschätzen. Die Exportunternehmen am Mittleren Niederrhein sind skeptisch, glauben aber derzeit nicht, dass die USA-Exporte im großen Stil zurückgehen werden. Dennoch werden wir die Entwicklung genau beobachten müssen. Die Einführung von Strafzöllen und die Vorbehalte gegenüber Freihandel und ausländischen Produkten machen mich jedenfalls nachdenklich.

Welche Auswirkungen hat das für die Region? Wie wichtig sind die USA als Handelspartner?

Schmidt Die USA sind ein wichtiger Handelspartner für die Unternehmen am Niederrhein. 63 Prozent der Exportbetriebe haben direkt oder indirekt über Kunden-Lieferanten-Beziehungen Verbindungen zu den USA. Die Wirtschaft am Mittleren Niederrhein ist sehr exportorientiert. Aber das bricht nicht alles weg, nur weil die USA einen neuen Präsidenten haben.

Und der Brexit? Ist der eine Gefahr?

Schmidt Ich kann den Brexit wirklich nicht nachvollziehen. Die Weltwirtschaft ist heute so vernetzt, die Verbindungen in der EU sind so stark. Der Austritt hat keinen Sinn. Niemand weiß, wie die internationalen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Rest der EU demnächst aussehen werden. Das ist Gegenstand der anstehenden Verhandlungen. Beruhigend ist zumindest, dass die Unternehmer am Niederrhein derzeit nicht davon ausgehen, dass sich ein Brexit auf ihre Beschäftigtenzahl hierzulande oder das Investitionsverhalten an den deutschen Standorten auswirkt. Das hat eine IHK-Umfrage ergeben.

Sprechen wir über die Region. Wenn Sie die Entwicklungen von Gladbach und Krefeld in den letzten Jahren vergleichen: Welche Stärken und Schwächen sehen Sie jeweils?

Schmidt Die Stärke von Krefeld ist natürlich die großindustrielle Basis. Zudem hat Krefeld es geschafft, mit einem neuen Flächennutzungsplan die Grundlage für neue Flächenentwicklungen zu schaffen. Auch der Hafen ist ein wichtiger Standortvorteil. In Krefeld ist die Arbeitslosigkeit allerdings zuletzt nicht so stark zurückgegangen wie in Mönchengladbach. Zudem ist die Wirtschaft kaum gewachsen. Die Stadt benötigt daher neue passgenaue Gewerbeflächen, damit sich neues Gewerbe ansiedelt.

Und Mönchengladbach?

Schmidt Mönchengladbach ist vom Mittelstand geprägt und weniger abhängig von einzelnen Großunternehmen. In den letzten drei Jahren, seit der Masterplan vorliegt, läuft es in Mönchengladbach wirklich gut. Das liegt auch am exzellenten Verhältnis von Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Die Wirtschaft hat den Masterplan initiiert und finanziert, gemeinsam wird er nun umgesetzt. Auch das trägt zu der dynamischen Entwicklung in der Stadt bei. Statt auf die Schwächen sieht man nun auf die Stärken und die Chancen für die Stadt.

Die Stadt hat bei der Ansiedlung von Unternehmen stark auf den Logistikbereich gesetzt. Was halten Sie davon?

Schmidt Das war der richtige Weg. Wir haben immer noch im sozialen Bereich Probleme, aber durch die Logistik-Unternehmen haben jetzt mindestens 2000 ehemalige Hartz-IV-Empfänger einen Arbeitsplatz gefunden. Gleichzeitig sind auch hochqualifizierte Arbeitsplätze in der Stadt entstanden. Insgesamt ist das eine sehr positive Entwicklung.

Die IHK hat unter Ihnen als Präsident immer wieder das Ausgabenverhalten der Stadt Mönchengladbach kritisiert. Sehen Sie hier Fortschritte?

Schmidt Es war richtig, dass die Stadt am Stärkungspakt teilgenommen hat. Dennoch hätte ich mir von Anfang an mehr Sparwillen gewünscht. Sollte die Stadt im Jahr 2018 einen ausgeglichenen Haushalt ausweisen, liegt dies insbesondere an der Mönchengladbacher Wirtschaft sowie den Grundbesitzern. Schließlich hat die Stadt seit 2012 die Steuerhebesätze in zwei Etappen deutlich angehoben. Das hat die Standortqualität geschwächt und könnte der Stadt mittelfristig auf die Füße fallen. Die Chance, dass sich steuerstarke Unternehmen bei diesen hohen Hebesätzen in Mönchengladbach ansiedeln, wird natürlich kleiner. Ich finde es wichtig, dass es nun keine weiteren Steuererhöhungen mehr gibt.

Die Wirtschaft fordert immer wieder den Breitbandausbau. Jetzt scheitert gerade wieder der Versuch, die Innenstadt durch einen privaten Investor versorgen zu lassen. Ein Problem?

Schmidt Ja, allerdings. Der Breitbandausbau ist dringend notwendig, das ist lebenswichtig für die künftige Entwicklung der Wirtschaft in der Stadt. Das haben noch nicht alle verstanden. Um für die digitale Zukunft gut aufgestellt zu sein, wäre auch noch ein Studiengang Digitale Wirtschaft an der Hochschule Niederrhein sinnvoll.

Gibt es aus Ihrer Sicht andere Defizite in der Stadt? Zum Beispiel die Infrastruktur?

Schmidt Wir brauchen weitere Gewerbeflächen. Außerdem ist die Erreichbarkeit der innerstädtischen Gewerbegebiete ein Problem. Es ist nicht nachvollziehbar, dass zum Beispiel die Aachener- und die Bahnstraße für den Lkw-Verkehr gesperrt sind. So werden die Lkw-Fahrer zu riesigen Umwegen gezwungen, was insgesamt zu mehr Belastungen für die Bewohner führt. Ansonsten ist die Stadt gut aufgestellt, die Entwicklung ist dynamisch. In ein paar Jahren werden Sie Mönchengladbach nicht mehr wiedererkennen.

Seit langem wird über den Eisernen Rhein und zusätzliche Bahnanbindungen diskutiert und gestritten. Wie stehen Sie dazu?

Schmidt Ich war für eine Lösung entlang der A52. Das hätte gepasst, ist aber aus Kostengründen vom Tisch. Wir brauchen aber dringend zusätzliche Güterlinien. Das Aufkommen in den niederländischen und belgischen Seehäfen ist sonst kaum zu bewältigen.

Der zunehmende Güterverkehr hängt zum Teil auch mit dem wachsenden Internethandel zusammen. Wo kaufen Sie ein?

Schmidt Ich kaufe aus Überzeugung beim ortsansässigen Handel. Ohne funktionierenden Einzelhandel keine attraktiven Innenstädte.

Was halten Sie von der Situation auf der Hindenburgstraße oberhalb des Mintos?

Schmidt Die obere Hindenburgstraße wird sich beleben. Der Handel wird dort weiterhin eine wichtige Rolle spielen, allerdings ergänzt durch Dienstleistung, Gastronomie und Kultur. Es wird weniger große Ladenflächen, dafür mehr inhabergeführten Einzelhandel geben. Ich weiß, dass viel in Bewegung ist. Dazu wird auch die Entwicklung des ehemaligen Maria-Hilf-Geländes in der Zukunft beitragen.

Wie schätzen Sie das Potenzial des Geländes des Polizeipräsidiums ein?

Schmidt Das ist eine gigantische Chance für die Stadt. Das Gelände sollte an die Hochschule angebunden werden. Vielleicht ist dort der richtige Ort für Forschung, Lehre, digitale Wirtschaft und Existenzgründer.

Sie haben schon die Metropolregion als einen Erfolg Ihrer Amtszeit genannt. Welche anderen Höhepunkte sehen Sie?

Schmidt Da gibt es einiges. Zum Beispiel die Gründung der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach, an der die Wirtschaft 49 und die Stadt 51 Prozent hält. Oder die Entwicklung interkommunaler Gewerbegebiete. Besonders positiv sehe ich die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Bürgern in Mönchengladbach, aber auch zwischen den Kammern und den Gewerkschaften. Das ist meine Überzeugung: Wer sich versteht, schafft auch gemeinsam etwas.

Werden Sie etwas vermissen, wenn Sie das Amt jetzt niederlegen?

Schmidt Also die Arbeit wird mir nicht fehlen, es war schon eine große Belastung. Aber die Menschen werde ich vermissen. Ich gehe aber zufrieden. Die IHK steht als solides Unternehmen da.

ANDREAS GRUHN, ANGELA RIETDORF UND JAN SCHNETTLER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)