Mönchengladbach: Die Töchter des Zirkus-Chefs

Mönchengladbach: Die Töchter des Zirkus-Chefs

Vivian und Lili Paul sind Geschwister und im Circus Roncalli aufgewachsen. Für die beiden Akrobatinnen ist das turbulente Leben zwischen Manege, dem Duft von Popcorn und dem Publikum ganz normal. Später wollen sie von ihrem Vater die Leitung übernehmen.

Viele Zuschauer von Circus Roncalli stellen sich diese Frage: Wie mag es für Vivian und Lili Paul sein, in einem Zirkus aufgewachsen und die Töchter des berühmten Bernhard Paul zu sein? Die Antwort ist ganz einfach: "Der Zirkus ist für uns das ganz normale Leben. Wir wohnen halt nah am Arbeitsplatz", sagt Vivian Paul charmant lächelnd. Einen schöneren Ort könne man sich als Kind nicht vorstellen. "Man hat immer lustige Menschen um sich herum. Wir sind hier ein kleines Dorf - vielleicht ein bisschen speziell", fügt sie hinzu und lacht. Eine Laufbahn in der Manege einzuschlagen, sei aber keine Entscheidung gewesen, die schon in der Kindheit fiel. Das ergab sich erst später.

Roncalli-Chef Bernhard Paul ließ seinen Kindern immer freie Wahl, verlangte nie etwas von ihnen. "Als ich 16 Jahre alt war, hatte ich einmal eine kleine Verirrung, aber dann merkte ich, dass der Circus das ist, was ich möchte", sagt Vivian Paul. Ihre Schwester Lili ist da anders. Sie wollte schon früh in die Manege. Dass die 18-Jährige, die zwischen Auftritten und Training auch noch zur Schule geht, einmal Kontorsionsakrobatik zeigen wird, überrascht die Familie nicht. Sie sei schon immer ein "Gummimensch" gewesen. "Die Schule schaffe ich durch eine Privatlehrerin, die immer mit mir reist. Nächstes Jahr werde ich mein Abitur machen", erzählt Lili Paul. Tritt sie auf, bringt sie das Publikum zum Staunen - und funkelt am ganzen Körper: Ihr Kostüm ist mit hunderten Swarovski-Steinen besetzt. Vivian Paul steht eigentlich gar nicht in der Manege. Sie schwebt vielmehr über sie hinweg. Ihre Darbietung am Aerial Loop, einem schmalen Reifen, ist atemberaubend. "Im Moment trainiere ich einmal am Tag. Wenn ich neue Elemente ausprobiere, zweimal", erzählt sie. Routine oder Angst, abzustürzen, seien in der Manege die falschen Partner. "Man muss immer Respekt haben vor dem, was man macht. Man darf nie denken: ,Ich mache das jetzt mal eben.' Wenn das passiert, kann es richtig weh tun", sagt Vivian Paul. Auch sie nutzt ihre Freizeit, um sich zu bilden. In einem Fernstudium lernt sie Marketing und Marktforschung.

Vivian Paul schwebt am Aerial Loop über die Manege. Ihr Auftritt ist atemberaubend und bedarf viel Training. Foto: Jörg Knappe
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"Ich bin ein Opfer der Werbung. Wenn mir etwas gefällt, muss ich es kaufen", sagt sie lachend. Doch eigentlich hat sie ihr Studium gewählt, um später einmal in die Fußstapfen ihres Vaters treten zu können. "Wir sind im Moment zu Dritt, da teilen wir uns das alles ein bisschen auf. Aber Zirkusdirektor kann man nicht lernen. Und es ist ja nicht alles nur lustig. Die Zahlen gehören halt auch dazu", sagt Vivian Paul. Im Moment ist die Manege das Zuhause der Schwestern. Doch ewig werden sie dort nicht stehen. "Wir werden nicht in der Manege stehen, bis wir 70 sind. Das gab es zwar bereits, aber für eine Frau ist das schon etwas anderes", sagt Vivian Paul. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem sich die Schwestern aus dem Rampenlicht zurückziehen und die Geschicke im Hintergrund leiten werden.

Doch bis dahin wird es noch ganz viele Jahre dauern. Lili und Vivian Paul sind zwei junge, hübsche Damen und dankbar, nicht als die Töchter eines berühmten Mannes abgestempelt zu werden. "Wir können mit unserem Vater durch Köln gehen, ohne erkannt zu werden", sagt Vivian Paul. "In Wien passiert das eher", ergänzt Lili Paul. Das schönste Gefühl sei es, wenn das Publikum klatscht. "Das ist eine gewisse Bestätigung", sagt Vivian Paul.

(RP)
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