Mönchengladbach: Die Stadt verträgt keine zwei Zentren

Mönchengladbach : Die Stadt verträgt keine zwei Zentren

Architekt Fritz Otten erklärt, warum er an eine Renaissance der Stadtzentren glaubt. Er sagt, welche Chancen daraus für Mönchengladbach entstehen und erläutert, weshalb die Stadt einen Masterplan braucht.

Aus Sicht eines Architekten: Was sind die Vorzüge Gladbachs?

Otten Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wir Mönchengladbacher tun uns schwer, die Vorzüge unserer Stadt zu erkennen. Da kann der Blick von außen hilfreich sein. Ich denke, die Infrastruktur ist fast unschlagbar. Ein weiterer Vorzug ist die Nähe zu Metropolen wie Köln und Düsseldorf. Mit Düsseldorf haben wir zudem ein Ein- und Ausflugstor in die ganze Welt vor der Tür. Außerdem ist Gladbach sehr grün und nicht so verkehrsüberlastet wie andere Städte. Und anscheinend übt Mönchengladbach eine geradezu magische Anziehungskraft, ein Zu-Hause-Gefühl, auf die aus, die hier geboren wurden. Viele, die eine Weile außerhalb gelebt haben, kehren wieder zurück.

Der Masterplan beschäftigt sich viel mit den Innenstädten. Gibt es eine Renaissance der Stadtzentren?

Otten Ja, sowohl bei der älteren als auch der jüngeren Generation. Ältere Menschen entdecken die Innenstädte wieder, auch wegen der Synergieeffekte. Es ist leichter, im Alter ein selbstbestimmtes Leben in der Stadt zu führen als auf dem Land. Für die junge Generation ist Stadt ein Raum, in dem sie experimentieren kann. Für mich war Gladbach früher ein "melting pot", wir kamen vom Land in die Stadt, um etwas zu erleben. Ein weiterer Grund sind die steigenden Kosten der Mobilität. Es ist deutlich günstiger, wenn man in der Stadt wohnt. Außerdem hat sich die Lebensqualität in den Städten verbessert, es gibt weniger Abgase und Lärm.

Denken Sie, dass eines Tages auch Bewohner umliegender Großstädte nach Gladbach ziehen?

Otten Die großen Städte sind vielen Menschen zu unüberschaubar geworden, Gladbach ist überschaubar. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, eine große Zahl von Düsseldorfern nach Gladbach zu ziehen, ich glaube aber, dass es möglich ist, Menschen, die den Großraum Düsseldorf anstreben, für Mönchengladbach zu gewinnen.

Verträgt eine Stadt dieser Größe zwei Stadtzentren?

Otten Nein. Es hat sich gezeigt, dass es nicht funktioniert. Natürlich wird man die Struktur der Stadt nicht grundlegend ändern, das muss man auch nicht. Rheydt ist ein wesentlicher Stadtteil mit eigener Identität. Aber: Eine Stadt wie Mönchengladbach verträgt keine zwei gleichberechtigten Zentren.

Warum braucht man einen Masterplaner von außen? Kann die Stadt das nicht alleine?

Otten Der Blick von außen hilft immer. Auch Unternehmen ziehen häufig Außenstehende hinzu, wenn Probleme gelöst werden sollen, Außenstehende haben einen unbeeinflussten Blick auf die Dinge. Den Ansatz, ein namhaftes außenstehendes Büro zu beauftragen, fand deshalb bisher ausgeprägte Zustimmung.

Wie viele Masterplaner haben sich beworben? Sind große Namen dabei?

Otten Ja, auch wenn ich noch keine Namen nennen möchte. Es sind einige dabei, die wir uns zunächst kaum anzusprechen getraut haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir aus wirklich guten Büros werden auswählen können.

Hätten Sie gedacht, dass sie die Unternehmer so leicht begeistern können?

Otten Nein, vor allem nicht so schnell und so viele. Das Projekt läuft ja komplett über Sponsoring. Da wir alle Unternehmen persönlich angesprochen haben, kennen wir auch die Beweggründe, uns zu unterstützen: Einerseits sind wir politikunabhängig, auch wenn wir selbstverständlich die Politik einbeziehen. Andererseits hoffen die Unternehmer, dass wir der Zufälligkeitsentwicklung in Mönchengladbach ein Ende setzen. Bisher fehlte hier die Idee vom großen Ganzen. Das zeigt sich für mich am Beispiel des Bürogebäudes der Santander Consumer Bank, immerhin das Gebäude mit den meisten Arbeitsplätzen der Stadt - und architektonisch sehr interessant. Leider steht das Gebäude nicht an stadtbildprägender Stelle - mit Masterplan wäre das nicht passiert.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Politikern?

Otten Wenn die Gespräche, die wir bisher geführt haben, umgesetzt werden - und daran habe ich keine Zweifel - wird es sehr gut laufen. Natürlich geben wir den Politikern eine Plattform, um sich einzubringen. Die Stadt unterstützt uns, indem sie die Verwaltung zur Seite stellt. Baudezernent Andreas Wurff ist darüber hinaus beratendes Mitglied des Vereinsvorstands.

Es gibt immer mehr Bürgerinitiativen. Werden Sie die auch einbinden?

Otten Ja, wir werden definitiv mit den Bürgerinitiativen in Kontakt treten, in der Altstadt und der Rheydter Innenstadt oder im Gründerzeitviertel. Insbesondere auch das Hochschulumfeld muss einbezogen werden, letztlich alle Initiativen, die sich mit städtebaulichen Aspekten auseinandersetzen. Aber: Das Masterplanverfahren ist kein Wunschkonzert. Der Masterplan beschäftigt sich nicht mit Brunnen, Blumenkübeln oder Schlaglöchern; vielmehr ist er ein Gesamtkonzept für die nahe und ferne Zukunft. Der Plan entsteht in der Diskussion, und je wertvoller die Anregungen, desto besser das Ergebnis. Inzwischen haben die Menschen wahrgenommen, dass sie etwas bewegen können, und sie wehren sich gegen die zunehmende Bürokratisierung, die oft lähmt und häufig nur noch Selbstzweck ist.

Profitiert Gladbach vom HDZ? Und stört es ihre Planungen?

Otten Das was hier gerade passiert, ist für uns ausgesprochen positiv und förderlich. In einer Stadt passiert immer etwas, es soll ja jetzt nicht zwei Jahre Stillstand geben, nur weil ein Plan ausgearbeitet wird. Die Arcaden sind ganz entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Schon im Jahr 2000 hatten wir ein sehr ähnliches Konzept mit der ECE ausgearbeitet, doch damals war der Preis für die Theatergalerie zu hoch. Die Arcaden sind eine großartige Parallelentwicklung für den Masterplan.

Ist die Topographie der Hindenburgstraße eine Chance, der Stadt eine prägnante Skyline zu verleihen?

Otten Ich bin kein Stadtplaner, sondern Architekt. Auch nach meiner Meinung ist beispielsweise das Iduna-Hochhaus nicht erhaltenswert. Aber genau an dieser Stelle könnte ich mir einen Turm vorstellen, 15 Stockwerke hoch, eine Markierung, die signalisiert: "Hier ist Mönchengladbach." Städtebaulich wäre das großartig. Aber ist das vermarktbar - heute vermutlich noch nicht?

Wann wird man in der Stadt erste Ergebnisse sehen können?

Otten Hoffentlich in engem zeitlichem Zusammenhang mit der Verabschiedung des Masterplans durch den Stadtrat. Es sollen Projekte umgesetzt werden, damit der Masterplan auch für die Bürger erfahrbar wird. Jedenfalls wird kein Masterplan erarbeitet, der dann in der Schublade versauert.

25 Jahre Otten Architekten. Wie blicken Sie auf die vergangenen Jahre zurück und was hat sich verändert?

Otten Mein Büro hatte zwei wichtige Phasen: die Wiedervereinigung und die Zeit danach. In den 15 Jahren nach 1990 haben wir viel in den neuen Bundesländern gebaut, hauptsächlich für den Einzelhandel. Danach haben wir uns von der reinen Einzelhandelorientierung wegbewegt und uns stark diversifiziert. So haben wir beispielsweise in Mönchengladbach den Fachbereich Oecotrophologie der Hochschule oder auch die Zentrale von Alberto und das Medicentrum mit dem angrenzenden City-Markt-Center gebaut. Ein großer Unterschied zwischen den Anfängen und heute ist die Arbeitsweise. Aus den Architekten sind Organisatoren geworden. Neben dem Entwurf wird das Planungsmanagement immer wichtiger. Wir malen nicht nur Bildchen, wir stellen alle Pläne her, nach denen gebaut wird, und wir organisieren die Abläufe.

Das Gespräch führten Ralf Jüngermann, Jan Schnettler und Anna-Sophie Sieben.

(RP)
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