Serie Denkanstoss: Die Raunächte zwischen den Jahren

Serie Denkanstoss: Die Raunächte zwischen den Jahren

Wir haben eine hoch technisierte, rationale Welt. Da wundert sich Pfarrer Klaus Hurtz, wie viel Irrationales in uns Menschen bis heute steckt. Er erinnert an "geweihte Nächte" - die Zeit über Weihnachten hinaus.

In uralten Zeiten hat man die Tage nach der Wintersonnenwende gefürchtet, weil sie eine Zwischenzeit waren, in der die Zwischenwelt der Geister und Dämonen besonders bedrohlich schienen, und daher die Träume eine besondere Qualität besaßen. Schon die Bezeichnung "Raunächte" führt in frühe Schichten unserer Geschichte, als man die Tage noch in Nächten zählte. Und in "Rau" kann man sowohl das mittelhochdeutsche rouch vermuten, was "rauchen, räuchern" meint und damit auf die Reinigung von Haus, Vieh und Mensch durch das Verbrennen wohlriechender Kräuter verweist; als auch darin die althochdeutsche Wortwurzel runa erkennen, die "Geheimnis, geheimes Geflüster" bedeutet.

Es ist eben die Zeit der überzähligen Tage zwischen dem lunaren und solaren Kalender, denn ein Mondjahr besteht aus zwölf Monden zu jeweils 29,5 Tagen, also insgesamt 354 Tagen; ein Sonnenjahr hingegen wie bekannt aus 365 Tagen. Laufen Sonne und Mond im Jahreskreis unauffällig nebeneinander, so gilt dies nicht für die letzten Tage des solaren Jahres; sie gehören nicht mehr ganz zum alten, aber auch noch nicht zum neuen Jahr. Hierin mag der Grund liegen, dass die Setzung des Jahresbeginns in Europa pendelte; so war bei den Römern der 1. Januar, bei den Karolingern der 25. Dezember, im Mittelalter der 6. Januar Jahresanfang. Erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der 1.1. als Jahresbeginn langsam allgemein anerkannt.

Doch bis heute hat sich der Ausdruck "zwischen den Jahren" erhalten, und auch manche Silvesterbräuche wie das Bleigießen oder das Feuerwerk sind ein später Reflex auf diese außergewöhnlichen Tage. Denn wo die Zwischenwelt so nahe ist, da kann man leichter in die Zukunft schauen; und böse Geister und Dämonen hat man immer und überall durch Feuer und Lärm vertrieben. Man kann nur staunen, wie viel Irrationales selbst in unserer hoch technisierten, rationalen Welt in uns Menschen bis heute steckt.

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Das Christentum hat gegen diese Verunsicherungen und Ängste die "geweihten Nächte" gestellt, denn nichts anderes heißt Weihnachten. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes ist so tief und unauslotbar, dass es nicht in einer Nacht allein gefeiert werden kann. So begleitet uns das Kind im Futtertrog ins Neue Jahr hinein und darüber hinaus. Es schenkt uns die liebende, liebevolle Achtsamkeit, die anders als Mauern und Gewalt wahren Schutz vor dem Bösen bietet. Denn mögen wir auch die Geister und Dämonen verlachen, die Wirkmächtigkeit des Bösen wird uns immer wieder dramatisch vor Augen geführt. Vertrauen wir also auch 2017 der Weihnachtsbotschaft: "Christ, der Retter, ist da!"

KLAUS HURTZ IST PFARRER VON ST. MARIEN UND ST. FRANZISKUS

(RP)
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