Mönchengladbach: Die Musik verstummt - Dr. P stirbt

Mönchengladbach: Die Musik verstummt - Dr. P stirbt

Der Titel klingt skurril: "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte". Die Handlung ist unerbittlich. Ein Mann geht in die Demenz, seine Frau leidet unter seinem allmählichen Verschwinden.

Es sind die kleinen Momente, die so sehr ans Herz gehen. Wenn Dr. P (Andrew Nolen) eine Schachfigur, die vom Brett gefallen ist, versonnen betrachtet und hochkonzentriert auf ihr Feld zurückstellt. Wenn er eine Rose kopfüber am Stil hält, und auf die Frage, was er da in der Hand habe, murmelt "30 Zentimeter". Wenn er es nicht schafft, seinen Mantel anzuziehen, und ihn mit einem verlegenen Rundumblick unauffällig über seinen Arm legt. Wenn er auf die Frage, was denn wohl in den Handschuh gehöre, antwortet: "Inhalt". Aus Sorge, dass seine Diabetes die Augen angreifen könnte, bringt Frau P (Debra Hays) ihren Mann, den berühmten Musiker Dr. P, zum Facharzt (Markus Heinrich). Der schickt ihn zum Neurologen. "Andere Leute scheinen zu glauben, dass irgendwas mit meinen Augen nicht stimmt", sagt Dr. P. Er selbst habe nicht das Gefühl. "Ich mache nur gelegentlich Fehler."

Das Verhängnis nimmt seinen unerbittlichen Lauf. Frau P muss akzeptieren, dass ihr geliebter Mann in die Demenz geht. Und sie tut all das, was Angehörige tun, wenn diese Krankheit zuschlägt. Sie weigert sich, das Schreckliche zu akzeptieren, redet es schön. Sie antwortet für ihren Mann, wenn der noch nach Worten sucht. Sie sorgt für akkurate Ordnung in der Wohnung, bewahrt den Schein. Sie lächelt weg, was nicht mehr wegzulächeln ist. Großartig singt und spielt die Sopranistin Debra Hays ihre Rolle - so herzerweichend. Man möchte sie in den Arm nehmen und trösten. Dr. P verwechselt den Kopf seiner Frau mit seinem Hut, zerrt an ihren Haaren. Ihr Entsetzen ist kaum auszuhalten.

Die Kammeroper "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", spielt auf der Großen Bühne des Theaters. Die Zuschauer sitzen rings um die sich drehende runde Scheibe, auf der das Mobiliar des Ehepaares angeordnet ist. Ganz nah am Geschehen, an der Technik - mit freiem Blick in den Bühnenhimmel. Dr. P kommt im Alltag nur zurecht, wenn er vermeintlich normale Tätigkeiten mit bestimmten Musikstücken verbindet. Der Neurologe sagt: "Und hört die Musik auf, dann tut er das auch."

Das intensive Geschehen auf der Bühne, das die Zuschauer keine Sekunde loslässt, wird von der Musik von Michael Nyman potenziert. Kapellmeister Michael Preiser (selbst am Klavier) intoniert sie mit einem Streichquintett und einer Harfe minimalistisch, pulsierend, drängend, gar quälend.

Nur 70 Minuten dauert die Kammeroper, die auf den Beschreibungen des britischen Neurologen und Bestseller-Autors Oliver Sacks basiert. Jede Minute weiß der Zuschauer, dass das Ende des Dr. P unausweichlich ist. Der Bariton Andrew Nolen spielt und singt seine Rolle so intensiv, so zart in Teilen, so irritiert, so verletzlich. Es tut weh, ihn in der Krankheit verschwinden zu sehen. Tenor Markus Heinrich - mit kraftvoller Stimme - gibt den Neurologen zunächst als nüchternen Wissenschaftler, dann bindet er sich immer intensiver in das Schicksal des Ehepaares ein. Die Musik verstummt, Dr. P stirbt.

Dieses Stück entlässt niemanden unberührt. Schwer ist es, danach ins "normale" Leben zurückzufinden.

(isch)