Mönchengladbach: Die List der lebensklugen Minna von Barnhelm

Mönchengladbach : Die List der lebensklugen Minna von Barnhelm

Schauspieler Ronny Tomiska bringt den Kern des Stücks, das Lessing 1767 zur Uraufführung am Hamburger Nationaltheater beförderte, so auf den Punkt: "Der Mann, der weniger besitzt und verdient als seine Zukünftige, fühlt sich weniger wert - an dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert." Tomiska spielt den Major von Tellheim in der Neuinszenierung von "Minna von Barnhelm", die knapp 250 Jahre nach der Uraufführung am kommenden Samstag Premiere am Theater Mönchengladbach erleben wird. "Der Tellheim ist ungeachtet seines übersteigerten Ehrgefühls nicht straight, er ist ganz schön verkorkst, er hat eine schwarze Seite in seiner Seele", sagt Tomiska. Worum geht es? Tellheim, ein kurländischer Major, hat sich als Söldner im preußischen Heer unter König Friedrich II. am Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) beteiligt und geholfen, Sachsen/Thüringen zu erobern. Weil er den Besiegten bei ihren Kriegskontributionen großzügig entgegenkam, wird Tellheim unehrenhaft aus der Armee entlassen. Der tief gekränkte Major empfindet, dass er nach seinem sozialen Abstieg seiner Verlobten, Minna von Barnhelm aus Thüringen, nicht mehr ebenbürtig und würdig sei. Er taucht in Berlin unter.

Doch so leicht gibt das resolute, lebenskluge Fräulein von Barnhelm nicht auf. Sie findet ihren Verlobten in einer Spelunke, quartiert sich dort ein und erklärt ihm, dass sich an ihrer Liebe zu ihm nichts geändert hat. Mit viel Ausdauer, Geschick und List schafft Minna es, den ehrpusseligen Haudegen davon zu überzeugen, dass er sich verrannt hat. Nach langem, hochkomplizierten Gerangel gibt's ein Happy End. "Minna ersinnt eine List, um Tellheim auf den richtigen Denk-Weg zu bringen", erklärt Esther Keil bei der Matinee; sie spielt die Titelperson in Anja Panses Inszenierung.

Die selbst (wie die Figur Minna) aus Thüringen stammende Regisseurin und Schauspielerin, die in Krefeld/Mönchengladbach die Schulkomödie "Frau Müller muss weg" inszeniert hat, lässt Lessings Originaltext weitgehend unangetastet, wie Dramaturg Thomas Blockhaus hervorhebt. "Wir behalten die klassische Sprache Lessings, denn die ist gut. Wenn im Publikum nicht jedes Wort verstanden wird, bleibt dennoch aus dem Zusammenhang immer der Sinn erkennbar", meint Anja Panse. Dennoch scheint es angebracht, vorher das Stück und dazu erhältliche Erläuterungen zu lesen. Dann erfährt man zum Beispiel, dass sich hinter dem Begriff "Interessen" Zinsen verbergen oder dass ein "untergestecktes" Regiment ein aufgelöster Militärverband ist.

Lessings Komödie komplett aufzuführen, so der Dramaturg, "würde ungefähr viereinhalb Stunden brauchen". Die gewählte Strichfassung reduziert die Spieldauer auf zweieinhalb Stunden, so Panse. Die Regisseurin möchte den bleibenden aktuellen Gehalt des Stücks zeigen, indem sie eine Zeiten-Wanderung vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart unternimmt. Dies wird der Theaterbesucher am Wechsel der Kostüme und am sich verändernden Bühnenbild bemerken, wofür Ausstatterin Hannah Hamburger zuständig ist.

Premiere: Samstag, April, 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen im April, Mai und Juli.

(RP)
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