Kothausen: Die Kothausener Dorfwelt

Kothausen: Die Kothausener Dorfwelt

Künstler, eine historische Kuhwiese und lebensfrohe Menschen: In Kothausen, einem gemütlichen Dorf im Rheindahlener Land, gehen die Uhren etwas anders. Klerikale Anordnungen wurden geschickt umgangen und in 670 Jahren Dorfgeschichte exakt vier Schützenfeste gefeiert.

Für eine Kuh muss das ein Traum sein. Wohl nirgends in Mönchengladbach grasen die Kühe gediegener als auf Paul Merbecks' (56) Obstwiese. Für den Landwirt ist dieses Stück Kulturgut eine Lebensaufgabe, die er in seinem elften Lebensjahr übernommen hat. Heute gehört die Wiese zum Kulturlandschaftspfad, der für die Euroga 2002 errichtet worden war. Die ausladenden Bäume spenden Schatten, die Kühe dürften mit ihrer Heimat also sehr zufrieden sein. Was aber noch wichtiger ist: Die Menschen in dem Dörfchen, das im Schatten des Borussia-Parks an der Gladbacher Straße liegt, sind es auch.

Aus der Ferne dringt das Rauschen von der Gladbacher Straße, eine der vielbefahrenen Straßen der Stadt, herüber. Doch wer von dort abbiegt in das Dörfchen Kothausen, der lässt auch sämtliche Hektik großstädtischen Treibens hinter sich. Man passiert erst das von Rolf Schlesinger entworfene Dorfschild, dann ein paar schmucke Häuser, Kuhställe, die historische Obstwiese, eine Bushaltestelle und endet an einem der historischen Höfe, denen das Gründungsjahr 1339 zu verdanken ist. Dort, im Stevenshof, steht die einzige öffentliche Theke des Dorfes. Pferde wiehern. Man könnte meinen, hier ticken die Uhren anders. Langsamer. Rein äußerlich sieht Kothausen nämlich verdächtig ähnlich aus wie noch vor hunderten von Jahren. "Wir haben uns etwas langsamer entwickelt", drückt das Norbert Probst vom Dorfclub Kothausen aus. Und daran wird sich auch nichts ändern: Rundherum ist Landschaftsschutzgebiet, neu bauen geht nicht.

Die etwa 230 Einwohner leben abgeschottet von der weiten Welt, umringt von Feldern und Landschaftsschutzgebieten. Darin aber, in der Kothausener Dorfwelt, geht es ordentlich zur Sache. Bei der eigenen Karnevalssitzung treten nur die Bewohner selbst auf. Jedes Jahr am 2. Januar wird der Makarius gefeiert: Die Männer des Dorfes ziehen von Tür zu Tür, wünschen ein "Frohes Neues" und genehmigen sich einen Kurzen dabei. Dieser Makarius-Brauch werde, nach Kothausener Überlieferung, nirgends sonst in Deutschland gefeiert.

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Sage und schreibe acht Vereine haben die Bewohner im Laufe der Jahre gegründet. Der Dorfclub ist für die Belange des Dorfes zuständig, der Kapellenverein kümmert sich um das denkmalgeschützte Kleinod, dann gibt es noch einen St. Martins-Verein, eine Notgemeinschaft, die Feuerwehr, die Klompenfrauen, den Jägerzug und die Theatergruppe. Die meisten Kothausener sind, wenn nicht gleich in allen, so doch in den meisten Vereinen Mitglied. Das ganze Dorf ist sozusagen ein Verein, was Kothausen auch vor Jahren den Stadtsieg bei "Unser Dorf hat Zukunft" einbrachte.

Doch maßgebend für Kothausen ist eine andere Geschichte, sie spielt in den 1920er Jahren. Die Kothausener liebten ihre Fachwerk-Kapelle aus dem 16. Jahrhundert. Das tun sie auch heute noch. Sie war geweiht dem Heiligen Rochus. Doch in eben jener Zeit träumte ein damaliger Rheindahlener Pfarrer des Nachts angenehm von Kothausen und von dem Heiligen Antonius aus Padua. Er fand, das sei ein guter Heiliger für die Kothausener Kapelle. Die Kothausener Bürger aber sahen das anders. "Wir wollten unseren Rochus behalten", echauffiert sich Alfred Schneider vom Dorfclub Kothausen noch heute. Man einigte sich darauf, die Kapelle dem Antonius und dem Rochus zu weihen und den jeweiligen Patronatstag im jährlichen Wechsel zu feiern. Wovon der Pfarrer aber nichts mitbekam: Die Kothausener feierten im Januar lieber für den anderen Heiligen Antonius, dem Schweinehirten. Heimlich, versteht sich. "Wir haben unsere Ruhe", sagt Schneider mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. "Und die Heiligen ihren Frieden."

(RP)
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