Serie Gladbacher Lesebuch (25): Die Kinolandschaft der 1960er Jahre

Serie Gladbacher Lesebuch (25): Die Kinolandschaft der 1960er Jahre

Lichtburg, Schauburg, Filmstudio und Union - diese Namen standen früher für bekannte Lichtspielhäuser.

Das Kino war ein Medium, welches die große, weite, Welt in unsere Bürgerlichkeit transportierte. Zwei Kinos gab es in meiner Jugend in Neuwerk. Das "Burgtheater" an der Dünner Straße 43-45 und das "Corso-Kino" an der Dammer Straße 65-67, erst 1955 eröffnet. Das kannte ich seinerzeit noch nicht. Erst als wir zur Engelblecker Straße umzogen, wurde es durch seine Nähe zu unserer Wohnung interessanter als das Burgtheater. Der Schaukasten vom Corso-Kino an der Drogerie Schnitzler ließ mich das Burgtheater überhaupt nicht mehr vermissen. Dort wurde für das laufende Programm geworben und weitere Filme unter "Demnächst" angekündigt.

Im Kino sah ich viele Filme, die heute als Klassiker in den Nachtprogrammen der Fernsehsender ausgestrahlt werden. So beispielsweise fast alle Krimis von Edgar Wallace, die mit dem Sprecher aus dem Off anfingen: "Hallo! Hier spricht Edgar Wallace!" Dann hinterließ eine Maschinenpistolensalve in der Leinwand hässliche Einschusslöcher. Die Besetzungsliste war wohlvertraut, wirkten doch meist dieselben Darsteller mit: Heinz Drache oder Hans Joachim Fuchsberger als Kommissare, Eddi Arent mal als Diener, Kriminalassistent oder Reporter. Klaus Kinski war der Unheimliche. Den Monumental-Film "Die zehn Gebote" mit Charlton Heston sah ich im Burgtheater. Nicht zu vergessen die Fuzzy-Filme im Corso. Das waren Western der Güteklasse C bis D mit dem kauzigen "Fuzzy St. John" und "Lassy La Roc", dem "Mann der Peitsche". Der war schwarz gekleidet und machte einen wichtigen Gesichtsausdruck.

In diesem Haus war das Corso-Kino. Die Fenster gab es früher noch nicht. Foto: Sammlung Bernhard Büdts

Ein weiterer cineastischer Höhepunkt war "Spartacus", ein Film mit Star-Besetzung: Kirk Douglas, Laurence Olivier, Jean Simmons, Peter Ustinov, Charles Laughton, John Gavin und Tony Curtis. Die Filmpause diente dazu, die Filmspulen wechseln zu können. Ein weiterer Knüller, der im Corso lief, war das Westernepos "Alamo". Winnetou und Old Shatterhand, die zwei Helden von Karl May, kannten wir Kinder schon aus dem Radio. Natürlich sah ich alle Verfilmungen im Kino. In den Hauptrollen: Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand. Das Einzige, was mich an diesen deutschen Filmproduktionen störte, war die Ausstattung. Damals frug ich mich, warum die Revolver keine 45er Colts waren, sondern unbekannte Schießeisen. Dafür entschädigte die pathetische Filmmusik von Martin Böttcher.

Kinotag für uns "Halbstarke" war der Sonntag. "Halbstark" bezeichnete damals der Volksmund junge Männer und Frauen, die nicht mehr bereit waren, den Idealen ihrer Eltern widerspruchslos zu folgen. Man mag es kaum glauben, aber die Jugendrevolte begann 1955 mit einem Konzert von Louis Armstrong in Hamburg. Als beim Auftritt die Technik versagte, wurde vom Publikum das Mobiliar auseinandergenommen. Auch wenn wir Neuwerker Jugendlichen seinerzeit viel zu brav waren, solche Exzesse auch nur anzudenken: Man war halt ein "Halbstarker". Diese Gattungsbezeichnung bürgerte sich durch den Kinofilm mit dem Titel "Die Halbstarken" ein.

Eine Fußgängerunterführung verband zu Beginn der 1960er Jahre den Gladbacher Hauptbahnhof mit dem Busbahnhof am Haus Westland. Foto: Sammlung Bernhard Büdts

So besuchte man nicht mehr die Kindervorstellung vom Corso am Nachmittag. Allerdings auch noch nicht die Abendvorstellung um 20 Uhr. Zu dieser Tageszeit zeigten die Kinos meist Filme "ab 18". Die freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft bewertete damals Filme in fünf Altersstufen. Als ich Kind war, gab es noch die Altersstufe ab 21 Jahre, denn seinerzeit wurde man erst ab 21 Jahren volljährig. Wir trafen uns so gegen 17 Uhr vor dem Corso und stellten uns in der Reihenfolge des Eintreffens rechts vom Eingang auf, denn es war ja noch kein Einlass. Ich glaube, erst um 17.30 Uhr öffnete sich die Glastüre. Jetzt musste man am Kassenhäuschen die Eintrittskarte lösen und konnte seinen Platz einnehmen. Dann begann das lange Warten auf den Beginn des Films.

Es gab mehrere Preisstufen: Ganz vorne an der Leinwand war das "1. Parkett", bei uns "Rasiersitz" genannt, weil man den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, um etwas auf der Leinwand sehen zu können. Dann folgten "2. Parkett", "Sperrsitz" und "Loge". Im Gegensatz zum Corso war die Loge im Burgtheater wirklich separiert. Sie war nicht von den Parketträngen begehbar, sondern nur vom Vorraum aus, deutlich höher als die übrigen Sitzplätze angeordnet. Das Corso hatte lediglich die letzten, höchsten Sitzreihen für seine Logenplätze reserviert. Einmal durften wir Kinder in der Burgtheater-Loge sitzen, auf dick gepolsterten Samtstühlen. Im Parkett saß man auf harten, ungepolsterten Holzklappstühlen. Das war aber die absolute Ausnahme, denn Logenplätze kosteten sehr viel Geld. Ich glaube, mein Bruder und ich schauten entweder einen Film mit "Dick & Doof" oder "Pat & Patachon" an.

Eine Postkarte aus Neuwerk von 1940. Das "Burgtheater" entstand in dem Haus, das rechts zu sehen ist. Foto: Sammlung Bernhard Büdts

In allen Kinos gab es damals Schaukästen im Innenraum und an den Außenfassaden, in denen das Filmplakat und diverse Standbilder mit Stecknadeln angebracht waren. Die Filmplakate, handgemalte Collagen der Schlüsselszenen oder der Hauptdarsteller, waren echte Meisterwerke. Vor dem Hauptfilm lief die "Fox Tönende Wochenschau" oder die der "UfA". Zwar nie so aktuell wie die Nachrichten aus dem Radio, dafür aber in bewegten Bildern. Später hielt auch Werbung Einzug in die Neuwerker Kinos. Nicht nur Markenartikler warben für ihre Produkte, auch einige lokale Anbieter rührten die Webetrommel mit textunterlegten Standbildern. Immer dilettantisch gemacht und immer gähnend langweilig. Da waren die folgenden Vorschauen, heute würde man "Trailer" dazu sagen, schon eine Ecke spannender. In den 60ern kündigte ein Spot direkt vor dem Hauptfilm eine neue Ära an: "Langnese-Eiscreme kommt jetzt zu Ihnen, zu Ihnen und zu Ihnen." Dann verkaufte die Dame, die vorher im Kassenhäuschen saß, mit ihrem Bauchladen "Langnese-Eis". Das Zeitalter der Zuschauerverköstigung hatte begonnen. Nach der Verkaufsaktion konnte es endlich mit dem Hauptfilm losgehen. Ganz langsam erlosch das Licht und der Vorhang öffnete sich.

Foto: Sammlung Bernhard Büdts

Neben den dörflichen, kleinen Neuwerker Kinos - der Volksmund nannte sie auch "Schluppe-Kinno", also Kinos, in deren Vorstellungen man auch "opp de Schluppe" gehen konnte - gab es natürlich in der Stadt große Lichtspielhäuser, die ein Vielfaches des Corso oder Burgtheaters an Zuschauern aufnehmen konnten. Mitten in der Stadt, am Bahnhofsvorplatz, lagen die "Lichtburg" und das "Bambi", ein paar Meter die Hindenburgstraße hoch das "Kleine-" und das "Große Union". Eine Besonderheit war das "Lux-Kino". Es lag rechts im Haus Westland und hatte neben den Sitzen im Parkett eine Loge im ersten Stock. Das war aber nicht die Besonderheit. Das Lux-Kino spielte sein Programm Non-Stop, bestehend aus Wochenschau, kleinen Filmchen, Werbung aber auch aus Spielfilmen, die allerdings zerstückelt waren. Nach etwa eineinhalb Stunden ging es wieder von vorne los. Wollte man den nächsten Teil vom Spielfilm sehen, musste man in einer Woche wiederkommen. Die Loge war ein beliebter Treffpunkt von uns älteren Schülern während der Unterrichtszeit, allerdings erst nach der Zeugniskonferenz. Das war cool, die Schule zu schwänzen, ohne große Folgen zu befürchten.

Bernhard Büdts als 14-Jähriger mit der Frisur der Zeit. Foto: Sammlung Bernhard Büdts

Der erste Film, den ich in der Stadt sehen durfte, war mit Cornelia Froboess und Rex Gildo in den Hauptrollen: "Hula-Hopp, Conny". Und den durfte ich nur sehen, weil ich mit meinem großen Bruder zur Stadt fuhr. Cornelia Froboess war seinerzeit Deutschlands weibliches Teenageridol. Ihre Karriere begann mit dem Schlager "Pack' die Badehose ein!". Der Titel "Hula-Hopp, Conny" nimmt Bezug auf eine Manie Ende der 50er, Anfang der 60er. Fast jede Familie besaß einen Hula-Hoop-Reifen. Man ließ ihn in der simpelsten Form um die Hüften kreisen oder um den Hals und die Knie. Nicht nur die Kleinen ließen nun die Hüften kreisen und erfanden Kunststücke mit dem Kunststoffgerät. Dauer-Hula-Hoopen war da noch die einfachste wettbewerbsmäßig ausgetragene Disziplin, der sich auch Jugendliche und Erwachsene unterwarfen. Mancher Orthopäde hatte als Folge mit vermehrten Bandscheibenbeschwerden der etwas älteren Hula-Hooper zu tun.

Bernhard Büdts

(RP)