Interview mit Hans-Hennig von Grünberg Die Hochschule wird weiter wachsen

Mönchengladbach · Der Präsident der Hochschule Niederrhein spricht über den doppelten Abiturjahrgang, Fortschritt bei den Neubau-Plänen und die Rekrutierung neuer Professoren. Zudem sagte er, wie Fachhochschulen sich gegenüber Universitäten positionieren.

 Prof. Hans-Hennig von Grünberg (2. v. r.), hier bei der Einführung neuer Professoren bei SMS Meer, ist seit März 2010 Präsident der Hochschule Niederrhein.

Prof. Hans-Hennig von Grünberg (2. v. r.), hier bei der Einführung neuer Professoren bei SMS Meer, ist seit März 2010 Präsident der Hochschule Niederrhein.

Foto: Hochschule Niederrhein

Herr Professor von Grünberg, der doppelte Abiturjahrgang kommt auf die Fachhochschule zu. Wie viele Studienanfänger erwarten Sie?

Hans-Hennig von Grünberg Grob geschätzt etwa 3500.

Beunruhigt Sie diese Herausforderung?

von Grünberg Bei diesem Thema wird sehr dramatisiert. Zum einen gibt es viele, die das Studium erst später aufnehmen. Zum anderen schreiben sich bei uns nicht nur Abiturienten ein, sondern auch Menschen mit einer anderen Hochschulzugangsberechtigung, bei denen nicht zwei Abschlussjahrgänge zusammenfallen. Es sind jedenfalls nicht doppelt so viele Studienanfänger, sondern etwa zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Auch über den NC können wir ja steuern.

Können Sie schon sagen, wie streng er in welchen Fächern sein wird?

von Grünberg Nein. Prognosen gehen davon aus, dass er im Schnitt um 0,2 Punkte sinken wird. Die Studienfächer Design, Elektrotechnik und Informatik werden auch weiterhin NC-frei sein, wobei es im Fachbereich Design allerdings eine künstlerische Eignungsprüfung gibt.

Verstehen Sie denn die Sorgen vieler Abiturienten, dass sie trotz der Erhöhung der Studienplätze keinen Platz finden könnten?

von Grünberg Auch das sehe ich nicht so dramatisch. Problematisch kann es für jene sein, die ein bestimmtes Fach nah ihrer Heimat studieren wollen. Wer allerdings bei der Wahl flexibel und örtlich mobil ist, wird nur selten Schwierigkeiten haben. Das Problem des doppelten Abschlussjahrgangs stellt sich ja nicht im selben Jahr in allen Bundesländern.

Mehr Studierende bedeutet ebenfalls, dass Sie mehr Personal, mehr Platz brauchen. Ist die Hochschule gerüstet?

von Grünberg Ja, das ist sie. Wir haben circa zehn bis 20 Prozent mehr Personal eingestellt und 40 zusätzliche Professorinnen und Professoren. Das neue Multi-Gebäude für die Textiler und Wirtschaftswissenschaftler wird rechtzeitig fertig sein. Zudem verfügen wir über ausreichend viele Seminarräume und Hörsäle, das haben wir prüfen lassen.

Es wird also keine Engpässe geben, niemand auf dem Boden sitzen müssen?

von Grünberg Nein. Ich bin sicher, dass es keine grundsätzlichen Probleme geben wird. Im schlimmsten Fall kann es sein, dass wir bei sehr großen Prüfungen improvisieren müssen.

Reicht die finanzielle Ausstattung der Hochschule denn für all diese Zusatzmaßnahmen aus?

von Grünberg Die Politik hat hier tatsächlich mit Voraussicht gehandelt. Die ersten Gelder aus dem Hochschulpakt kamen sehr zeitig, so dass wir einen dreijährigen Vorlauf hatten. Es hat wirklich alles sehr gut geklappt.

Ist der Wegfall der Studiengebühren noch ein Thema?

von Grünberg Nein, für mich nicht. Wohl auch nicht mehr für die Regierung oder die Landesrektorenkonferenz. Ich denke, dass dieses Thema tot ist.

Was passiert eigentlich mit dem zusätzlichen Personal und den Räumen, wenn der doppelte Abiturjahrgang fertig ist und die Studentenzahlen wegen der demografischen Entwicklung rasant schrumpfen?

von Grünberg Das ist gerade das Interessante: Laut den Prognosen werden sie nicht rasant schrumpfen. Die Zahlen werden erst sehr langsam wieder zurückgehen. Das liegt zum einen an der gewachsenen Studierneigung im einzelnen Jahrgang. Zum anderen hat Gladbach ein sehr großes Hinterland, und unser Einzugsgebiet Richtung Düsseldorf wird sich demografisch eher positiv entwickeln. Es gibt zudem keine akademische Institution, mit der wir unmittelbar örtlich konkurrieren. Wir sind der Platzhirsch.

Denken Sie darüber nach, neue Studiengänge zu schaffen?

von Grünberg Momentan konzentrieren wir uns auf den doppelten Abiturjahrgang. Wir haben daneben auch noch Baustellen, die erst einmal zu Ende gebracht werden müssen. Der Bereich Gesundheitswesen etwa boomt so sehr, dass er überlastet ist. Wir waren schon in der Vergangenheit enorm ehrgeizig. Deshalb wollen wir es nicht übertreiben.

Wie schwer ist es für eine Fachhochschule, neue Professoren zu gewinnen?

von Grünberg Das ist tatsächlich ein wenig wie die Quadratur des Kreises. Wir suchen nach sehr guten Wissenschaftlern, die mindestens fünf Jahre in ihrem Beruf Karriere gemacht haben und Talent für die Lehre haben. Hinzukommt, dass wir natürlich nicht das Gehalt bieten können wie ein großes Unternehmen.

Das soll jetzt nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aber angehoben werden...

von Grünberg Ja, Mitte des Jahres. Und dann rückwirkend zum 1. Januar. Man darf bei der Gehälterdiskussion aber auch nicht vergessen: Professoren genießen einen quasi unkündbaren Arbeitsplatz und sie können weitestgehend ihr eigener Chef sein. Von dieser Sicherheit und Freiheit versprechen wir uns im Gegenzug Kreativität und Engagement in Lehre und Forschung.

Wie viele Bewerber melden sich, wenn Sie eine Stelle ausschreiben?

von Grünberg Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es 60, manchmal vier, manchmal müssen wir die Stelle mehrmals ausschreiben.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Hochschul-Rankings. Wie wichtig sind sie?

von Grünberg Ich kenne sowohl die Kritik an ihnen als auch ihre offensichtlichen Schwachstellen. Aber das ist am Ende irrelevant. Die jungen Menschen richten sich nach ihnen. Falls eine Anfrage zur Teilnahme an Rankings kommt, nehmen wir diese sehr ernst. Wir haben in den Rankings der vergangenen Jahre große Sprünge nach vorne gemacht.

In Düsseldorf gab es nach dem Wegfall der Studiengebühren plötzlich viele Scheinstudenten, die sich nur eingeschrieben haben, weil sie in den Genuss der Vergünstigungen beim ÖPNV etc. kommen wollten. Ist das bei Ihnen auch so gewesen?

von Grünberg Das betrifft bei uns auch eine Anzahl von Studierenden — wir schätzen diese im einstelligen Prozentbereich.

Sie erwähnten schon das neue Multi-Gebäude. Wann wird es fertig sein?

von Grünberg Ich gehe davon aus, dass es am 17. Mai übergeben wird. Wir befinden uns im Zeitplan. Insbesondere der Innenhof ist fantastisch geworden.

Und wie ist der Stand beim gemeinsam mit der NEW geplanten Gebäude?

von Grünberg Ich denke, wir können bald mit konkreten Verhandlungen beginnen. Ende des kommenden Jahres soll es fertig sein.

Ist dann erst mal Schluss mit Bauen in Gladbach?

von Grünberg Langfristig wollen wir auf alle externen Anmietungen in der Stadt verzichten. Vielleicht werden wir, wenn wir unsere aktuellen Vorhaben abgearbeitet haben, über ein zusätzliches kleines Bürogebäude nachdenken.

Der Masterplan hat angeregt, dass die Hochschule die Straße überspringen und beim jetzigen Polizeipräsidium Fuß fassen soll. Sehen Sie da Chancen?

von Grünberg Das ist tatsächlich die einzige Richtung, in der wir uns räumlich entwickeln könnten. Es ist daher wichtig, dass die Masterplaner diese Diskussion angestoßen haben. Und ich bin wirklich sehr überrascht, wie viel gerade in Gladbach passiert. Daher kann das vielleicht in naher Zukunft ein Thema werden.

Apropos Zukunft: Wie wird die Hochschule im Jahr 2030 aussehen?

von Grünberg Die Hochschule hat noch Potenzial, ich könnte mir gut vorstellen, dass sie noch weiter wächst. Dazu muss grundlegend die Frage der Hochschulfinanzierung in Deutschland geklärt werden. Das wird sich in den nächsten Jahren entscheiden. Ich sehe sehr, sehr gute Chancen insbesondere für die Fachhochschulen.

Warum gerade für die Fachhochschulen?

von Grünberg Weil sie inzwischen zu Recht ein ungeheures Selbstbewusstsein haben und über einen ausgezeichneten Ruf verfügen. Wir sind schneller als die Universität, unsere Absolventen sind bei gleichem Gehalt zügiger im Arbeitsmarkt, sie brechen seltener ihr Studium ab und kosten den Steuerzahler halb so viel Geld wie ein gleichwertiger Universitätsabschluss. Das ist eine unwiderstehliche Mischung.

Sie sprechen sich damit aber nicht gegen die Universität aus?

von Grünberg Nein, überhaupt nicht. Universität und Fachhochschule verfolgen fundamental verschiedene Studienideen. Als Hochschule für angewandte Wissenschaft sind wir lebens- und wirtschaftsnäher.

Wo sehen Sie denn noch Schwachstellen der Fachhochschulen?

von Grünberg Es gibt nach wie vor strukturelle Probleme. Wir haben exzellente Studenten, daneben aber auch solche, denen ein Studium schwerfällt. Auch die Diskussion über die Forschung an Fachhochschulen wird weiterhin ein Thema bleiben.

RALF JÜNGERMANN, GABI PETERS UND FABIAN EICKSTÄDT FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(fae)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort