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Mönchengladbach: Die große Sorge um Familie S.

Mönchengladbach : Die große Sorge um Familie S.

Ein Ehepaar aus Hardt schreibt mit Unterstützung des Ökumenischen Arbeitskreises einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel - aus Angst vor der Abschiebung einer siebenköpfigen Familie nach Afghanistan.

Köln ist nicht Kabul. Aber für Familie S. aus Afghanistan sind es beides Orte, an denen sie nicht gerne sein wollen. Hella und Klaus Rosenland aus Hardt und die anderen Mitglieder des Ökumenischen Arbeitskreises in Hardt können das gut verstehen. Sie haben Familie S. schon einmal zurück nach Mönchengladbach geholt und zwar aus einer Turnhalle in Köln. Die Sorge der Flüchtlingshelfer aus Hardt ist aber nun eine ganz andere: dass Familie S. zurück nach Afghanistan abgeschoben werden könnte, wenn die Bundesregierung das Krisenland komplett als sicher einstuft. Familie Rosenland hat sich deshalb mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. "Das freundliche Gesicht, das Deutschland einmal gezeigt hat, droht sich ins Gegenteil zu verkehren", schreiben sie der Kanzlerin. Die Adresse des Kanzleramtes schreiben sie handschriftlich auf den Umschlag.

"Man kann doch niemanden ernsthaft nach Afghanistan abschieben", sagt Klaus Rosenland (74). Und Gerd Brenner (61) findet: "Sicher ist die Politik unter Druck. Man muss viel konsequenter mit Gefährdern umgehen. Aber nicht alle Flüchtlingen in einen Topf werfen." Amin* (14) und Amira* (9) können beinahe jedes Wort verstehen, das die Erwachsenen am Tisch sagen. Es geht um ihre Familie. Und darum, dass die akribische Integrationsarbeit des Ökumenischen Arbeitskreises nicht plötzlich umsonst gewesen sein soll.

Hella und Klaus Rosenland lernen Familie S. vor gut einem Jahr in der Notunterkunft im JHQ kennen, bringen ihnen die ersten Brocken Deutsch bei. Sechs Monate geht das so, und der Kontakt zwischen den Deutschen einerseits und der geflüchteten Familie andererseits wird immer intensiver. Gaby und Gerd Brenner und Hella und Klaus Rosenland zeigen den Kindern, wie sie Pfannkuchen backen. Als sie zur Schule gehen, helfen sie bei den Hausaufgaben. Sie gehen mit ihnen zum Arzt, helfen im Alltag, stapfen als Walking-Gruppe durch den Wald. Der Ökumenische Arbeitskreis in Hardt, dem die vier angehören, organisiert seine Hilfe immer effektiver. Es läuft gut, auch mit den Ämtern, der Pfarrer bringt Geld für Unterrichtsmittel aus der Kollekte mit. Und Familie S. lernt immer besser Deutsch. Irgendwann kann der Familienvater die Gründe seiner Verfolgung erzählen. Gefoltert haben sie ihn, weil er als Kranführer bei der Bergung amerikanischer Militärfahrzeuge geholfen hat. Verfluchter Krieg.

Doch plötzlich ist die Familie fort: Sie wird der Stadt Köln zugewiesen. Zwei Monate lebt sie dort in einer Turnhalle Bett an Bett mit anderen, und weil in der Zwischenzeit ein Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an die Familie ans JHQ adressiert nicht zugestellt werden kann, wird die Akte der Familie S. schon geschlossen. Unzustellbar, kein Asyl.

Der Arbeitskreis kann das gerade noch zurechtbiegen. Das BAMF nimmt das Verfahren vor wenigen Wochen wieder auf, und die Rosenlands besorgen Familie S. eine Wohnung in Mönchengladbach. Die Familie zieht um, und die emsige Integrationsarbeit im Arbeitskreis geht weiter. Die Kinder sind gut in der Schule, Amin soll bald eine Klasse überspringen, er schießt Tore in seiner Fußballmannschaft, seit er den Spielerpass hat. Amiras Lieblingsfächer sind Kunst und Mathe. Die Rosenlands und die anderen Mitglieder des Ökumenischen Arbeitskreises fühlen sich immer weiter bestärkt in dem Gefühl: Sie schaffen das.

Als dann Anfang Dezember das erste Flugzeug mit 34 Afghanen an Bord Richtung Kabul abhebt, schreiben sie ihren Brief. Sie warten auf Antwort. Und unterrichten weiter.

*Namen geändert

(RP)