Mönchengladbach: Die Geschichte eines Mauerflüchtlings

Mönchengladbach: Die Geschichte eines Mauerflüchtlings

Michael Schwerk besuchte die Realschule Volksgarten und erzählte von seiner dramatischen Flucht aus der DDR.

Das eigene Land wegen der politischen Situation oder den sozialen Verhältnissen zu verlassen, ist kein neues Phänomen. Es ist gar nicht so lange her, als es ein Flüchtlingsthema sogar innerhalb Deutschlands gab. Warum tausende Menschen ihr Leben riskiert haben, um die DDR in Richtung Bundesrepublik zu verlassen, erfuhren die Schüler der zehnten Klasse der Realschule Volksgarten nun aus erster Hand. Zum zweiten Mal besuchte der in Köln lebende Mauerflüchtling Michael Schwerk die Gladbacher Realschule, um von seiner Jugend jenseits der Mauer und seiner spektakulären Flucht zu berichten. Seine Geschichte sorgte für so manches staunende Gesicht.

"Herr Schwerk war schon im vergangenen Jahr hier. Den Schülern hatte sein Vortrag damals sehr gut gefallen", erklärt Geschichtslehrer Michael Weigand. Auch der jetzige Jahrgang wollte sich den Vortrag des Zeitzeugen nicht entgehen lassen. Bereits die Überschrift des Lichtbildvortrags "Mit der S-Bahn in die Freiheit" ließ eine packende Geschichte vermuten.

Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten arbeitet eine Ostberliner Maurerkolonne im August 1961 am Potsdamer Platz an der Mauer. Foto: dpa

"Geboren wurde ich 1943 in Waldenburg in Schlesien, das heute zu Polen gehört", beginnt der pensionierte Lehrer seine Erzählung. Nach Kriegsende musste er zum ersten Mal in seinem damals noch jungen Leben flüchten. "Meine Familie und ich wurden aus dem Land vertrieben und kamen erst einmal in deutschen Flüchtlingsunterkünften unter, ähnlich wie man solche aus heutigen Nachrichten kennt." Wurzeln schlug die liberale und antikommunistisch gesinnte Familie dann im sächsischen Pirna. "Das war damals keine einfache Zeit. Wir haben gehungert", erinnert sich Schwerk.

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 war nicht der erste Anlass, an dem ihm und seinen Freunden die schlimme Situation und die grassierende Unzufriedenheit vieler Menschen auffielen. "Rebellisch wie wir waren, haben wir an diesem Tag das große Bild von Stalin in der Schule einfach auf die Rückseite gedreht." Das Gefühl, dass er in diesem Staat nicht alt werden wollte, entwickelte sich in seiner Jugend immer weiter: "Wie ein Feuer", so Schwerk. Nach einer Lehre zum Betonfacharbeiter, zu der er gezwungen wurde, folgte der Dienst in der Volksarmee, um sein Sportstudium in Leipzig zu ermöglichen. "Für diesen Staat dienen zu müssen, hat mich innerlich zerrissen", erklärt er seinen inneren Konflikt. Der Wunsch, zu fliehen, wurde stetig größer.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße: Hier ist zu sehen, wie die Grenzanlage einst die Stadt teilte. Foto: dpa
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Sein Fluchtplan im Oktober 1966: Kurz vor der S-Bahn-Haltestelle Bornholmer Straße wollte er die Notbremse der S-Bahn betätigen und schnell über den noch nicht fertig errichteten Zaun nach West-Berlin fliehen. Als einer der besten Soldaten seiner Kompanie waren ihm Ausflüge nach Berlin des Öfteren gestattet, und so witterte er seine Chance. "Im Grunde sprach alles gegen ein Gelingen dieses Plans. Wenn ich nicht im Grenzstreifen den Tod gefunden hätte, hätte man mich für zehn Jahre eingesperrt", erklärt Schwerk seine Gedanken, die er Minuten vor seiner Flucht hatte.

Die Abläufe der Grenzpatrouillen kannte er: Er hatte ein Drei-Minuten-Fenster. "Als ich nach dem Sprung aus der S-Bahn und über den Zaun in einen rund fünf Meter tiefen Schacht fiel, dachte ich, es wäre vorbei." Hinter ihm wurde gerufen, sogar Schüsse abgefeuert und nach dem Ausbrecher gesucht. "An der Stelle, an der ich in den Schacht gefallen bin, war die Wand alt und die Ziegel hatten sich nach vorne geschoben. Wie bei einer Treppe", erzählt er weiter. Als er wieder oben gewesen sei, habe er nur noch einen mannshohen Stacheldrahtzaun überwinden müssen. "Ich bin einfach weitergerannt. Ich wusste nicht, ob ich schon im Westen war", erzählt er. Eine aufmerksame Polizeistreife sammelte den blutenden Flüchtling ein und brachte in sofort in die Notaufnahme.

Schwerk besucht regelmäßig Schulen, um als Zeitzeuge über seine waghalsige Flucht und den Eisernen Vorhang zu erzählen. "Ich möchte bei den Schülern das Bewusstsein schärfen. Zum einen dafür, dass die Diktatur der UdSSR mindestens genauso schlimm war, wie die der Nationalsozialisten und zum anderen, dass eine Demokratie ein Privileg ist, für die viele Leute kämpfen mussten und immer noch müssen." Ein Privileg, dass man sich - vor allem heutzutage - nicht nehmen lassen dürfe.

(dola)