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Mönchengladbach: Die Geschichte einer Republikflucht

Mönchengladbach : Die Geschichte einer Republikflucht

Der 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit. Vor fast 50 Jahren ist dem Mönchengladbacher Hartmut Schröder die Flucht aus der damaligen DDR geglückt. Für seine Familie hat er die Geschichte aufgeschrieben.

"Bananen, Apfelsinen, Bild am Sonntag", die Schreie eines Verkäufers am Bahnhof gehörten zu den ersten Worten, die Hartmut Schröder bei seiner Ankunft in Westdeutschland vernahm. Die ersten Worte, die ihn denken ließen: "Junge, du bist im Westen, du hast es doch tatsächlich geschafft!" Mit eigenen Augen konnte er sich nicht davon überzeugen, da er zu diesem Zeitpunkt im Zug auf einer Stahlschiene über dem Toilettenraum lag — im Himmel. Die Republikflucht war geglückt.

Fast 50 Jahre ist das nun her. Seine Erlebnisse hat Schröder nun in seinem Buch "20 Stunden im Himmel" festgehalten. Drei Monate hat er daran geschrieben. "Für meine Enkel Bruno, Hannes und (Ali) Albert. Gewidmet meinen Fluchthelfern und Freunden Bobby und Mecki, denen ich zu ewigem Dank verpflichtet bin", steht dort unter dem Titel.

Das himmelblaue Buch mit festem Einband könnte so auch im Laden stehen; nur eine ISBN-Nummer fehlt. Doch dem Mönchengladbacher geht es nicht darum, als Autor entdeckt und veröffentlicht zu werden. "Mein Ziel ist es, diese Geschichte zu bewahren, vor allem für meine Enkel. Meine Frau und meine Töchter lagen mir schon lange damit in den Ohren", sagt Schröder. Er möchte, dass andere verstehen, warum er sich für die Flucht entschieden hat.

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Trotzdem wird es eine zweite Auflage geben. Denn die 75 Exemplare, die er zunächst hatte drucken lassen, sind schon fast alle verteilt. Viele davon gingen an Familienmitglieder — Schröder hat sieben Geschwister; aber auch an Freunde und Bekannte.

"Es gab vor allem zwei Reaktionen darauf", sagt der 72-Jährige. "Erstens: Das hätten wir dir nie zugetraut. Und zweitens: Wieso kannst du dich an die ganzen Details erinnern?" Die Antwort auf diese Frage fällt leicht: "Ich habe diese Geschichte so oft erzählt, da bleiben auch Kleinigkeiten im Gedächtnis."

Detailreich sind seine Schilderungen tatsächlich, und lebendig. Seine Beobachtungen der Züge, das Suchen nach möglichen Verstecken in den Waggons, die Eile, mit der seine Fluchthelfer ihn in sein Versteck eingeschraubt haben, die Angst entdeckt zu werden: "Ein fürchterlicher Schreck durchfuhr meinen Körper, als ich hörte, wie der eine Posten zu dem andere sagte: Nu, da woll mor doch e ma guggn, ob wieder so e Vochel da ohm drinne huggt." Schröder hatte Glück und wurde nicht entdeckt.

Dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, hört man ihm übrigens nicht an. Denn Schröder ist längst in Mönchengladbach heimisch geworden. "Schließlich habe ich noch nirgendwo so lange gelebt, wie hier", erläutert der Rentner, dessen Frau aus Mönchengladbach kommt.

Neben der Flucht schildert er in seinem Buch auch Ereignisse aus seiner Kindheit und der Zeit als junger Erwachsener in der DDR — eine Biografie, die mit dem 25. April 1964 endet: der Tag, an dem er seinen Verwandten in Solingen alles von der Flucht erzählt.

"Die Vorgeschichte ist wichtig, um zu verstehen, warum ich das Risiko auf mich genommen habe." Denn die Mindeststrafe, mit der er und seine Fluchthelfer rechnen mussten, war ein drei- bis fünfjähriger Gefängnisaufenthalt. Doch die ewige Kontrolle und die immer wiederkehrenden Versuche der Parteigenossen, ihn zu einem Beitritt zu bewegen, wogen schwerer.

Wörter wie "die Mauer" und "Deutsche Demokratische Republik" sagen den Kindern laut Schröder heute wenig oder gar nichts. Es sei denn, sie wurden im Geschichtsunterricht schon damit konfrontiert. Als sein Enkel ihn bei einer Fahrt durch Berlin fragte, ob es wirklich eine Mauer gegeben habe und ob wirklich auf Menschen, die versuchten auf die andere Seite zu gelangen, geschossen worden sei, wurde Schröder klar, wie wichtig es ist, seine Erlebnisse weiterzugeben. "Denn die Zeitzeugen werden immer weniger."

(RP)