Testfahrt in Mönchengladbach: Die Blaue Route auf dem Fahrrad

Testfahrt in Mönchengladbach: Die Blaue Route auf dem Fahrrad

Die Blaue Route soll attraktiv für Fahrradfahrer sein. Doch die Zweitrangigkeit wollen viele Autofahrer nicht akzeptieren. Ein Selbsttest.

Die Stoßstange des roten Range Rovers pirscht sich langsam von hinten heran. Doch bei zwei Radfahrern, die nebeneinander fahren, hat die junge Frau hinter dem Steuer keine Chance zu überholen. Dafür ist die Fahrbahn auf der Buscherstraße zu eng. Nach weniger als zehn Sekunden verliert die Autofahrerin bereits die Geduld. Sie drückt auf die Hupe und wirbelt ihre rechte Hand durch die Luft. Dabei steht im Verkehrsregelwerk der Blauen Route schwarz auf weiß: "Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist erlaubt."

Auf der Blauen Route sollen sich Fahrradfahrer sicher und wohl fühlen. Es ist die erste Fahrradstraße in Mönchengladbach; ein Pilotprojekt, das sich größtenteils von Bürgerspenden per Crowdfunding finanziert hat. Somit war es auch ein Wunsch der Bürger und Anwohner, dass seit September vergangenen Jahres blaue Linien die Fahrbahn zwischen Viktoriastraße und Brucknerallee markieren. Aber trotz farbiger Linien und Verkehrsschildern mit der Aufschrift "Fahrradstraße" fällt es vielen Autofahrern schwer, sie als solche anzuerkennen.

Früher Nachmittag, Richard-Wagner-Straße: Die Route ist eigentlich nur für Anlieger und Lieferverkehr frei, trotzdem drängeln sich Autofahrer im Halbminuten-Takt vorbei. Dabei agieren sie alle nach einem ähnlichen Muster: Langsam und leise schleichen sie sich möglichst dicht an das Fahrrad heran - der scheinbar rücksichtsvolle Moment. Doch dann geht es schnell: Innerhalb weniger Sekunden sinkt das Stimmungsbarometer des Autofahrers in den roten Bereich. Er drängelt sich bis auf Augenhöhe mit dem Fahrradfahrer, es folgt ein böser Blick, dazu eventuell noch ein passender Finger, und schließlich der Tritt aufs Gaspedal.

Auch Christel Bujupaj fühlt sich gestresst, wenn sie auf der Blauen Route fährt. "Wie ein gehetztes Tier" sei sie unterwegs, wenn die Autofahrer hinter ihr fahren, sagt die Anwohnerin. Nach einigen Versuchen meide sie nun die Fahrradstraße, viel lieber würde sie wieder den Mittelstreifen der Allee benutzen. Doch der ist seit September, wie der Gehweg, nun alleine den Fußgängern vorbehalten.

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Dabei sollen einige Privilegien für Fahrradfahrer die Nutzung der Blauen Route attraktiv machen: Es gilt kein Rechts vor Links, Fahrräder haben immer Vorfahrt. Zudem müssen Autofahrer ihre Geschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde begrenzen - und sogar noch verringern, wenn vor ihnen ein Fahrradfahrer unterwegs ist.

Zurück auf der Richard-Wagner-Straße: Von der Haltestelle "Breite Straße" fährt ein Linienbus ab. Fast geräuschlos fährt er im Hintergrund. Beim Blick über die Schulter sind im Businneren ein Paar nach oben rollender Augen zu erkennen. Die gehören aber nicht dem Fahrer, sondern einem Fahrgast. Der Fahrer selbst bleibt ruhig: keine Hupe, keine in der Luft gestikulierende Hand und auch kein Finger.

Die Stadt ist mit der Blauen Route zufrieden, und auch wenn es Kritik von Seiten der Anwohner gibt, nutzt eine Vielzahl an Menschen häufig und gerne Mönchengladbachs erste Fahrradstraße. Nichtsdestotrotz ignoriert die Mehrheit der Autofahrer die Regeln der Route und will nicht akzeptieren, dass sie hier nicht die erste Geige spiet. Sie stressen, schimpfen und drängen Radfahrer zur Seite.

Direkt gegenüber radelt ein Rentner, fast mittig auf der Fahrbahn, Richtung Buscherstraße. Hinter ihm eine Frau im weißen Hyundai. Sie hält eine Fahrzeuglänge Abstand und hält ihr Tempo unter der 30, setzt nicht zum Überholmanöver an. Entweder merkt der alte Mann nicht, dass hinter ihm ein Auto fährt oder es ist ihm egal. Gleichmäßig tritt er in die Pedale - garantiert stressfrei.

(laha)
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