Mönchengladbach: "Der Täter ist frei, aber wir leiden weiter"

Mönchengladbach: "Der Täter ist frei, aber wir leiden weiter"

Heute vor sieben Jahren starb Bernd Seiffert. Er war von einem Auto erfasst worden. Der Unfallfahrer flüchtete, wurde später wegen versuchten Mordes verurteilt. Seine Strafe hat er mittlerweile verbüßt. Familie Seifferts Leid dauert an.

Nichts ist schlimmer für einen Menschen, als das eigene Kind zu verlieren. Rainer Seiffert kann es bis heute nicht begreifen, dass sein Sohn Bernd nicht wiederkommt, dass sie sich nicht mehr unterhalten und nicht mehr gemeinsam etwas unternehmen können. Das Leben der ganzen Familie habe sich schlagartig verändert, sagt er. Das war vor sieben Jahren.

Anlässlich seines 32. Geburtstages wurde für Bernd Seiffert am Unfallort ein "Geisterrad" aufgestellt, das an ihn erinnern soll. Foto: Robert Seifert

Am 28. April 2010 starb Bernd Seiffert, gerade einmal 26 Jahre alt, auf tragische Weise. Bei einer nächtlichen Radtour wurde er auf der Gladbacher Straße von einem alkoholisierten Autofahrer angefahren. Der Unfallverursacher ließ den Schwerverletzten hilflos am Boden liegen und flüchtete. Fünf Stunden später starb Bernd Seiffert an seinen inneren Verletzungen.

Als die Familie die Todesnachricht erhielt, tat sich ein Abgrund auf. "Ein Abgrund aus Trauer, Verzweiflung und auch Wut", sagt Rainer Seiffert, der seit dem Unfall seines Sohnes arbeitsunfähig ist. Der frühere Wirtschaftsprüfer sah nur zwei Möglichkeiten: abstürzen oder das Schicksal offensiv annehmen. Rainer Seiffert entschied sich für Letzteres. Bernd sollte nicht umsonst gestorben sein. "Er war ein guter Mensch, einer, der anderen half. Ein Idealist und Individualist, der ganz bewusst lebte", sagt sein Vater. Rainer Seiffert stürzte sich nach dem Tod seines Sohnes in Aufarbeitungsarbeit. Zuerst setzte er alles daran, dass der flüchtige Unfallfahrer gefunden wird. Über den Online-Dienst Twitter veröffentlichte Rainer Seiffert Fahndungsaufrufe - teilweise im Zwei-Minuten-Takt. Fast 400.000 so genannte Follower konnten lesen, dass in Mönchengladbach ein "Todesraser" gesucht wird.

Und er wurde gefunden. Vier Tage nach Bernd Seifferts Tod. Der junge Mann, der ihn angefahren und zurückgelassen hatte, war zu dem Unfallzeitpunkt von einer Party gekommen, hatte getrunken und keine gültige Fahrerlaubnis. Die war ihm wegen Alkohol am Steuer entzogen worden. Der Mann, der später als "Todesfahrer" Schlagzeilen machen sollte, hatte sich an einer Tankstelle Zigaretten holen wollen, als das passierte, für das er keine Verantwortung übernehmen wollte. Kurz vor seiner Festnahme hatte er wieder am Steuer gesessen, in seinem Wagen fand die Polizei eine Flasche Bier. Für Rainer Seiffert war das damals schon ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Mann uneinsichtig ist, eine "tickende Zeitbombe".

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Jetzt ist der "Todesfahrer", der wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes zu neun Jahren Haft verurteilt wurde, wieder frei, wie Rainer Seiffert erfahren hat. Die Familie fand den Facebook-Account des Mannes, der heute in einem anderen Bundesland lebt und arbeitet. "Er postet Urlaubsfotos", sagt Rainer Seiffert. Und es ist nicht zu überhören, dass der Vater damit hadert, dass der Mann, der seinen Sohn getötet hat, wieder ein normales Leben führen kann. "Nachdem er unsere Familie ins Unglück gestürzt hat, scheint er es sich nun so richtig gut gehen zu lassen, und er scheint auch leider nicht viel aus den Ereignissen gelernt zu haben", sagt der 65-Jährige. Und dann berichtet er von einem Raser-Video mit einem Fahrbericht der schnellsten Limousine, die für die Straße zugelassen ist, das der Todesfahrer ebenfalls auf Facebook gepostet haben soll. Außerdem sei da noch ein Film, in dem der Unfallfahrer selbst am Steuer sitzt. "Hoffentlich hat er überhaupt den Führerschein, und ich hoffe auch, dass nicht noch weitere Menschen zu Schaden kommen. Vor der Tat ist er ja auch insgesamt vier Jahre lang ohne Führerschein gefahren", sagt der Vater, der im Internet immer wieder an seinen verstorbenen Sohn erinnert und dort seine Erlebnisse aufarbeitet, in dem er sie schildert und kommentiert. So führte Rainer Seiffert zum Beispiel auf seinem Blog ein Prozess-Tagebuch. Dort steht auch, dass er das Urteil gegen den Todesfahrer als "Schock" empfand. Auch die anderen Familienmitglieder sahen die Strafe als zu gering an. Daran hat sich nichts geändert.

Vieles bleibt auch sieben Jahre nach dem tragischen Tod von Bernd Seiffert unklar. Bis heute fragen sich die Familienmitglieder immer und immer wieder: "Könnte Bernd noch leben, wenn er sofort ins Krankenhaus gekommen wäre? Hätte er gerettet werden können?" Rainer Seiffert glaubt fest daran. Zehn bis 20 Minuten hatte 26-Jährige noch an dem Unfallort gelegen, bis er die Insassen eines vorbeifahrendes Autos durch Winken auf sich aufmerksam machen konnte. "Muss ich jetzt sterben?", hatte er das Paar gefragt, das die Retter alarmierte. Die beiden beruhigten ihn: "Gleich kommt Hilfe." Sie konnten nicht wissen, dass er später in Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erliegen würde.

Bis heute lassen die Was-wäre-wenn-Fragen Bernd Seifferts Vater nicht los: Was wäre, wenn es an der Gladbacher Straße die Betonpoller nicht gäbe? Durch sie seien die schweren inneren Verletzungen hervorgerufen worden. Was wäre, wenn der Sohn noch leben würde? Bernd Seiffert wäre heute 33 Jahre alt. Anlässlich seines 32. Geburtstages wurde für Bernd Seiffert am Unfallort in Mönchengladbach ein "Geisterrad" aufgestellt, das an ihn erinnern soll. Die Familie legt dort regelmäßig Blumen ab.

(RP)