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Serie Was Macht Eigentlich?: Der Sanfte hatte seine Schule stets im Griff

Serie Was Macht Eigentlich? : Der Sanfte hatte seine Schule stets im Griff

Alfred Feldges war 23 Jahre Oberstudiendirektor des Hugo-Junkers-Gymnasiums, an dem er selbst nach dem Krieg das "Notabitur" gemacht hat. Als Jugendlicher hat er Schreckliches ansehen müssen. Als Schulleiter war er nicht gefürchtet, sondern von allen sehr geachtet.

"Hurra, die Schule brennt!", hieß ein Kinohit aus dem Jahr 1969, mit dem damalige Stars wie Peter Alexander und Theo Lingen Millionen Menschen in die Filmtheater lockten. Für Alfred Feldges aber war der Brand seiner Schule im Jahr 1943 überhaupt nicht lustig gewesen. Der war nämlich kein Spaß, sondern bittere Realität des Zweiten Weltkriegs in seiner Vaterstadt. "Das war ein bedrückendes Erlebnis", sagt der heute 86-Jährige. Alfred Feldges war damals 15 und schon Flakhelfer in Rheydt. Und dort brannte 1943 nach einem Bombenangriff die damalige "Deutsche Oberschule für Jungen", Vorläufer des heutigen Hugo-Junkers-Gymnasiums. Alfred Feldges musste wie alle anderen hilflos mit ansehen, wie das von Brandbomben getroffene Gebäude an der Brucknerallee ausbrannte. Und er war ein Junge, der seine "Penne" liebte,

Er ahnte nicht, dass sie wiedererstehen und einen Großteil seines Lebens bestimmen würde. Alfred Feldges machte nach der Rückkehr aus dem Krieg 1946 sein "Notabitur" an diesem Gymnasium, das zunächst mal ins Obergeschoss des Rheydter Kabelwerks ausgelagert worden war. Er kam nach dem Studium in Köln 1952 als junger Referendar zurück an die Brucknerallee, wo der Unterricht nun in als Notbehelf aufgestellten Baracken gehalten wurde. Und er kehrte nach zwölf Jahren am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium 1968 wieder zurück — als Oberstudiendirektor. 23 Jahre, bis 1991, blieb er Leiter seiner Schule, begleitete so an maßgeblicher Stelle den Wiederaufbau zur damals modernsten Schule der Stadt. "Das war ein Abschiedsgeschenk der Stadt Rheydt an ihre Bürger vor dem Zusammenschluss mit Gladbach zum 1. Januar 1975", sagt Feldges.

Für ihn ist der Lehrerberuf eine echte Berufung. Er liebte seine Schüler und sie liebten ihn. Einmal ist es allerdings im Umgang mit ihnen recht rau hergegangen. Da hat der Oberstudiendirektor ein paar blaue Flecken abbekommen. Doch er nahm es mit einem Lächeln und Humor. Es war ein Abistreich, bei dem Schüler, Lehrer und der Direktor ihren Mut als Rodeo-Reiter auf einem Bullen-Simulator beweisen mussten. Ein Foto vom am Ende natürlich gestürzten "Direx" ist nicht aufzufinden, wohl aber das, was kurz vor dem wilden Rodeo entstanden ist: Alfred Feldges, von seinen Schülern auf ihren Schultern in einer Sänfte in die Schule getragen.

"Der Sanfte in der Sänfte" lautete dazu die Überschrift in der RP. Sie zeichnet Feldges treffend: kein Lautsprecher, sondern ein Mann der leisen, wohlüberlegten Töne. "Er war bei den Schülern beliebt, bei den Kollegen geachtet, beim Schulträger anerkannt und bei der Schulaufsicht als Ratgeber gefragt", heiß es bei seiner Verabschiedung 1991. Und Schülersprecherin Sophie Voswinkel sagte ihm: "Sie waren nie eine Person zum Fürchten, aber jemand, der darauf achtete, dass die Form gewahrt blieb." Ein Gentleman der alten Schule.

Und ein Mann, der als Jugendlicher schlimme Zeiten miterlebt hat. Nicht nur die Bombennächte in Rheydt, sondern auch das Ende des Zweiten Weltkriegs: Als gerade 17-Jähriger wurde Alfred Feldges im Frühjahr 1945 noch an die "Front" nach Berlin geschickt, wo das NS-Regime in den letzten Zügen lag.

"Wir haben Menschen sterben sehen, auch wenn ich selbst mit den anderen, ebenfalls ganz jungen Leuten in einem Flakturm saß und nicht sah, ob und was wir trafen. Berlin war schon komplett eingekesselt von den Russen", erzählt Feldges. "Aber dann haben wir riesiges Glück gehabt, sind mit etwa tausend Mann und einem Panzer vorneweg durch den Belagerungsring gekommen. Die Russen haben uns Richtung Plauen ziehen lassen. So haben wir die Elbe erreicht, wo sich am 6. Mai 1945 die Sowjets und die Amerikaner siegestrunken in den Armen lagen. Wir haben diesen Moment genutzt und sind ungestört über eine Behelfsbrücke über die Elbe gekommen. Ich habe meine Uniform ausgezogen und bin losmarschiert, ohne von den Alliierten beachtet zu werden. Ich wusste, dass meine Eltern in Anhalt evakuiert waren und habe sie dort gleich am nächsten Tag in Köthen gefunden, bin mit ihnen dann zurück nach Rheydt gekommen. So habe ich das Riesenglück gehabt, nicht in Gefangenschaft zu geraten."

Und dann hatte Alfred Feldges, Jahre später, wieder Glück: Als junger Lehrer mit Eugen Knott und später mit Werner Schafhaus am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium auf zwei Chefs zu treffen, die ihn förderten und sein Talent entwickeln ließen. Und nicht zuletzt das Glück, dass bei seiner Bewerbung als Schulleiter des Hugo-Junkers-Gymnasiums das alte Lager-Denken außer Acht gelassen wurde und der Rheydter Stadtrat unter einem knappen Dutzend Bewerbern den Jüngsten und dazu einzigen Gladbacher wählte. Wohl deshalb, weil seine Vorstellung von moderner Schule ebenso überzeugte wie sein persönlicher Hintergrund als Sohn eines bekannten Beamten der Rheydter Stadtkämmerei mit für seine Jugend ungewöhnlichen Erfahrungen. Er war der erwünschte junge Mann mit "Pfiff" und Engagement. Einer, der vom früheren "Zeus" zum Schulmanager wurde, der organisieren und führen konnte. "Anfangs hatte ich zwei Dutzend Kollegen, nachher waren es an die 70. Und ich musste selbst gestalten, konnte kaum delegieren." Dennoch hat Feldges immer Wert darauf gelegt, acht, neun Wochenstunden selbst zu unterrichten.

Alfred Feldges ist der Entwicklung nicht hinterher gelaufen, sondern hat sie mitgestaltet — auch an der Spitze der Bezirksschulleiter-Konferenz und im Schulausschuss des Stadtrats.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Was macht eigentlich: Oberstudiendirektor Alfred Feldges

(RP/ac)