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Mönchengladbach: Der Mensch und die Moral im Zwiespalt

Mönchengladbach : Der Mensch und die Moral im Zwiespalt

Christoph Roos inszeniert Dürrenmatts Stück "Der Besuch der Alten Dame" als Kammerspiel der Emotionen. Dabei bricht der Regisseur die Frage "Ist Moral käuflich?" ins Private herunter. Intendant Grosse spielt einen Pfarrer.

Dass Dürrenmatts "Alte Dame" überhaupt auf dem Spielplan des Theaters steht, ist nicht zuletzt Intendant Michael Grosse zu verdanken. Nicht nur, dass er sein Okay gab, dass zwei Gastschauspieler für die Produktion verpflichtet werden dürfen (Bernhard Bauer in der Rolle des Bürgermeisters und Matthias Fuhrmeister als Lehrer). Grosse selbst steht als Pfarrer mal wieder selbst auf der Bühne und spart damit zusätzliche Kosten für sein unter Spardruck stehendes Haus.

Regisseur Christoph Roos, der zuletzt Molières "Menschenfeind" auf ein Wackelpodest brachte, hat sich die Probenarbeit mit dem Intendanten zweimal überlegt, dann zugesagt. Denn erstens ist das 55 Jahre alte Stück um die Käuflichkeit der Moral in unseren Tagen wieder angesagt; zweitens wird der 44-jährige Krefelder demnächst als neuer Oberspielleiter in Tübingen Dürrenmatts "Das Versprechen" inszenieren; und drittens findet Roos die Frage spannend, "wie Menschen ihr Gewissen beruhigen, wie sie sich einrichten in einer Welt voller Ungerechtigkeiten."

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Darum geht es Roos: um die Suche nach der individuellen Schuld, um glaubwürdige Personen auf der Bühne, um Emotionen. Roos will erzählen, wie es dazu kommen konnte, dass Claire, die als junge Frau von Ill geschwängert und verlassen worden war, ihr Leben der Rache widmet: der Rache an ihrem ehemaligen Geliebten, der mit gekauften Zeugen ihre Vaterschaftsklage abwendete; an dem Dorf Güllen, das sie verstieß, sie zur Prostitution zwang, bis sie die Frau eines Milliardärs wurde. Denn das ist die Ausgangslage im "Besuch der Alten Dame": dass Claire zurückkommt in die von ihr ruinierte Gemeinde und eine Milliarde auslobt für den Fall, dass Ill für sein Verbrechen getötet wird. Und sie weiß, dass sie gewinnt.

Dürrenmatt führt diese Versuchsanordnung exemplarisch durch. Seine Geschichte erzählt von der anfänglichen Empörung der Güllener anhand von Funktionsträgern: Der Politiker hat schon bald keine Skrupel mehr, Ill ans Messer zu liefern; der Pfarrer bringt es schließlich zu dem bigotten Vorschlag: "Flieh, Ill! Führe uns nicht in Versuchung." Für humanistische Gesinnung steht der Lehrer, der sich vom Standpunkt "lieber arm als blutbefleckt" wandelt zu demjenigen, der Ill das Gewehr zum Selbstmord lädt. "Unsere Welt heute ist voll von – auch mörderischen – Ungerechtigkeiten, in denen wir uns gut einrichten", sagt Roos. Man brauchte nur unseren ungebremsten Kauf von Markenklamotten mit verbrannten Näherinnen in Pakistan in Beziehung zu bringen.

Und auf der Bühne von Peter Scior erzählt er die Entwicklung des einst perspektivlosen Dorfes von der Verwahrlosung (Bühnenbild: Müllkippe) übers kollektive Schuldenmachen zum Wohlstand (Bühnenbild: schicke Leere). "Reichtum ist Reduktion", meint Roos. Seine Reduktion des Dürrenmatt'schen Personals auf sieben Männer und drei Frauen (der Rest des Ensembles ist im "Black Rider" in Krefeld besetzt) hat aber eher etwas mit Mangel zu tun. Da muss auch der originale kollektive Mord an Ill zum Schluss des Dramas eine andere Form annehmen. Welche? "Wird noch nicht verraten", sagt Roos.

(ark)