Mönchengladbach: Der Mensch und das Münster

Mönchengladbach: Der Mensch und das Münster

Passt die Skulptur von Maria Lehnen zum Münster? Oder verträgt sie sich nicht mit dem Gladbacher Wahrzeichen auf dem Abteiberg? Die Meinungen gehen auseinander, entscheiden müssen die Politiker.

Sie empfängt den Gast mit weit ausgebreiteten Armen. Majestätisch wirkt sie in ihrer himmelstrebenden Größe, gleichzeitig scheint sie in ihrer unerschütterlichen Ruhe manifestiert zu sein auf diesem Platz. Sie ist endlich angekommen. Um zu bleiben. So empfinden viele Besucher des Münsters die überlebensgroße Figur der Künstlerin Maria Lehnen. Seit Februar steht sie vor dem Hauptportal des Gladbacher Wahrzeichens, und viele kunstsinnige Bürger wünschen sich, dass dies so bliebe.

Einladung ins Gotteshaus

So auch Dr. Heinz Oberlack. "Das Wort ,Exit', das Joseph Beuys 1972 an das Hauptportal des Münsters schrieb, wirkt so, als habe er die Menschen aus der Kirche vertreiben wollen", sagt der Vorsitzende des Münsterbauvereins. "Bei der Skulptur von Maria Lehnen habe ich den Eindruck, sie ruft die Menschen in das Gotteshaus. Und das funktioniert, egal aus welcher Richtung ich komme." Oberlack, der sich wie kein Zweiter für den Erhalt und die Restaurierung der Mönchengladbacher Basilika eingesetzt hat, setzt sich gern und deutlich für den Verbleib der Skulptur auf dem Münsterplatz ein. "Ich würde mich sehr freuen, wenn das Kunstwerk dort bleiben könnte", sagt er.

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Die Entscheidung darüber treffen Gladbachs Politiker. Und dabei tun sich einige schwer. Die Figur sei schön — aber wäre sie nicht an anderer Stelle, vielleicht in einem Park, besser aufgehoben? So lautet eine Überlegung. "Wir haben mit Blick auf die Bedeutung und die Wirkung des Münsters den Eindruck, dass sich die Skulptur nicht mit dem Münster verträgt", meint die FDP-Fraktion.

Professor Albert Gerhards, Direktor am Seminar für Liturgiewissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn und Leiter der Kunstkommission des Bistums Aachen, hatte die Ausstellung von Maria Lehnen im Februar eröffnet. Die Künstlerin präsentierte Arbeiten im Münster und stellte die Figur "Der Mensch" vor das Bauwerk. Gerhards schrieb anschließend einen bemerkenswerten Aufsatz über die Präsentation, der in der Zeitschrift "Das Münster — Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft" veröffentlicht wurde.

Darin stellt er einen formalen und theologischen Zusammenhang zwischen Münster und Kunstwerk her: "Die autonome Skulptur ist von der Künstlerin in einen christlichen Deutungszusammenhang gestellt worden, der unwillkürlich an den gekreuzigten Christus denken lässt." Er sieht in der Figur das kosmische Bild des Menschen, der mit seinen Körpermaßen seinen Lebensraum abmisst und ihn auf diese Weise für sich selbst neu schafft. Und die christliche Assoziation sei der betende Mensch, der mit geöffneten Armen seinen Gott sucht.

(RP)
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