Serie: Was macht eigentlich?: Der letzte Wirt im Gasthof Schrey

Serie: Was macht eigentlich? : Der letzte Wirt im Gasthof Schrey

Dieses Jahr hätte Dieter Heymanns 120-Jähriges feiern können in seinem Gasthaus Schrey an der Friedrich-Ebert-Straße. Doch das Jubiläum in einer der ältesten Gastwirtschaften der Stadt gibt es nicht: Der Zapfhahn ist jetzt für immer zugedreht. Die Gastwirt-Tradition der Familie wird nicht fortgeführt.

"Onimm die Stunde wahr, eh' sie entschlüpft!", steht auf einem der mächtigen Holzbalken im Sälchen. Als Heinrich Schrey sein Gasthaus an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 199 eröffnete, hat er einige solcher Sprüche in die Deckenbalken schneiden lassen. 1895 war das. Die Inschriften haben die Zeit überdauert. Unter den dunklen Balken haben fast 120 Jahre lang Vereine getagt, sind Hochzeiten und Taufen gefeiert worden, gab es Beerdigungs-Kaffeetafeln. Wie viele Menschen sich hier im kleinen Saal, vor allem aber in der Gaststube, auf der Kegelbahn, im Garten und dem Schießstand, den es auch einmal gab, getroffen haben, vermag niemand zu sagen.

Die Zeit scheint stillgestanden zu sein im Gasthaus Schrey, wo noch die um 1940 von Adele Schrey geschriebene, nostalgische Preistafel hängt und verkündet, dass es "Kriegszuschlag" auf Getränke und Speisen gebe: 29 statt 25 Pfennig für ein Bier zum Beispiel. Und wer nach 50 Jahren noch einmal hereinschaut in die uralte gutbürgerliche Gaststätte, der erkennt erst recht alles gleich wieder: Es hat sich fast nichts verändert.

Nur der Wirt ist deutlich älter geworden. 75 wird Dieter Heymanns im Mai. Und nun war es ihm an der Zeit, sich an die Inschrift "Onimm die Stunde wahr, eh' sie entschlüpft" zu halten: Er hat zum letzten Mal hinter der Theke gestanden und dann den Zapfhahn endgültig zugedreht. Kurz vor Weihnachten, still und leise. Das 120-Jährige, das im kommenden Jahr erreicht worden wäre, gibt es nicht mehr. Mit dem Gasthaus Schrey hat eine der ältesten Rheydter Gaststätten geschlossen.

Nach Feiern ist Dieter Heymanns nicht zumute. "Doch es ist ein Ende ohne Bedauern, wenn auch mit Wehmut", sagt er. "Ich hatte mir früher mal gesagt: Wenn ich die 65 schaffe, dann mache ich mir noch ein paar schöne Jahre. Aber das habe ich dann doch nicht gekonnt." Weil er sich mit 65 noch zu jung fühlte um aufzuhören, "weil ich an der Gaststätte hänge und Spaß am Umgang mit den Gästen habe".

Aber mittlerweile fiel ihm das stundenlange Stehen hinter der Theke, oft bis in die Nacht hinein, immer schwerer, die harte Arbeit von Jahrzehnten als Gastwirt fordert ihren Tribut: "Richtig gesund bin ich nicht mehr, meine Frau Irmgard auch nicht. Und ich möchte mir noch ein paar schöne Jahre nehmen."

Das Geschäft war auch immer schwerer geworden. Kegelclubs, die früher regelmäßig kamen, gibt es kaum noch: "Die Bahn, die früher an jedem Tag mindestens zweimal und freitags, samstags restlos besetzt war, wurde zuletzt nur noch drei-, viermal die Woche genutzt", sagt der Gastwirt im ganz frischen Ruhestand. Viele seiner Stammgäste sind im Lauf der Jahrzehnte gestorben, Stammtische gibt es kaum noch. "So mancher Gast ist nur noch gekommen, weil ich da war. Die jüngeren Leute heute haben andere Interessen", sagt Dieter Heymanns. "Hinzu kommt das Rauchverbot. Früher kamen Stammgäste auch, um an der Theke ein paar Bier zu trinken und zu rauchen. Die bleiben jetzt weg."

So sah er für sein Gasthaus keine Zukunft mehr: "Verpachten bringt nichts. Denn es müsste viel zu viel verändert, die Küche samt Installationen bei einem Pächterwechsel komplett neu gemacht und den heute gültigen Vorschriften angepasst werden. Das rechnet sich nicht."

Trennen vom Eigentum, in dem schon vier Generationen Schreys und Heymanns seit dem Jahr 1870 gelebt haben, mag Dieter Heymanns sich nicht: Er bleibt wohnen. Uwe, einer seiner beiden Söhne, zieht demnächst ein. Er gehört zur vierten Generation im Haus; drei Enkel und einen Urenkel gibt es auch schon. Doch die Gastwirt-Tradition der Familie wird nicht fortgeführt werden: Enkel Patrick kann sich vorstellen, die bisherigen Gasträume für sich als Wohnung umzubauen.

Beinahe hätte auch schon Dieter Heymanns einen anderen Weg eingeschlagen. Nach dem "Einjährigen" am Hugo-Junkers-Gymnasium 1957 hatte er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann gemacht: in der Firma Kalderoni, die damals an der Haupt- und der Marktstraße in Rheydt, an der Hindenburgstraße in Gladbach, in Düsseldorf, Aachen und Duisburg Einrichtungshäuser betrieb. Es war Westdeutschlands größtes Möbelhaus damals und tat sehr viel für kompetente Beratung der Kunden: Kalderoni leistete sich eigene Lehrer, die den Nachwuchs des Hauses neben der Berufsschule weiterbildeten.

Das Möbel-Verkaufen machte Dieter Heymanns durchaus Spaß. Aber dann schaffte seine Mutter Adele es nicht, das Gasthaus Schrey alleine zu betreiben. Dieters Bruder Heinz-Gerd Heymanns, ein gelernter Wirt, konnte nicht einspringen: Er führte bis Ende der 70er Jahre den Heydener Krug an der Hardenbergstraße. Also wechselte Dieter Heymanns 1960 vom Möbelhaus in die Gastronomie — die ihn ein gutes halbes Jahrhundert nicht mehr losließ. Bis er jetzt den besagten Schlussstrich zog.

Nun also hat er viel Zeit, deutlich mehr Zeit als in all den Jahren zuvor. Erst einmal machter Wanderurlaub entlang der Mosel. Langeweile werde er als Pensionär nicht haben. "Es gibt genug zu tun: Radfahren, wandern und all das, wofür ich bisher viel zu wenig Zeit gehabt habe. Oder viel lesen, wozu ich außer der ausgiebigen Lektüre der Rheinischen Post schon lange nicht mehr gekommen bin. Ich habe bestimmt um die 50 Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Und ich liebe es, Kreuzworträtsel und Sudoku zu lösen."

(RP)
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