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Mönchengladbach: Der Leidenslauf

Mönchengladbach : Der Leidenslauf

Oliver Dienst lief in sieben Tagen 250 Kilometer durch die Sahara. Der Marathon des Sables hat sein Leben verändert. Bei 16-stündigen Wüstenetappen fühlen sich acht Zentimeter lange Dornen im Fuß nur noch wie lästige Blasen an.

Die Fassade ist dieselbe. Die nach hinten gegelten Haare sind genauso glatt wie Hemd und Hose. Gestriegelt wie eh und je sitzt der Großapotheker im sechsten Stock seines Rheydter Büros und starrt in seinen PC. Seine Gedanken sind in einer anderen Welt: Tausende Kilometer entfernt in Marokko, wo Oliver Dienst noch vor zwei Wochen 250 Kilometer durch die Sahara lief. Die sieben Tage in der Wüste haben sein Leben verändert. "Das, was ich dort erlebt habe, lässt sich in Worten nicht beschreiben." Es war der härteste Lauf seines Lebens.

Seine körperlichen Grenzen hat er einfach gesprengt. An einem Tag lief er 16 Stunden am Stück über Dünen, Steine, Felsen und Geröll. Auf einer Etappe lief er 30 Kilometer mit einem acht Zentimeter langen Dorn im Fuß und dachte, es wäre eine Blase. Einen anderen Tag lief er bei mehr als 50 Grad und zehn Prozent Luftfeuchtigkeit einen Marathon durch einen ausgetrockneten Salzsee und hatte dabei das Gefühl innerlich zu verbrennen. Wenn man seine Leidensgeschichte hört, glaubt man Dienst, dass dieser Satz keine Phrase ist: "Wenn du nicht mehr kannst, dann hast du erst 50 Prozent erreicht."

Seine Augen glänzen, als er sich durch die 700 Bilder klickt. Sie zeigen Extremsportler, wie sie dehydriert unter einem schattenspendenden Jeep liegen. Ein Tropf hängt an der Fahrertür. Dienst berichtet, wie ein hartgesottener Triathlet auf dem ausgetrockneten Salzsee hinter einem Busch hockt und hemmungslos weint. Doch weder seine Fotos noch seine Erzählungen reichen aus, um das Unfassbare zu schildern. Deshalb hat der 41-Jährige seinen Leidenslauf auf Tonband mitgeschnitten.

Als Dienst sein Diktiergerät abhört, verschwimmt das sterile Weiß der Bürowände um ihn. Vor seinem geistigen Auge erscheint ein Geröllberg. Er liegt nach 30 Kilometern am Ende der zweiten Etappe 800 Meter hoch vor ihm. Es ist der Höhepunkt seiner Leiden. Knapp eine Stunde braucht er, um ihn zu besiegen. Unter seinen Trekkingschuhen gibt der Sand immer wieder nach. Zentimeter um Zentimeter kämpft er sich hoch.

Trotz der 2000 Trainingskilometer mit dem Fahrrad und der Läufen über den Rheydter Müllberg mit 15 Kilo Gepäck zittern seine Muskeln. Auf Tonband lallt er: "So etwas Hartes habe ich noch nie erlebt." Als er oben angelangt, ist seine Muskulatur so übersäuert, dass er sich übergeben möchte. Doch dafür ist er zu erschöpft.

In seinem Zelt liegt er zwei Stunden regungslos auf dem Rücken. Keinen Tropfen Wasser kriegt er runter. Kein Ton kommt über seine Lippen. Nie hat er seinen Körper näher an sein Limit gebracht. Es ist bizarr: In der totalen Erschöpfung spürt er tiefe innere Zufriedenheit. Keine Sekunde denkt er ans Aufgeben. War doch genau das sein Ziel: Sich selbst beweisen, dass er mehr kann als "nur" einen Ironman aus 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42 Kilometern Laufen.

Bei der Ankunft nach sechs Etappen von im Schnitt 42 Kilometern würde er einer von knapp 10 000 Helden sein, die den härtesten Marathon der Welt bisher durchstanden haben. Alleine hätte aber auch Motivationskünstler Dienst das wohl nicht geschafft. Zeltkamerad Roland ist sein treuer Begleiter. Wie in Trance heftet sich Dienst dem Schweizer auf der Langetappe von 82 Kilometern an die Fersen und philosophiert mit ihm über ungeliebte Menschen, die den Laufschmerz im tiefen Sand vergessen machen. Sie setzen sich kleine Ziele, denken von Düne zu Düne, von Strauch zu Strauch und Checkpoint zu Checkpoint.

Als ihm der Helfer am letzten Checkpoint des Tages um 22 Uhr das 22. Liter Wasser reicht und sagt: "Nur noch 19 Kilometer", ist Dienst den Freudentränen nah. Um 2 Uhr ist das Duo am Ziel und pflegt seine Wunden. Dienst hat in den kochend heißen Schuhen so weiche Haut bekommen, dass man sie abziehen könnte. Ein Läufer hat sich die Füße nicht wie Dienst mit Tapes, sondern mit Pflastern abgeklebt. Diese sind mit der Haut verschmolzen und müssen rausgeschnitten werden.

Dienst kommt vergleichsweise harmlos davon: ihm fallen zwei Zehnägel ab. Nach den letzten Etappen von 42 und 21 Kilometern, die dem zweifachen Familienvater wie ein lockeres Auslaufen vorkommen, sagt Dienst: "Die waren es mir wert."

(RP)