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Serie Was Macht Eigentlich?: Der kleine Lippi: Äpfel klauen und die Folgen

Serie Was Macht Eigentlich? : Der kleine Lippi: Äpfel klauen und die Folgen

Wolfgang Lipke schwamm bei Länderkämpfen im Nationaltrikot - und das bereits mit 16 Jahren bei den Männern. Sein großes Vorbild war Paul Voell, gestorben 2004, die Schwimmsport-Legende der Stadt: Der startete 1956 und 1960 bei den Olympischen Spielen.

Es war keine einfache, aber doch eine schöne Zeit: die Nachkriegsjahre im von Bomben immer noch zerstörten Rheydt. "Wir spielten zwischen Trümmern, machten allerlei Unfug", erzählt Wolfgang Lipke, heute 71 Jahre alt. Zum Unfug gehörte zum Beispiel Äpfelklauen. Und das wurde dem Zehnjährigen zum Verhängnis: Er stürzte vom Baum, brach sich den linken Arm - und hatte die Nase immer noch nicht voll: "Eine Woche später kletterte ich, den Arm in Gips, auf ein Pferdefuhrwerk, das Baumstämme transportierte, fiel von der Deichsel und so unglücklich auf den rechten Arm, dass der Ellbogen brach. Und das zum Beginn der Ferien!", erzählt Wolfgang Lipke.

Es war ein komplizierter Bruch: Der Unterarm wollte nicht zurück in die richtige Position, trotz intensiver Behandlung. "Schließlich riet der Masseur, Herr Benölken hieß er wohl, meinen Eltern, mich jeden Tag zum Schwimmen zu schicken. Das könnte helfen." 20 Pfennig kostete der Eintritt ins alte Rheydter Stadtbad an der Stresemannstraße, dort wo heute Karstadt ist. 20 Pfennig, die jeden Tag bezahlt werden mussten und der Familie des Maurers Fritz Lipke schon wehtaten. Denn das Geld war knapp. "Als ich aufs Gymnasium ging, hat meine Mutter Kuchen gebacken, die Haare gemacht oder genäht, damit sie das Schulgeld aufbringen konnte, das es in den ersten Jahren noch kostete. 20 Mark im Monat waren es wohl", erzählt Lipke.

Empfang beim deutschen Botschafter in Tunesien: Wolfgang Lipke (unten, Mitte) mit dem Nationalteam beim Länderkampf mit Frankreich, Tunesien und Ägypten. Foto: WL

Doch das tägliche Schwimmen half, der Arm heilte. Und Wolfgang fand Spaß am Schwimmen, zeigte Talent. Was Bademeister Karl-Heinz Knops auffiel. "Willst du zu uns in den Verein kommen und richtig trainieren?", fragte er. Dann erschien Vorstandsmitglied Hans Segschneider bei den Lipkes: "Ihr Sohn kann etwas werden. Bei uns kann er sich entwickeln. Und Beitrag braucht er nicht zu zahlen."

Segschneiders Verein, das ist die Schwimm-Sport-Vereinigung Rheydt, kurz "SSV". Und in der gab es einen Mann, der bis heute eine Mönchengladbacher Schwimmsport-Legende ist: Paul Voell. "Er war unser Idol", sagt Lipke. "Als ich mit dem Schwimmen anfing, hatte er schon seine ersten Olympischen Spiele erlebt, 1956 in Melbourne." Voell, insgesamt zehnmal Deutscher Meister, hatte sich bei der gesamtdeutschen Ausscheidung gegen die Sportler aus der DDR durchgesetzt, kam in Melbourne bis in den Zwischenlauf über 100 Meter Kraul - und schaffte all dies vier Jahre später bei den Spielen in Rom noch einmal. "Wir haben zusammen trainiert, sind zusammen gereist und in der Staffel gestartet", erzählt Lipke "Leider ist Paul 2004 mit nur 68 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben."

Stammtisch der SSV-Senioren im Rheydter Ratskeller (von links): Wolfgang Lipke (71 Jahre); Kalla Esser (89), Karl-Heinz Knops (92) und Arthur Esser (81). Foto: WL

So erfolgreich wie sein Idol wurde Wolfgang nicht. Aber er war der erste Mönchengladbacher Schwimmer, der nach Voell das Trikot der Nationalmannschaft trug: bei vier Ländervergleichskämpfen mit Frankreich, Ägypten und Tunesien - das erste Mal mit erst 16 Jahren und als der Kleinste im Team. ",Der kleine Lippi' wurde ich immer genannt", sagt der 71-Jährige. "Ich war nur 1,66 Meter groß. Damit hätte heute kein Schwimmer eine Chance, auch nur einigermaßen vorne dabei zu sein. Die sind heute alle 1.90 oder zwei Meter groß."

Allwöchentliche Schwimmstunde in Rheindahlen: Wolfgang Lipke (71). Foto: Ilgner

Doch der "kleine Lippi" schwamm damals vorne mit: Er wurde Erster bei den Westdeutschen Jugendmeisterschaften und Dritter bei den Deutschen Meisterschaften, war danach bei den Männern der Deutschen Meisterschaften regelmäßig in den Endläufen. Und: "Paul Voell war zwar über 100 Meter Kraul in Deutschland nicht zu schlagen. Aber über 100 Meter Rücken oder Delphin, meine Spezialdisziplin, da war ich schneller. Meine Bestzeit: 1.02,7 Minuten." Einmal, bei einer Veranstaltung in Wickrath, war er sogar schneller als Gerhard Hetz. Der war in den 60er Jahren der herausragende deutsche Lagen- und Freistilschwimmer, gewann 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio mit der deutschen Staffel Silber und Bronze.

Triathlon-Lauf mit dem fünfjährigen Töchterchen Nadine, 1983 in Koblenz. Foto: WL

Das Äpfelklauen hat Wolfgang Lipke auf einen nicht geplanten sportlichen Weg gebracht: "Bis dahin hatte ich ab und zu zwischen den Trümmern an der Düsseldorfer Straße, wo der Bahnhof Geneicken total zerbombt war, Fußball gespielt." Und Unfug gemacht. Im Schwimmen aber hatte er neben dem Talent auch viel Ehrgeiz, mit diesem brachten seine Trainer bei der SSV, Karl-Heinz Knops und Karl Arthur Esser, ihn in die Erfolgsspur. Ihn und seine Sportkameraden: "Christian Steinhagen, Dieter Axmacher, Gerhard Comelli, Ulrich Jöris und ich waren ein starkes Team. Und für die damalige Zeit beinahe an der Grenze zum Hochleistungssport mit fast täglichem Training und zweimal im Jahr zweiwöchigen Trainingslagern des Deutschen Schwimm-Verbandes für uns Kaderschwimmer."

Einlauf in Athen am 21. Oktober 1990: "In dem Stadion, das schon 107 Jahre vorher, 1883, Ziel des ersten Maratonlaufs gewesen ist", erzählt Wolfgang Lipke. Foto: WL

Dabei mussten sie daheim noch im alten Stadtbad an der Stresemannstraße trainieren, auf einer 20-Meter-Bahn. "Wenn wir dann bei Meisterschaften auf eine 50-Meter-Bahn kamen, war es keine einfache Umstellung. 1969 wurde dann endlich das Pahlkebad eröffnet", erinnert sich Wolfgang Lipke.

Rheydter Trio (von links): Rainer Todt, Wolfgang Lipke und Christian Steinhagen. Foto: WL

Doch da ging seine "aktive" Zeit als Schwimmer auch schon so langsam dem Ende entgegen. Denn an erster Stelle stand bei ihm immer das Vorwärtskommen im Beruf. "Deswegen habe ich auch schon mit 24 Jahren mit dem Sportschwimmen aufgehört. "

(RP)