Mönchengladbach: "Der Job besteht nicht nur aus Kuscheln"

Mönchengladbach: "Der Job besteht nicht nur aus Kuscheln"

Das Anforderungsprofil für Erzieherinnen ist anspruchsvoller geworden, dennoch hält sich das Bild der "Basteltanten". Zwei Frauen erzählen, warum sie den Beruf trotz oftmals geringer Wertschätzung und schlechter Bezahlung wählten.

Tamara Brandhorst hat ihren heutigen Beruf schon früh kennen gelernt: beim Schulpraktikum. Trotzdem schlug die heute 26-Jährige nach dem Fach-Abi nicht den direkten Weg zur staatlich anerkannten Erzieherin ein. Tamara Brandhorst legte ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, genau genommen waren es sogar zwei Jahre. Und das, was sie in der Zeit in einer Förderschule als Integrationshelferin erlebt hat, sollte sie stark prägen. "Die Arbeit mit behinderten Kindern und ihre Dankbarkeit - diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wirksam meine Hilfe sein kann", sagt sie. Von da an stand für Tamara Brandhorst fest: "Du gehst diesen Weg. Du willst mit Kindern arbeiten."

Seit August 2017 hat Tamara Brandhorst eine Vollzeitstelle in der Kita Josef-Drauschke-Straße in Holt, in der es auch inklusive Gruppen gibt. Noch betreut die 26-Jährige eine U3-Gruppe - und das mit Herzblut. Aber die Perspektive, dass sie später einmal mit behinderten Kindern arbeitet, besteht. Und dafür muss sie noch nicht einmal die Einrichtung verlassen. "Die Teamarbeit hier ist toll", sagt sie. Und: "Ich fahre morgens mit einem guten Gefühl hierhin zur Arbeit, und kehre abends mit einem ebenso guten Gefühl zurück."

Name Doris Schmitz Alter 57 Stelle in der Kita Altenbroicher Straße, Vollzeit, seit 1. Januar 2018 Verdienst 1900 netto Foto: Detlef Ilgner
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Dabei stünden der 26-Jährigen noch ganz andere Möglichkeiten offen. Denn mit der Ausbildung zur Erzieherin holte Tamara Brandhorst am Vera-Beckers-Berufskolleg in Viersen auch ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,7 nach. Doch ans Studieren denkt die junge Erzieherin derzeit nicht. Auch weil die duale Ausbildung anstrengend war, wie sie selbst sagt. "Das bedeutet auch doppelter Druck. Ich war immer hin- und hergerissen: Soll ich mich jetzt mehr auf das Abi oder mehr auf die Ausbildung fokussieren?", sagt sie. Tamara Brandhorst schaffte den Spagat. Die Ausbildung schloss sie mit einer glatten Eins ab.

Nach ihrem Anerkennungsjahr bekam Tamara Brandhorst sofort einen Job. Sie habe sich ganz bewusst bei der Stadt Mönchengladbach beworben, sagt sie. Denn mit den vielen städtischen Einrichtungen gebe es auch viele Möglichkeiten und Chancen. Außerdem ist Tamara Brandhorst Mönchengladbacherin. Ihre jetzige Aufgabe erfüllt sie. "Manche mögen ja sagen: ,Du verdienst doch nur mit Kuscheln und Schmusen dein Geld.' Aber wer die Arbeit kennt, weiß, dass dies nicht stimmt", sagt die 26-Jährige, die zusammen mit einer weiteren Fachkraft 13 Kinder unter drei Jahren betreut. "Mein Energielevel ist am Abend wirklich auf Null." Aber das ist egal, wenn am nächsten Tag "die Kleinen lachend in die Gruppe getapst kommen und sich sichtbar auf die Kita freuen." Als Doris Schmitz sich mit über 50 für einen beruflichen Laufweg als Erzieherin entschied, haben viele ihrer Bekannten amüsiert gelächelt oder zweifelnd die Augenbraue hochgezogen. Aber für die heute 57-Jährige stand fest: "Ich möchte im U3-Bereich arbeiten." Ausschlag gab eine Vorlesung im Rahmen des Faust-Gasthörerprogramms an der Hochschule Niederrhein, an der Doris Schmitz teilnahm und in der es um die Wichtigkeit der Erziehung in der frühen Kindheit ging. "Das hat mich überzeugt", sagt die 57-Jährige, die vorher als Fotografin und als Übungsleiterin im Bereich Rückenschule tätig war und heute noch Kammerchor-Sängerin ist. Vor zwei Jahren beendete Doris Schmitz ihre Praxisintegrierte Ausbildung (kurz: PIA), in der man von Anfang an eine Ausbildungsvergütung bekommt. Auch sie erarbeitete sich einen Einser-Abschluss. "Danach standen mir alle Türen offen - trotz meines Alters", sagt sie. Nicht nur das: Das Alter hat auch Vorteile. Eltern reagierten oft positiv, berichtet Doris Schmitz, die als Mutter viel praktische Erfahrungen in der Kindererziehung hat. Außerdem: "Bei mir kommt keine Babypause mehr", sagt Doris Schmitz. Sie findet die Arbeit im U3-Bereich ist "das Schönste", auch wenn pflegerische Arbeiten wie Wickeln, Anziehen und Näschen putzen dazu gehören. "Das macht mir gar nichts." In der frühen Kindheit könne man noch viel zur Entwicklung beitragen, findet die 57-Jährige. Es sei wichtig, Kinder sozial so zu begleiten, dass am Ende keine Gewalt dabei herauskommt, sondern ein schönes beschütztes Leben. Von Bekannten, die als Lehrer arbeiten, wisse sie, dass es im Grundschulalter oft zu spät sei, um noch etwas "herumzudrehen". Kinder, die schon sprechen können, nennen Doris Schmitz "Dora". Wenn ganz, ganz selten einmal ein "Mama" entschlüpft, macht die 57-Jährige schnell klar, dass sie nicht die Mutter ist. Sie sieht sich in einer "Bildungspartnerschaft" mit den Eltern. Auf die Frage, ob sie mit ihren Verdienst zufrieden ist, antwortet die Alleinerziehende mit einem ganz klaren "Nein". Mehr Geld würde auch die Wertschätzung zeigen. Denn in Beruf als Erzieherin trage man sehr viel Verantwortung. Dennoch: "Es ist wunderschön Kinder zu begleiten, ihre ersten Schritte zu sehen, ihre ersten Zwei-Wort-Sätze zu hören und ihre ausgestreckten Ärmchen zu sehen."

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