Bernhard Paul: Der größte Feind vom Zirkus ist der schlechte Zirkus

Bernhard Paul: Der größte Feind vom Zirkus ist der schlechte Zirkus

Der Roncalli-Chef über Parkplatz-Populismus, die Poesie im Zirkus und seinen Wunsch, den Zirkus zum Weltkulturerbe zu machen.

Sie sind jetzt schon einige Zeit in Mönchengladbach. Wie gefällt es Ihnen?

Paul Es gefällt mir gut, ich habe sogar schon einen Antiquitätenhändler gefunden. Ich sammle ja exzessiv Antiquitäten: alte Haushaltsgeräte, alte Lampen, Kaufmannsläden. Meine Sammlung füllt vier Hallen.

Wie haben Sie die Diskussion um die wegen des Zirkus nicht nutzbaren Parkplätze auf dem Geroplatz erlebt?

Paul Ich habe mich sehr über den Oberbürgermeister gefreut, der sich auch so kurz vor der Kommunalwahl nicht zum Sklaven vom Populismus der Parkplatz-Frage gemacht hat. So haben Sie den schönsten Zirkus Europas – wie die New York Times Roncalli genannt hat – mitten in der Stadt, können ihn zu Fuß erreichen. Sie können die wunderbaren Melodien des Orchesters unter Umständen hören, wenn Sie das Fenster abends aufmachen. Wer sich da wegen der Parkplätze beschwert, gehört zu einer Minderheit. Wir haben bisher 19 000 Tickets verkauft. Die Mehrheit sich freut, dass Roncalli in der Stadt ist.

Sie haben den Zirkus Roncalli vor fast vierzig Jahren gegründet. Ihre Umwelt hat Sie vermutlich für verrückt erklärt. Was hat Sie zum Zirkus gezogen?

Paul Ich habe den Zirkus schon als Kind geliebt. Auf die Clowns habe ich immer gewartet, der Bär im Käfig dagegen hat mir leid getan. Bei den nicht abgesicherten Hochseilnummern habe ich aus Angst nicht hingesehen. Die Entscheidung, Zirkus zu machen, habe ich nicht getroffen, um Gutes zu tun. Ich habe einfach die heile Welt des Zirkus vermisst. Und es hat sich gezeigt, dass viele andere Menschen sie auch vermisst haben. Roncalli war dann der erste Zirkus ohne Tiershow. Nur auf die Pferde haben wir nicht immer verzichtet. Pferde sind ja schließlich auch Menschen (lacht). Den Todeskitzel wie beim Hochseil habe ich eliminiert. Zirkus soll zum Hingucken sein, nicht zum Wegsehen.

Wie bauen Sie ein Programm auf?

Paul Wir nehmen die Zuschauer auf eine Reise mit. Da ist es wichtig, einen dramatischen Aufbau zu finden, der über die ganze Zeit hält. Clowns und Hochleistungsakrobatik wechseln sich ab, genauso wie schnelle und langsame Nummern. Beim Humor steht mir Loriot näher als Cindy aus Marzahn. Charlie Chaplin ist mein eigentlicher Schutzheiliger. Wenn der Intellektuelle und das Kind zusammen lachen, dann haben wir alles richtig gemacht. Zirkus wendet sich an alle, an die ganze Familie. Das Programm ist ein wohlüberlegtes Spiel mit Emotionen. Wichtig ist mir zum Beispiel, dass es ein großes Finale mit Karnevalsstimmung, Konfetti und Musik gibt. Das Finale muss krachen. Aber damit entlassen wir die Leute nicht, sonst verlassen sie den Zirkus in einer Stimmung wie nach einem Fußballspiel. Die Aufführung endet mit einer poetischen Szene, abends zum Beispiel mit den Clowns im Nachthemd, die die Zuschauer nach Hause schicken. Wenn die Menschen dann den Zirkus verlassen, sind sie gut gelaunt und freundlich zueinander. Das ist jedes Mal wie ein Wunder. Ich stehe manchmal am Ausgang, um zu sehen, in welcher Stimmung die Zuschauer nach Hause gehen.

Wie finden Sie die Top-Nummern für Ihr Programm? Gibt es noch genug Akrobaten?

Paul Man muss viele Frösche küssen, ehe man eine Prinzessin findet. Wir haben eine eigene Castingstelle in Köln. Dort werden kiloweise CDs gesichtet, die wir zugeschickt bekommen. Wenn wir dann Verträge machen, haben wir auch das Recht, Nummern zu verändern in der Choreographie, den Kostümen, der Dauer. So werden Top-Nummern manchmal erst bei uns geschaffen. Es kommen viele gute Leute aus Russland, China, Frankreich oder Italien, wo es zum Teil auch entsprechende Zirkusschulen gibt.

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Roncalli hat von Anfang an auf die Tiershow verzichtet. Verurteilen Sie Tiernummern im Zirkus?

Paul Nein, es geht darum, dass die Tiere artgerechte Dinge machen. Wenn zwei Bären im Flitterkleid Fahrrad fahren, dann ist das sicher nicht artgerecht. Mir ist jedenfalls im Wald noch nie ein Bär auf dem Rad begegnet. Wenn aber kritisiert wird, dass Elefanten sich auf die Hinterbeine stellen, dann wissen die Kritiker nichts über Elefanten. Die stellen sich in der Natur auch auf die Hinterbeine. Die Tierschützer sollten ein wenig Vernunft walten lassen. Die Elefanten, die heute beim Zirkus Krone sind, kann man nicht mehr auswildern. Was soll man tun? Sie erschießen? Das Problem erledigt sich auf Dauer allein, denn die Einfuhr von Elefanten ist verboten. Bei Pferden haben wir bei Roncalli außerdem auch immer eine Ausnahme gemacht. Auch jetzt haben wir eine Pferdenummer im Programm.

Wie hat sich Roncalli in den Jahren seines Bestehens verändert? Haben Sie dazu gelernt?

Paul Man lernt jeden Tag dazu. Wir sind im Laufe der Jahre immer perfekter geworden, verfügen über modernste Licht- und Tonanlagen. So können wir einen fast unwirklichen Sound erzeugen, was in einem Zelt nicht einfach ist. Das ganze Drumherum ist perfektioniert worden. Als wir anfingen, hatten wir drei alte Traktoren als Zugmaschinen, von denen zwei immer kaputt waren. Heute haben wir einen hervorragend funktionierenden Fuhrpark. Beim Programm sind die Ansprüche immer höher geworden. Das Tempo hat sehr angezogen. Die Nummern sind heute kürzer, schneller, komprimierter. Die Seifenblasennummer von Pic würde heute immer noch funktionieren, müsste aber kürzer sein. Wir leben heute in einer anderen Welt. Das geht beim Ladenschluss los: Früher war um 18 Uhr Schluss. Da konnte jeder geduscht um 20 Uhr im Zirkus sitzen. Das ist vorbei. Es war mir sympathischer, aber wir wachsen mit den Veränderungen. Allerdings ist vieles komplizierter geworden. Es gibt unglaubliche Überregulierungen. So hat uns die Berufsgenossenschaft vorgeschrieben, alle Treppen zu den Zirkuswagen mit Geländern zu versehen. Wir mussten 200 Geländer anschaffen, müssen sie aufbauen und in einem Extra-Wagen transportieren. Das kostet ein Vermögen. Dabei gab es noch nie einen Unfall, außer einem: Ein Artist hat sich die Hand gebrochen, weil er an ein Geländer gestoßen ist.

Der Zirkus galt schon als tot, als Sie 1975 Roncalli gründeten. Leben Totgesagte länger?

Paul Nein, der Zirkus ist schon tot. Wir sind ein rollendes Museum mit hundert Jahre alten Zirkuswagen. Zirkus Krone ist ein Dinosaurier, ein Zeitdokument von 1920, das ich mir sehr gern ansehe. Der Schweizer Nationalzirkus Knie ist ein Denkmal, ein toller Zirkus. Aber die anderen sind lebende Leichen. Der größte Feind des Zirkus ist der schlechte Zirkus. Es wäre in Deutschland aber an der Zeit, den Zirkus als Kultur anzuerkennen. Seit Goebbels' Zeiten ist der Zirkus in Deutschland Gewerbe. Wir zahlen Gewerbesteuer. Dagegen ist der Zirkus in Frankreich oder Italien eine Kultureinrichtung und wird entsprechend gefördert. In Russland gibt es eine große Zirkustradition. Zirkus steht er auf einer Stufe mit Theater und Ballett. Ich habe ein großes Ziel: Ich möchte, dass der Zirkus Weltkulturerbe wird.

Sie werden im Mai 67 Jahre alt. Wird eines Ihrer Kinder einmal den Zirkus übernehmen wollen?

Paul Ich fühle noch kein Zwicken oder Zwacken, aber die Nachfolge ist kein Problem. Ich habe drei Kinder, die arbeiten alle in der Manege und wollen den Zirkus übernehmen.

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(arie)
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