Der Gladbacher Max Finke macht eine Ausbildung zum Piloten

Serie Junge Macher in MG (4) : Der Traum vom Fliegen

Es ist eine Sehnsucht, die die Menschheit seit Jahrhunderten bewegt: Das Gefühl, wie ein Vogel den Himmel zu erobern. Der 19-jährige Max Finke ist gerade dabei, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er macht eine Ausbildung zum Piloten am Flughafen Mönchengladbach.

Morgens, wenn die Luft ganz ruhig ist und man beim Starten die Sonne im Hintergrund aufgehen sehen kann, ist für Max Finke die schönste Zeit zum Fliegen gekommen. Wenn er dann startet, die Welt unter sich beobachtet und mit 180km/h durch die Lüfte schwebt, ist er gleichzeitig entspannt und vollkommen konzentriert. Es ist anstrengend, sich mit dem Flugzeug durch die Luft zu bewegen. Ein Flugzeug lässt sich nicht einfach wie ein Auto steuern. Man muss die Zusammenhänge des Fliegens kennen, fokussiert sein, die Maschine vollständig beherrschen. Höhe, Kurs und Geschwindigkeit müssen ständig koordiniert werden. Eine Stunde in der Luft ist laut Finke so anstrengend wie zwei bis drei Stunden Autofahren. Und die Verantwortung für sich und alle anderen Menschen zwischen den Wolken und auf der Erde ist immer als stiller Passagier mit dabei.

Angst vor der Höhe hat Finke aber keine. „Es ist ein beruhigendes Gefühl, alles selbst kontrollieren zu können“, sagt der 19-Jährige. Das Fliegen schenkt ihm Ruhe. Und wenn er eine Kurve richtig fliegt und eine perfekte Landung hinbekommt, auch gleich viele kleine Erfolgserlebnisse. Und dann ist da ja auch noch die Aussicht. Und dieses unfassbare Gefühl der Freiheit.

Seit Juni 2017 macht der Gladbacher nun eine Ausbildung zum Piloten an der „RWL German Flight Academy“ am Flughafen Mönchengladbach. Erst im Mai letzten Jahres hat er sein Abitur am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium gemacht, zwei Wochen später ging es direkt weiter an der Flugschule. Um hier angenommen zu werden, musste Finke eine medizinische Untersuchung machen und in einer Leistungsprüfung seine Konzentrationsfähigkeit, sein Gedächtnis, sein logisches Verständnis und seine Mathe- und Physikkenntnisse unter Beweis stellen.

Danach fing der erste Teil der Ausbildung an: der Erwerb der Privatpilotenlizenz (PPL). Dafür musste der Gladbacher fünf Wochen Theorieunterricht und 45 Praxisstunden mit einem zwei- oder viersitzigen Flieger absolvieren. Finke hat das alles geschafft - und nach seinem ersten Solo-Flug sogar eine Krawatte von der Flugschule bekommen. Jetzt heißt es für ihn: größer denken. Denn Finke möchte ja nicht nur in seiner Freizeit ab und zu mal abheben, sondern den Himmel zu seinem Büro machen. Darum möchte er jetzt die Lizenz für Verkehrspiloten erreichen. Von 9 bis 16 Uhr geht er darum unter der Woche und manchmal auch samstags zum Theorie-Unterricht. Hier lernen die auszubildenden Piloten aus ganz Deutschland und den Nachbarländern die Instrumente im Flugzeug kennen, erfahren, wie sich das Wetter aufbaut, wann man fliegen darf und wann nicht, wie ein Flugzeug aufgebaut ist oder was zu tun ist, wenn plötzlich ein Feuer ausbricht und das Flugzeug notlanden muss. Auch das Luftrecht muss sitzen.

Finkes Lieblingsfach in der theoretischen Ausbildung ist aber die Aerodynamik. Hier lernt er, wie sich das Flugzeug je nach Fläche in verschiedenen Situationen verhält. Dass dieses Fach dem 19-Jährigen besonders viel Spaß macht, hat einen Grund. Denn er kann sein Wissen genau auf das Hobby anwenden, das bei ihm überhaupt die Leidenschaft für das Fliegen geweckt hat: das Modellfliegen.

Finke war sechs Jahre alt, als er sein erstes Modell-Flugzeug von seinen Eltern geschenkt bekam. Sein Vater – selbst im Modellflugsport aktiv und noch dazu Fluglehrer – hatte es ihm zum Lernen gegeben. Ein Jahr später schickte Finke das Modell dann das erste Mal in die Luft. Und gewann schnell Freude an der Technik, den Motoren und der Wissenschaft, die hinter all dem steckt. Seit 2007 nimmt Finke darum mit seinen eigenen Modellen aus Kohlefasern und Kernmaterial an Wettbewerben teil. Hier muss er entweder innerhalb einer vorgegebenen Zeit möglichst lange mit seinem Modell in der Luft bleiben und dann mit möglichst wenig Abstand zu einem Landepunkt wieder auf den Boden aufsetzen oder das Modell selbst per Wurfstart in die Luft befördern und dann schauen, wie lange es fliegt.

Mit seinem Können schafft es Finke regelmäßg zu den Europa- und Weltmeisterschaften des Modellfliegens. In seiner Freizeit ist er darum oft mit dem Auto und dem Wohnwagen in Europa unterwegs. Und sammelt auf diese Weise gleich wichtige Kontakte zu Piloten, die schon bei einer Airline arbeiten. Durch die Wettbewerbe und durch seinen Vater, bei dessen Flugstunden er schon früh mit dabei war, ist das Fliegen für Max Finke Alltag. „Schon als Kind war ich immer überzeugt, irgendwann einmal Pilot zu werden“, sagt der Mönchengladbacher. Und ist dabei nun bis heute geblieben.

Im Juli steht Finke nun die große Theorieprüfung für die Verkehrspiloten-Lizenz bevor. 16.000 potenzielle Fragen muss der Gladbacher dafür auswendig lernen. „Die ganzen Zahlen und Faktoren auswendig zu lernen, ist gar nicht so einfach. Das Fliegen fällt mir da schon viel leichter“, sagt der 19-Jährige. Darin hat der junge Pilot mittlerweile auch schon einiges an Übung. Während der Flugstunden geht es beispielsweise mal nach Essen oder nach Dinslaken und wieder zurück. Einmal ist Finke sogar schon bis nach Trier geflogen. So ein Flug bedarf dann einiges an Vorbereitung: Am Computer müssen das Wetter nachgeguckt, die aktuellen Satelliten-Bilder ausgewertet und die Strecken genau studiert werden. Dann folgt die Bestimmung von Höhe und Kurs.

Und selbst danach kann trotz perfekter Planung immer noch etwas Unvorhergesehenes passieren: „Auf dem Weg nach Trier konnten wir zum Beispiel über eine Frequenz mithören, wie ein anderes Flugzeug einen Triebwerkausfall gemeldet hat. Da war die Anspannung im Flugzeug wirklich groß. Mir wurde plötzlich bewusst, dass wirklich etwas passieren kann“, erinnert sich Finke.

Bis Ende des Jahres möchte er  nun fertig mit seiner Ausbildung sein und damit die Berechtigung erlangen, sein Geld mit dem Fliegen zu verdienen. Bis er aber dann wirklich als Kapitän arbeiten kann, dauert es noch. Erst muss sich der 19-Jährige bei einer Airline mit 1500 Flugstunden extra für die Modelle der Fluggesellschaft ausbilden lassen. Los geht es dann erst einmal mit vielen Kurz- und Mittelstreckenflügen – Hauptsache, es wird so viel wie möglich geflogen.

Denn mit seinem ersten Gehalt muss Finke den Kredit für die Ausbildung zurückbezahlen. Und der hat es in sich: 75.000 Euro kostet die Ausbildung an der Flugschule, dazu kommt noch einmal das Geld für die Ausbildung bei der Airline. „Im Moment sieht der Arbeitsmarkt für Piloten aber gut aus“, sagt Finke. „Viele Airlines bauen Strecken aus.“ Und auch sonst sieht er seiner Zukunft selbstbewusst entgegen: „Ein Pilot muss ein guter Team-Player sein, darf sich aber auch nicht hinter der Gruppe verstecken. Er muss überzeugt von sich sein und wissen, was er tut. Und er darf nicht zögern: Auch, wenn ein Kapitän 50 Jahre Flugerfahrung hat - als junger Pilot hat man trotzdem etwas zu sagen“, berichtet Finke.

Wie genau stellt er sich aber sein zukünftiges Jetlag-Leben zwischen Himmel und Erde vor? „Im Moment macht der Beruf für mich den besonderen Reiz aus, oft unterwegs zu sein, verschiedene Dinge zu sehen, mit unterschiedlichen Leuten zu arbeiten und ihre Geschichten zu hören. Darauf habe ich genau jetzt Lust. Darum würde ich in den ersten Jahren gerne viel rumreisen, viel erleben und ausprobieren und auch nicht jede Nacht zu Hause schlafen“, sagt der junge Pilot.

Eine Dauerlösung ist das für ihn aber nicht: „Irgendwann möchte ich mal eine Familie gründen. Dann kann ich mir vorstellen, besonders Mittelstreckenflüge zu machen, bei denen ich möglichst jeden Abend zu Hause sein kann. Viele Airlines bieten ihren Piloten auch Teilzeit-Modelle an oder die Möglichkeit, etwas anderes in der Firma zu machen“, sagt Finke. Davor möchte sich der 19-Jährige aber noch einige Träume erfüllen: „Ich würde gerne einmal nach Neuseeland oder Asien fliegen. Besonders der riesige Flughafen in Singapur fasziniert mich. Und eine Boeing 777 würde ich gerne einmal fliegen“, sagt der Gladbacher. Das Ziel von Max Finkes persönlicher Reise ist also klar. Jetzt heißt es nur noch: Warten auf die Starterlaubnis.